French Open - Andre Agassi und Co.: Der Aufstieg der Supercoaches - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Fotostrecke: Der Aufstieg der Supercoaches

Foto: imago/Paul Zimmer

Ehemalige Tennis-Weltstars als Trainer Was, bitte schön, macht ein Supercoach?

Als er sich von Coach Boris Becker trennte, ging es für Novak Djokovic bergab. Jetzt soll Andre Agassi helfen. Was bringen solche Supercoaches den Spielern wirklich - und könnte auch Angelique Kerber davon profitieren?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt die kleinen Momente, in denen sogar Stars wieder zu Fans werden. "Oh, da steht Stefan Edberg!", überkam es Roger Federer vor ein paar Jahren, als er Edberg plötzlich im selben Raum entdeckte. Sekunden später hatte Federer seine Sinne wieder beisammen. Natürlich stand da Stefan Edberg. Edberg war schließlich sein Trainer.

Ende 2013 war es, als der Begriff "Supercoach" Einzug in die Tennisszene hielt. Federer hatte sein Jugendidol Edberg verpflichtet, Andy Murray arbeitete schon seit einiger Zeit mit Ivan Lendl zusammen. Und Novak Djokovic hatte tatsächlich Boris Becker aus der Versenkung geholt. Da saßen die drei wieder an den Plätzen, an denen sie vor 20, 30 Jahren selbst ihre großen Erfolge gefeiert hatten. Sie sollten aus den besten Spielern der Welt das letzte Prozent rausholen.

Federer und Edberg: Das Spiel neu ausgerichtet

"Ich finde es wunderbar, wenn ich am Tisch mit Stefan sitze und seine Geschichten hören kann. Wir reden über Gott und die Welt, natürlich auch über Tennis", sagte Federer der "Luzerner Zeitung". Wobei sich der Einfluss des stillen Schweden schnell mit Zahlen belegen ließ. Edberg gilt als bester Aufschlag-Volley-Spieler der Geschichte, er besiegte Becker 1988 und 1990 in Wimbledon. Er war derjenige, der den so schwierigen Übergang von der Grundlinie zum Netz am schnellsten von allen hinbekam. Die Kombi Federer/Edberg ergab für alle Sinn.

Fotostrecke

Fotostrecke: Der Aufstieg der Supercoaches

Foto: imago/Paul Zimmer

Während Federer beim Wimbledon-Turnier 2010 nur zu fünf Prozent Serve-and-Volley spielte, stieg diese Zahl in Wimbledon 2014, im ersten Jahr unter Edberg, auf 22 Prozent an. Federer richtete sein Spiel neu aus und erreichte unter seinem Trainer drei Grand-Slam-Finals und Rang zwei der Welt. In zwei Jahren, in denen eigentlich Djokovic der überragende Akteur war, ist das eine gute Bilanz.

Becker hatte es bei seiner Verpflichtung Ende 2013 schwerer. Er war damals eher als fliegenklatschender Pokerspieler aufgefallen denn als Tennislegende. Doch Becker machte sich. Geschichten, die typisch für Becker sind, machten bald die Runde. Nach Djokovics French-Open-Niederlage 2015 gegen Stan Wawrinka setzte Becker beim darauffolgenden Wimbledon direkt ein Training an. Mit Wawrinka. "Paris war vorbei. Und da gibt es Wege, wie man manche Dinge überwindet. Aber um sie zu überwinden, muss man sich ihnen stellen", sagte er der "New York Times". Djokovic gewann den Titel. Die stolze Bilanz des Teams "Beckovic" nach drei gemeinsamen Jahren: sechs Grand-Slam-Titel bei zwölf Teilnahmen.

Der Supercoach: Mehr fürs Mentale

Auch die Bedeutung der Psyche ist wichtig. "Wenn der Spieler zur Box schaut und jemanden sieht, den er bewundert hat, kann es helfen, dass er sich beruhigt und den Fokus behält", sagte Goran Ivanisevic, ehemaliger Coach von Marin Cilic, den er zum US-Open-Sieg führte.

Ivan Lendl macht keinen Hehl daraus, dass er sich komplett aus dem technischen Bereich heraushält, "weil ich darin ganz schlecht bin". Und doch war Lendl ausschlaggebend für Murrays ersten Major-Titel, nachdem der zuvor in allen vier Grand-Slam-Endspielen unterlegen war. Wie Lendl zu seiner aktiven Zeit auch - der berühmte Erfahrungsvorsprung. Denn Lendl gewann nach seinen anfänglichen Pleiten noch acht Grand-Slam-Turniere und war jahrelang Nummer eins der Welt. Murray könnte das auch schaffen.

Aktuell sorgt Djokovic für die spannendste Supercoach-Konstellation. Nachdem er vor einem Jahr in ein Motivationsloch gefallen war und mehr meditierte als trainierte, verabschiedete sich zunächst Becker selbst, dann feuerte Djokovic sein restliches Team. Nun hat er Andre Agassi verpflichtet, dessen Tenniskarriere eine einzige Sinnsuche war. Viele fruchtbare Gespräche hätten sie bereits geführt, so Djokovic. "Er kann mir auf und neben dem Platz wertvolle Hilfe geben."

Djokovic und Agassi, zwei der besten Return- und Grundlinienspieler, passen auch vom Tennis her gut zusammen. Während es Beckers Ziel war, Djokovics Schwächen um Aufschlag, Netzspiel und die mentalen Einbrüche in großen Endspielen zu stärken, wird Agassi versuchen, Djokovics Stärken zu fördern, ihn auf schnellere Punkte trimmen, um ihn auch in den Dreißigern wettbewerbsfähig zu halten.

Graf und Kerber - die nächste Kombi?

Spekuliert wird aktuell, ob die schwächelnde Angelique Kerber womöglich bei Steffi Graf um Supercoach-Hilfe bittet, als Ergänzung zu Kerbers Erfolgstrainer Torben Beltz. Sowohl Graf als auch Kerber gelten als introvertiert, ein Erfahrungsaustausch über mediale Verpflichtungen, den Druck und die Ehre, die Nummer eins der Welt zu sein, könnte Kerber helfen, wieder in die Spur zu kommen.

Becker, Supercoach außer Dienst und mittlerweile anerkannter TV-Experte bei Eurosport, plädiert schon aus praktischen Gründen für eine Rückkehr der Gräfin in den Tenniszirkus: "Ihr Mann ist schließlich auch wieder da."