Frischer Fisch: Jagd auf das Problem-Krokodil - DER SPIEGEL
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Frischer Fisch Jagd auf das Problem-Krokodil

Keine Lust mehr auf Karpfen und Hechte? Dann angeln Sie doch einfach mal Krokodile! In Bayern stehen die Chancen auf diese Tiere gar nicht so schlecht. Zur Not fängt man eben eine Anaconda oder ein paar Piranhas.
Von Horst Köder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich schaue ja selten Fernsehen, aber wenn, dann meistens nachts und nur meinen Lieblingssender RTL 2. Auf den anderen Kanälen laufen dann seltsame Gewinnspiele mit spärlich bekleideten jungen Damen, RTL 2 zeigt auch um 2.45 Uhr noch Filme. Okay, "Der Pate" oder "Citizen Kane" sind selten darunter, dafür solche schnörkellosen Actionstreifen wie "Rambo 2" oder halt Horrorfilme der B- und C-Kategorie. Werke wie "Horror-Alligator" oder "Das Killer-Krokodil" und ihre zahlreichen Fortsetzungen fesseln mich dann vor der Mattscheibe.

Vielleicht sitzen die Angler in der Oberpfalz in Bayern auch oft nachts vor dem Fernseher und schalten RTL 2 ein, jedenfalls will doch einer unserer Kollegen vor ein paar Wochen tatsächlich ein Krokodil in einem Baggersee gesehen haben. Er sei sich "absolut sicher" gewesen, dass es ein Krokodil war, ließ die Polizei verlauten, zudem sei der Mann Versicherungskaufmann, wirke "sehe integer" und habe noch "unter Schock" gestanden, schoben die Ordnungshüter nach. Dann meldete sich noch eine Frau, die das Tier bereits zwei Wochen zuvor gesehen haben will. Nur, weil sie Angst hatte, dass ihr keiner glauben würde, hatte sie ihre Entdeckung nicht gemeldet.

Die Bayern und ihre Problemtiere, ein unendliches Thema. Erst Problem-Bär "Bruno" (erschossen), dann Problem-Edmund Stoiber (abserviert) und nun das Problem-Krokodil. Klar, dass das Tier nicht so einfach im See herumpaddeln durfte. Flugs stellten die Behörden Krokodilwarnschilder auf und die Polizei suchte mit Booten, Hubschraubern und Wärmebildkameras nach dem Exoten. Ich frage mich nur, warum nicht auch vorsorglich Wasserwerfer geordert wurden und keine Reiterstaffel am Ufer patrouillierte. Jedenfalls warnten die Behörden, die Bevölkerung solle den Weiher "besonders in der Dämmerung" meiden. Das wäre schon genug Stoff für den nächsten Teil des "Horror-Alligators".

Dumm nur, dass das Tier partout nicht mehr auftauchen wollte. Und die Jagd-Euphorie ließ dann deutlich nach, als ein Zoologe erklärte, das Tier sei vielleicht gar kein Krokodil, sondern nur ein ordinärer Biber gewesen. Das könne man schon mal verwechseln, zumal Krokodile nicht wild mit dem Schwanz wedeln, wenn sie abtauchen. Das hatte der Angler nämlich auch noch behauptet. Kaum hatte der Experte das Wort "Biber" erwähnt, wurden die Suchmaßnahmen deutlich heruntergeschraubt. Und die Bevölkerung durfte auch wieder nach Einbruch der Dunkelheit vor die Tür. Biber gibt's ja schließlich auch in Nordrhein-Westfalen und im sogar Saarland.

Liebe Angler-Kollegen, ein bisschen Ruhm kann ja nie schaden, und wenn Ihnen die halbe Spalte mit Foto in der Lokalzeitung dank des 50-Pfund-Karpfens nicht genug ist, gibt es noch andere Wege, um es in die überregionale Presse zu schaffen, wie Sie sehen. Dazu brauchen Sie nicht mehr als einen seriösen Beruf (Glaubwürdigkeit!), Grundkenntnisse der Zoologie ("Hakenschnabel und große Flügel" passt nicht zu Krokodilen) sowie ein exotisches und gefährliches Wassertier, was Sie angeblich gesehen haben. Wenn Ihnen das auch noch in Bayern passiert: Glückwunsch, Sie haben es geschafft.

Wenn Ihnen noch nichts einfällt, einfach mal nachts die Filme auf RTL 2 schauen. Eine "Anaconda" von "mindestens sechs Metern Länge" hatten wir hier schon lange nicht mehr, und "Piranhas in großer Stückzahl" machen sich auch immer gut. Aber Vorsicht, nicht übertreiben! Ein " Weißer Hai" am Baggersee wird dann doch schnell als Anglerlatein entlarvt, auch "Velociraptoren" kommen nicht so gut, weil sie schon lange ausgestorben sind. Dann haben Sie einfach zuviel "Jurassic Park" auf ProSieben geschaut.

Ach wie, Sie glauben gar nicht, dass es sich bei der Krokodilsichtung in Bayern um einen Schwindel handelt? Na dann, ab ans Wasser! Es ist doch auch langweilig, immer nur auf Karpfen und Hechte zu angeln, da haben Sie recht. Aber passen Sie auf, wenn Sie so alleine am Weiher sitzen, vielleicht war Bruno nicht der einzige Bär in Bayern. Oder, noch schlimmer, Ede Stoiber taucht plötzlich auf, der hat ja jetzt viel Zeit. Und Sie dann wirklich ein Problem.

P.S: Liebe Leser, nächste Woche steigt die Wahl zum "Leserbild des Monats". Bei der großen Zahl von eingesendeten Fotos musste ich erstmal eine Vorauswahl treffen.

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