Frischer Fisch: Gerhards Größenwahn und die Anglerpartei - DER SPIEGEL
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Frischer Fisch Gerhards Größenwahn und die Anglerpartei

CDU, SPD, Grüne, Linkspartei: Der Wähler hat in den kommenden Wochen nicht unbedingt die Wahl. Wie wäre es stattdessen mit der Anglerpartei? Mit dem Ziel absolute Mehrheit? Dann gäbe es auch schon den passenden Kanzlerkandidaten.
Von Horst Köder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eines muss man dem amtierenden hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch lassen: Hätte er nicht in schamloser Weise mit der Stimmung gegen gewaltbereite ausländische Jugendliche Wahlkampf gemacht, wüssten die meisten Leute wahrscheinlich gar nicht, dass bald ein paar Wahlen hierzulande anstehen. Und seinen neuesten Coup hat er noch gar nicht verraten: Die Intensivtäter müssen so lange CDU-Werbespots anschauen, bis sie freiwillig ausreisen - ob Ausländer oder nicht, ist dabei völlig egal. So spart man sich die Abschiebung.

Alt-Bundeskanzler Schröder: Spitzenkandidat der Anglerpartei?

Alt-Bundeskanzler Schröder: Spitzenkandidat der Anglerpartei?

Foto: DPA

Aber sollen die Hessen stattdessen die SPD wählen, mit einer Spitzenkandidatin, deren Name selbst eingefleischte Anhänger spätestens beim zweiten Aufsagen zermürbt? Hier noch mal zum Mitsprechen: Yp-si-lan-ti.

Ach ja, in Niedersachsen steht Ministerpräsident Christian Wulff ebenfalls zur Wahl. Der fährt seine bewährte Strategie: so langweilig zu sein, dass die Wähler gar nicht über seinen Namen beim Stimmzettel hinauskommen, weil sie sonst einschlafen. Hat bisher auch immer prima funktioniert. Und seien Sie ehrlich: Kennen Sie den SPD-Spitzenkandidaten? Eben.

Also, eine richtige Alternative muss her. Eine, die eine große Gruppe der Bürger anspricht, die aber bislang immer unterschätzt wurde: die Angler. Immerhin gibt es doch für jede Minderheit eine Partei: Alte (Graue Panther), DDR-Fans (Die Linke), Autofahrer (sehr kreativ: Autofahrerpartei), Tierschützer (noch kreativer: Tierschutzpartei), Rumhänger (APPD), verklemmte BWL-Studenten (FDP), Glatzenliebhaber (NPD), ehemalige "Titanic"-Abonnenten (Die Partei), Roland Koch und Christian Wulff (CDU) und solche, die nicht wissen, warum sie ihre Partei eigentlich wählen sollen (SPD).

Das Potential für die Anglerpartei ist also riesig. Wenn man die durchschnittliche Prozentzahl der Nichtwähler (knapp 50 Prozent) mit den Leuten addiert, die ihr Kreuz einfach irgendwo gemacht haben, weil sowieso nix Vernünftiges auf dem Zettel stand (knapp 40 Prozent), dann sind wir bei knapp 90 Prozent potentieller Anglerpartei-Wähler. Und diese 90 Prozent geben wir auch gleich als Wahlziel aus. Schließlich sind neue oder kleine Parteien immer an irgendwelchen Fünf-Prozent-Hürden gescheitert, weil ihnen einfach der Größenwahn fehlte.

Uns fehlt der sicherlich nicht. Sie sehen, die Partei ist noch nicht gegründet und schon identifiziere ich mich ungemein mit ihr ("uns"). Was wir für das Erreichen unseres Wahlzieles brauchen, ist ein Mann, der Größenwahn, politische Klasse, Volksnähe und die Weltoffenheit eines Anglers vereint. Nein, es ist nicht George W. Bush, dem fehlt mittlerweile die Volksnähe. Es ist Altkanzler Gerhard Schröder. Haben Sie sich während seiner Amtszeit nie gedacht, der ist doch bestimmt Angler? Eben. Und seien wir ehrlich: In der SPD hat er sich nie so richtig wohl gefühlt, und die Partei mochte ihn auch nicht so sehr.

Aber Gerhard ist unser Mann. Zumal er sich in irgendwelchen Aufsichtsräten sichtlich langweilt, sonst würde er nicht plötzlich dick in den Landtagswahlkampf einsteigen. Und da zeigte er in den vergangenen Tagen wieder seinen alten Kampfgeist. So wollen wir ihn auch als Kanzlerkandidat der Anglerpartei sehen. Ja, Kanzlerkandidat! Spitzenkandidat ist einfach zu wenig Größenwahn, da könnten wir auch gleich Andrea Yp-si-lan-ti nehmen. Zumal die hohe Zahl der Scheidungen (drei) bei Schröder darauf schließen lässt, dass er schon immer geangelt hat, wenn auch eher heimlich.

Und unser Programm, fragen Sie? Programm? Hat jemals ein Mensch in den vergangenen 150 Jahren eine Partei wegen ihres Programms gewählt? Nun gut, die Bildungspolitik steht ganz oben auf unserer Agenda. Angeln als Schulfach, acht Stunden die Woche. Dafür wird Barrenturnen gestrichen, das war schon lange überfällig. Die Wirtschaftspolitik darf auch nicht vergessen werden, 300.000 Langzeitarbeitslose werden sofort als Fischereiaufseher eingestellt, unbefristet.

Und unser Gerhard wird sicherlich auch einen Schwerpunkt in der Außenpolitik setzen. Für die europäische Integration dürfen alle Ausländer endlich auch bei uns angeln, und nicht nur mit Touristenschein in Mecklenburg-Vorpommern. Mit seinem alten Freund Wladimir Putin schließt Schröder das deutsch-russische Angelabkommen ab, so dürfen deutsche Angler ohne bürokratische Hürden den riesigen Welsen in den russischen Gewässern nachstellen. Zudem wird die Mehrwertsteuer auf Angelgeräte abgeschafft, das kurbelt die Wirtschaft an.

Also, wozu warten? Auf zur Urne!