Frischer Fisch War Hemingway ein Lügner?
Angeln ist ein Vollzeitjob. Fische kann man fast rund um die Uhr fangen, es gibt kein Wochenende, eine kalendarische Ruhepause gönnen wir uns auch nicht. Und wenn wir gerade nicht am Wasser sind, hängen wir in irgendwelchen Angelläden herum oder blättern in den neuesten Fachzeitschriften. Nur um dann schnellstmöglichst wieder ans Wasser zu pirschen. Wie sollen wir da eigentlich Angeln, Job, Beziehung und das restliche Leben unter einen Hut bekommen?
Aber wir Angler jammern nicht. Selbst im September nicht. Der Sommer ist gerade vorbei, damit auch der sorgsam und weit im Voraus geplante Angelurlaub. Viele von uns denken wehmütig an diese Tage zurück. Dicke Dorsche aus norwegischen Fjorden, Schwertfische auf den Malediven oder vielleicht auch glitzernde Forellen in Österreich - bei vielen von uns werden sich diese Momente auf ewig im Gedächtnis verankert haben. Und hoffentlich auch auf zahlreichen Fotos.
Dabei standen wir Angler Fotoapparaten schon immer ein wenig skeptisch gegenüber, diese Dinger waren im Gegensatz zu Erzählungen und der "Blinker"-Hitparade unbestechlich. Schon Ernest Hemingways "Alter Mann auf dem Meer" wusste ganz genau, warum er keine Fotos von seinem Fang machte: Wahrscheinlich war das Ganze nur ein Schwindel, und das Skelett des Marlins an seinem Boot hatte er irgendwo auf dem Meer gefunden. So kam ein Weltbestseller heraus.
So lassen sich Legenden stricken, und wenn es für die Weltliteratur nicht reicht, dann vielleicht für den Vereins-Stammtisch oder den Arbeitsplatz. Ja, dieser Hecht letztens, wenn der nicht mindestens 30 Pfund hatte! Aber Vorsicht: Bei den ausufernden Gesten zur Größenangabe nie die Arme ganz ausstrecken, es muss immer noch Platz für den nächsten dicken Fang bleiben.
Gute Beute, um mal im Anglerjargon zu bleiben, für die eigenen Erzählungen sind Kinder, am besten die eigenen Enkel. Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen oder gar Vereinskollegen bringen diese nicht nur die nötige Leichtgläubigkeit mit, sondern sorgen mit ihren vor lauter Staunen funkelnden Augen und dem weit aufgerissenen Mund für die nötige nonverbale Bestätigung. Denn was nützt die beste Geschichte, wenn sie uns nicht mindestens einer glaubt? "Das werde ich noch meinen Enkeln erzählen", ist deshalb ein nach großen Fängen in Anglerkreisen beliebter Spruch.
Doch das neue Zeitalter macht es den Legendenstrickern unter den Anglern schwer. Die Leute wollen Beweise sehen, und wenn man den angeblich so riesigen Fisch schon nicht persönlich vorweisen kann, dann solle man doch bitte Fotos liefern. Ich wette, Hemingway wäre im 21. Jahrhundert kein großer Literat geworden, sondern man hätte ihn in irgendwelchen Blogs der Lüge bezichtigt und an den Pranger gestellt. Schon allein wegen seiner Fischgeschichte, von den ganzen Löwenjagd-Legenden ganz zu schweigen. Und es soll nun keiner behaupten, Hemingways alter Mann war nur ein Roman, auch die stehen mittlerweile in Sachen Wahrheitsgehalt unter besonders kritischer Beobachtung.
Also bitte, spätestens beim nächsten Ausflug ans Wasser die Kamera nicht vergessen. Ruhig mal das alte Erbstück von Oma und Opa im Schrank lassen, das ist sowieso zu unhandlich und zu schwer. Lieber so eine schicke, kleine Digitalkamera mitnehmen, die wiegt nix und passt in jede Jackentasche. Und ist dazu noch idiotensicher in der Bedienung.
Den häufigsten Fehler beim Fotografieren machen viele Angler aus unterbewusster Eitelkeit. Sie sehen toll aus auf dem Foto, doch der Fisch ist kaum zu sehen. Kleiner Tipp: Je näher dieser vor dem Objektiv präsentiert wird, desto größer wirkt er später. Falls seine Größe dann doch nicht ganz mit den späteren Erzählungen übereinstimmt, keine Panik: Digitale Fotos kann man schön am Computer manipulieren. Zur Not einfach mal den eigenen Enkel fragen.