Fußball-Neuling Schwenke: Störche statt Löwen - DER SPIEGEL
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Fußball-Neuling Schwenke Störche statt Löwen

Ball ist Ball: Der einstige Handball-Nationalspieler und Deutsche Meister Wolfgang Schwenke startet in eine neue Karriere - als Geschäftsführer der Kicker von Drittligist Holstein Kiel. Das "Handball-Magazin" stellt den leidenschaftlichen Allrounder vor.
Von Arnulf Beckmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gab einmal eine Zeit, da galt der große Blonde aus dem hohen Norden Deutschlands als der Schwiegermuttertraum schlechthin: gut aussehend, erfolgreich und angesichts vieler Jahre beim THW Kiel auch noch mit Treuesiegel etikettiert. Wolfgang Schwenke gewann Deutsche Meisterschaften und war sogar Nationalspieler. Geheiratet hat er in jener Zeit auch. Aber das mit der Treue hat sich - zumindest was das Berufliche angeht - erledigt.

Multitalent Schwenke: Erst Handball, jetzt Fußball

Multitalent Schwenke: Erst Handball, jetzt Fußball

Foto: ddp

Der Mann, der nach seiner aktiven Zeit viele Jahre als Zweitligatrainer beim TSV Altenholz tätig war und zuletzt die Rhein-Neckar Löwen bis ins Halbfinale der Champions League coachte, trennt sich vom Handball. Der 41-Jährige wechselt die Seiten und arbeitet seit Montag für den Fußball-Drittligisten Holstein Kiel. Dort übernimmt er als Kaufmännischer Leiter die Verantwortung und personelle Führung der Geschäftsstelle, des technischen Spielbetriebs sowie der Marketing- und Vertriebsabteilung.

Wenn Schwenke über seine neue Aufgabe spricht, dann ist er nicht zu bremsen. Dann fallen Vokabeln wie Philosophie, Strukturen oder Professionalisierung, und aus allen Poren dringt die Vorfreude des 1,96-Meter-Hünen, der zwar gebürtiger Flensburger ist, doch schon lange als assimilierter Kieler gelten darf. "Hier steckt so vieles noch in den Kinderschuhen, dass ich ganz fest von dem gewaltigen Potenzial überzeugt bin, über das dieser Club verfügt."

Wenn Schwenke das so sagt, dann will es ein wenig so scheinen, als wolle der ehemalige Kieler aus seinem eigentlichen Metier fliehen, weil er dort zuletzt unglücklich war. Gründe gibt es dafür allerdings nicht. Denn nach seiner beeindruckenden Spielerkarriere machte sich "Wolle" - so sein Spitzname - auch im Trainergeschäft einen Namen. Bereits als Zweitligacoach in Altenholz galt er als jemand, der die Talente schnitzt, die später dann abgeworben wurden. Schwenkes große Chance kam, als er vor nicht einmal einem Jahr die Rhein-Neckar Löwen übernahm mit dem Auftrag, den wankenden Riesen wieder zu stabilisieren.

Was ihm mit seiner Beharrlichkeit und mit seinen sehr konkreten Vorstellungen überzeugend gelang. Aus einem zusammengewürfelten Haufen großartiger Individualisten formte Schwenke in kürzester Zeit eine Mannschaft, die neben den erwähnten großartigen internationalen Auftritten am Ende der abgelaufenen Bundesligasaison Platz drei belegte und sich damit auch in der kommenden Spielzeit in der Champions League mit den besten Teams der Welt messen darf. Warum er seine Arbeit im Südwesten der Republik nicht weiterführen darf, darauf weiß er keine Antwort. "Diese Frage dürfen Sie mir nicht stellen. Der Verein hat diese Entscheidung getroffen."

Dennoch ist keineswegs Verbitterung über diesen Abgang der Grund für den Sportartwechsel. Vielmehr orientierte sich der studierte Vertriebs- und Marketingfachmann mit Betriebswirtschaftsdiplom an den Realitäten im Handball-Business. "Erstens", so sagt er, "wollte ich ohnehin nie 20 Jahre als Trainer arbeiten." Und zweitens gebe es in der Liga gerade mal rund acht wirklich interessante Jobs bei den Spitzenclubs. "Das klingt arrogant", sagt Schwenke, "entspricht aber der Realität. Ich hätte gern die Möglichkeiten bei den Löwen ausgelebt, aber nun habe ich eben diese äußerst reizvolle Aufgabe überantwortet bekommen." Kiel, so Schwenke, sei schließlich eine Stadt, die - das werden alle Handball-Fans überhaupt nicht gern hören - nach Fußball lechze. Mit Holstein Kiel 2012 oder 2013 in die Zweite Liga aufzusteigen, sei "kein Traum, sondern erklärtes Ziel."

Dass ihm dabei fehlender Stallgeruch zum Verhängnis werden könnte, bezweifelt er. Schließlich habe er in seiner Zeit als Handballer mehr Fußball gespielt als so mancher Stadionbesucher. "Das war bei jedem Training die klassiche Art des Warm-up." Zudem erfordert sein Tätigkeitsprofil nicht unbedingt Fußballkompetenz. Dafür ist das Trainergespann mit den ehemaligen Bundesliga-Profis Falko Götz und Andreas Thom verantwortlich. Schwenkes dringlichste Aufgabe ist es, dem Verein endlich das Gerüst zu geben, das er benötigt, um sich im Profifußball zu etablieren. "Und da sind die Strukturen in beiden Sportarten durchaus ähnlich."

Bleibt die Frage, wie der THW Kiel darauf reagiert, dass einer seiner Zöglinge nun versucht, die Konkurrenz im eigenen Hause zu beleben. Selbst damit geht Schwenke gewohnt norddeutsch-entspannt um. Diese Konkurrenzsituation sehe er nicht. Es gebe viele Berührungspunkte zwischen den Clubs, und er werde auch weiterhin, so die Zeit es erlaube, die Spiele des THW besuchen. "In dieser Stadt", sagt Schwenke mit dem Verweis auf ein riesiges Einzugsgebiet, "ist Platz für beide."

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