Frischer Fisch Rambo im Mädchen-Regen
4.10 Uhr: Miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiip! Die Schelle? Das Telefon? Der Eierkocher? Im Halbschlaf dämmert es mir: Habe gestern Abend den Wecker aus Versehen auf "Summer" statt auf "CD" gestellt, nun prügelt mich dieser Folterton aus dem Bett. Sowas wurde zuletzt bei "Rambo 3" eingesetzt, als die bösen Russen seinen Widerstand brechen wollten. Rambo hielt durch, ich knicke ein. Nach gefühlten 20 Minuten Schlaf. Taumle aus dem Bett, irgendwo Richtung Badezimmer oder Küche. Die Stulle hab ich gestern schon geschmiert, schmeckt deshalb ein wenig trocken. Aber leiden muss sein, hat mein Kollege gesagt. Ich bin eigentlich ein toller Angler, fange aber selten was, weil die Fische alle schon ihre Nahrungsaufnahme vollendet haben, wenn ich aufstehe. Aber heute nicht. Heute bin ich schon am Wasser, wenn die Fische noch von ihrem Frühstück träumen. Selbst Rambo ist nie so früh aufgestanden, ganz sicher. Lieber noch die Haare kämmen, vielleicht kommt ja die hübsche Nachbarin von einer nächtlichen Tour heim.
4.35 Uhr: Verdammt, der Weg vom vierten Stock runter mit massig Ausrüstung ist länger als gedacht. Golfer haben Caddies, Bergsteiger Sherpas, nur Angler müssen alles alleine schleppen. Von der Nachbarin keine Spur. Also ruhig Mütze auf. Es ist arschkalt. Jetzt regnet es auch noch. Kein richtiger Regen, nur Niesel. Mädchen-Regen, genauso fies und hinterhältig wie Haare ziehen oder kneifen. Man merkt kaum was, aber wird trotzdem so schmierig-nass. Sonst ist kein Mensch auf der Straße, warum auch? Die Zeitungen sind ja noch nicht gedruckt, muss deshalb noch keiner austragen. Ich schmeiß mich ins Auto. Gottseidank, er springt an. Das Gute an alten Audis ist, dass fast nix funktioniert, aber die Heizung die Kraft zweier Atomkraftwerke hat. Nach wenigen Minuten ist es mollig warm. Ich nehme Kurs auf die Ostsee, es soll auf Meerforellen gehen. Weißenhäuser Strand, da waren wir früher mal im Familienurlaub. Wenn ich schon keine Fische fange, dann nehme ich wenigstens ein paar Kindheitserinnerungen mit.
6.32 Uhr: Ich bin endlich angekommen. Der "geheime Fangplatz", wo einem die Fische schon bei der Ankunft vor Freude in den Kofferraum springen sollen, war so geheim, dass der nächste Parkplatz ein paar Kilometer weit weg war. Dazu musste ich mich noch umziehen. Zwiebelprinzip mit Wolle und Hightech, dazu Neopren als äußerste Schutzhülle. Eiszeit, du kannst kommen! Leider war die Neopren-Wathose im Sonderangebot nicht ganz meine Größe, aber ein wenig Luft kann nie schaden, auch wenn ich jetzt aussehe wie eine verunglückte Mischung aus Neil Armstrong, dem Frosch mit der Maske von Edgar Wallace und Wolfgang Thierse mit Mütze. Glücklicherweise sieht mich hier draußen keiner, außer ein paar Möwen. Zudem ist es noch dunkel. Hoffentlich kommt die Nachbarin nicht vorbei.
7.37 Uhr: Die Sonne geht auf! Ein imposanter Anblick, leider nicht für mich, weil ich ständig den Tang von meinem Blinker friemeln muss. Das Dumme ist, dass sich die Gliedmaßen bei gefühlten minus 25 Grad Celsius trotz fescher fingerloser Handschuhe die ganze Zeit in den Jackentaschen wärmen müssten, um nicht blau anzulaufen. Tun sie nämlich schon. Das Auswerfen wird langsam zur Qual. Aber ich halte durch. Rambo hat auch durchgehalten.
9.13 Uhr: Tausend Würfe für eine Meerforelle, so lautet die Faustregel. Ich weiß nicht, welcher Schlauberger sich diesen Spruch ausgedacht hat, aber ich hab schon bei 20 aufgehört zu zählen, weil mein Gehirn in diesem Mischmasch aus Wolken, Wellen, Horizont, Regen, Kälte, Hoffnung einfach auf Stand-By geschaltet hat. Oder besser gesagt: auf Stecker raus. Nur noch der Auswerf-Automatismus funktioniert. Das Tang-Friemeln hab ich aufgegeben. Vielleicht sind ein paar Fische ja heute vegetarisch drauf. Der Niesel benetzt weiter mein Gesicht.
11.46 Uhr: Finger blau, Lippen blau, wer weiß was sonst noch alles. Den Körperbereich unterhalb der Knöchel spüre ich seit einer halben Stunde überhaupt nicht mehr. So langsam dämmert mir: Hier gibt es wahrscheinlich gar keine Fische. Oder es gab welche, aber die "Blinker"-Redaktion um Richy und Henning hat alles leergefischt. Die Foto-Reportage darf ich dann wahrscheinlich in der nächsten Ausgabe lesen. "Full House am geheimen Hot Spot" oder so, eine Meerforelle jagte die nächste. Danke sehr. Trotz der klirrenden Kälte schleicht sich langsam ein wohliges Gefühl bei mir ein, der Körper produziert in solchen Extremsituationen eigene Glücksboten. Ob ich einfach ins Wasser gleiten und mich treiben lassen sollte?
13.22 Uhr: Ich hab's geschafft. Nein, keinen Fisch gefangen, aber ich bin wieder am Auto angekommen. Die Füße spüre ich immer noch nicht, aber das Gaspedal drücke ich trotzdem irgendwie nieder. Nein, nein, nein, das ist keine Niederlage. Okay, Rambo hat durchgehalten, ich nicht. Aber er war in Südostasien oder Afghanistan unterwegs, da war es nie so kalt, dafür reichten immer Muskelshirts und Stirnband.
14.45 Uhr: Wieder daheim. Kein Fisch, aber ich spüre meine Füße wieder. Nach dem zweiten Umziehen im Auto sehe ich aus wie der "Mann aus den Bergen" nach zwei Wochen ohne Dusche. Schlurfe die Treppen hoch. Meine Nachbarin kommt mir entgegen. Ihre Blicke sprechen Bände. Wen hat sie erwartet, Rambo?