Frischer Fisch Hilfe, ich bin ein angelnder Walker!
Haben Sie schon mal einen Angler mit Waschbrettbauch gesehen? Nein? Ich auch nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es einfach verschlossene und schüchterne Typen sind, die es schon für Freizügigkeit halten, wenn sie den obersten Knopf ihres Holzfällerhemdes öffnen und bei denen das Ausziehen des T-Shirts am Badestrand schon unter strafbaren Exhibitionismus fällt. Wahrscheinlich ist es aber so, dass auch unter Hemd und T-Shirt eher ein Waschbär als ein Waschbrett lauert.
Geben wir es ruhig zu: Der Fitnesszustand unserer Zunft überschreitet nur selten Reiner-Calmund-Niveau. Wir bewegen uns zu wenig. Sitzen und warten, damit verbringen wir unsere Zeit. Die Schachspieler machen im Prinzip nichts anderes, denken aber unfassbar viel dabei, das verbrennt Kalorien wie ein Marathonlauf. Wir überlegen dagegen nur, ob wir heute beim Abendessen noch Schoko- oder Vanillepudding als Nachtisch nehmen. Daran hakt's.
Jetzt kommen wahrscheinlich wieder ein paar Neunmalkluge und sagen: Hey, wieso gehen Angler in ihrer Freizeit nicht einfach Joggen oder ins Fitnessstudio? Denen sei gesagt: Angler haben keine Freizeit, das Angeln ist die Freizeit. Komplett. Der karge Rest des Lebens geht für Beruf, Schlaf und Mahlzeiten drauf. Wahre Angler gucken kein Fernsehen, gehen nicht ins Kino, lesen auch keine Zeitung oder Zeitschriften, es sei denn den "Blinker". Es soll Angler geben, die halten Willy Brandt noch für unseren Bundeskanzler, Helmut Schön für den Bundestrainer und haben bei einer Fahrt durch Berlin immer noch den Reisepass griffbereit.
Aber zurück zum Fitnessproblem, das auch Angler ihr Eigen nennen, die wissen, dass Angel-a Merkel Kanzlerin ist und sogar früher einmal Kassiererin eines Angelvereins in der Uckermark war (in Zeiten, als der Reisepass in Berlin noch gebraucht wurde). Gymnastikübungen auf der Sitzkiepe bringen es nicht wirklich, Seilchenspringen mit den neumodischen Schnüren birgt eine hohe Unfallgefahr. Letztens, als ich mich mit einer Rute in jeder Hand auf den langen Weg vom Auto ans Wasser machte und ein wenig schneller ging, kam mir die Idee: Warum nicht Walken?
Ich weiß, ich weiß: Walker haben es derzeit schwer. Und nicht nur, weil sie ihr eigenes Gewicht tragen müssen. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren sie noch Trendsetter, da ging das Mitleid mit diesen seltsamen Einzelgängern im Wald noch fließend in Sympathie über. Doch seitdem sie massenhaft sämtliche Rückzugsgebiete erholungssuchender Menschen bevölkern, stürzten sie in der Beliebtheitsskala steil bergab. Die Folge: Heute haben sie ein Image irgendwo zwischen Eva Herman und einem großen Stromkonzern.
Klar, dass wir Angler auch mit dem Strom schwimmen und sagen: Wir hassen Walker, weg mit ihnen, die sollen in ihrem Wohnzimmer üben und so weiter. Schließlich wollen wir ja immer nur unsere Ruhe am Wasser, und das Klappern der Stöcke nervt nicht nur, sondern vertreibt wahrscheinlich auch noch die wenigen Fische, die wir dann gefangen hätten, wenn die Walker nicht vorbeigekommen wären. Und wenn sie dann auch noch die praktische Bank am Ufer besetzen, weil wir mal wieder nicht früh genug aus dem Bett gekommen sind und erst gegen Mittag am Wasser aufkreuzen, dann werden wir richtig wütend.
Befeuert wird das schlechte Image der Walker noch von Kollegen wie Achim Achilles. Durfte ich letztens mal kennenlernen. Ein wenig proper für einen Wunderläufer, dazu eine fiese Fönfrisur, aber stechende Argumente. Kann ich verstehen, dass er sauer ist, wenn er die magische Grenze von 45 Minuten über zehn Kilometer nur verpasst, weil ihm ein paar schnaubende Ballonseidenträger mit schleifenden Stöcken den Weg versperrt haben.
Auch ich war zunächst über meine Idee entsetzt: Hilfe, ich bin ein angelnder Walker! Aber, liebe Kollegen, einfach mal ausprobieren. Vielleicht früh morgens vor Sonnenaufgang oder nach dem Nachtangeln. Die Ausrüstung haben wir ja schon dabei: Eine Rute in jede Hand (Griffe nach unten!), schön abwechselnd abstoßen und das Tempo knapp dreimal so hoch halten wie beim Sonntagnachmittagsspaziergang mit Tante Ilse. Funktionskleidung haben wir sowieso immer an, die müssen wir uns nicht erst kaufen.
Wenn der Hungerast droht, weil der Parkplatz doch ewig weit weg war vom anvisierten Angelplatz, dann einfach einen Löffel vom Mais naschen, der eigentlich für die Rotaugen gedacht war. Doch Vorsicht: Nicht direkt nach dem ersten Walkversuch den Oberkörper entblößen, weil da doch jetzt ein Waschbrettbauch sein müsste. Lieber erst ein paarmal wiederholen und zu Hause testen. Vielleicht bei Tante Ilse.