Galopp: Kleiner Mann ganz groß - DER SPIEGEL
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Galopp Kleiner Mann ganz groß

Er gilt als der Jockey, der bisher das meiste Geld zusammen geritten hat. Auf über 200 Millionen Dollar wird die Summe seiner Gewinnerchecks geschätzt. Seit Freitag ist Laffit Pincay jr. auch Welt-Rekordhalter in der Kategorie Siege.
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Ingelwood - Der reichste Jockey ist nun auch der erfolgreichste seiner Zunft. Auf der berühmten kalifornischen Bahn in Hollywood Park von Inglewood galoppierte der im Großraum von Los Angeles lebende Laffit Pincay jr. (52) am Freitag im sechsten Rennen der Veranstaltung mit dem dreijährigen Fohlen Irish Nip zu seinem 8834. Sieg seit dem 19. Mai 1964 und übertraf den Weltrekord seines legendären Landsmanns William Lee "Bill" Shoemaker, den dieser in 40 450 Rennen zwischen dem 19. März 1949 und 3. Februar 1990 aufgestellt hatte. "Es ist ein unglaubliches Gefühl. Mir ist so, als hätte ich noch einmal beim Kentucky Derby gewonnen", sagte Pincay jr. glückstrahlend, der für seinen historischen Ritt mit einem Porsche-Cabriolet belohnt wurde.

"Heldentat eines König", titelte die "Los Angeles Times" und huldigte überschwänglich die Leistung, die nur vergleichbar sei mit der von den Superstars Michael Jordan, Babe Ruth oder Wayne Gretzky. Der Eishockey-Crack meinte voller Bewunderung: "Ein Tor zu schießen, ist schwer. Einige Tausend Tore zu erzielen, ist noch schwerer. Aber 8000 Siege - das ist irrsinnig!" Auch dem entthronten Champion, der zu den ersten Gratulanten gehörte, gingen nur Superlative über die Lippen. "Laffit ist eine Ikone", schwärmte der seit seinem Verkehrsunfall vor acht Jahren im Rollstuhl sitzende Shoemaker. "Er ist mit großer Würde durch seine Karriere geritten, wich weder Schnee, Hagel noch Regen aus. Ich bin stolz, das ich von einem fantastischen Freund und sehr fairen Sportler beerbt wurde."

Das sei das letzte spektakuläre Ereignis des 20. Jahrhunderts gewesen, behauptete Rennbahn-Präsident Rick Baedeker, der die Überzeugung äußerte, das Pincay auch die nächste Schallmauer von 9000 Siegen durchbrechen werde. So weit wollte der nur 1,55 m große Athlet nach der Erfüllung seines Traums, die wegen des ungünstigen Wochentags nur 5855 Zuschauer miterlebten, nicht denken. Zwei, drei Jahre möchte er noch im Sattel sitzen, "was dabei herauskommt, wird man sehen", sagte der Triumphator des Kentucky Derbys von 1984. Sein erstes von bislang 44.647 Rennen hatte er mit 17 Jahren am 19. Mai 1964 gewonnen. Damals wohnte er noch in seinem Geburtsland Panama. Zwei Jahre später siedelte er in die USA über, wo er am 1. Juli 1966 im Arlington Park gleich bei seinem Premieren-Ritt erfolgreich war.

Ganz sicher hätte Pincay jr., der bislang über 200 Millionen Dollar an Preisgeldern kassierte, den Weltrekord schon eher verbessern können, wenn er nicht so oft durch Verletzungen gehandicapt gewesen wäre. Elf Mal brach er sich das Schlüsselbein, zehn Mal brach er sich eine Rippe, zwei Mal durchbohrte eine Rippe seine Lunge, zwei Mal zog er sich eine Rückenfraktur zu und des öfteren verstauchte er sich die Zehen. Die größte Tragödie ereignete sich allerdings 1985, als seine erste Ehefrau Selbstmord beging und er mit zwei Kindern plötzlich allein dastand. "Das war grausam. Ich möchte daran nicht zurückdenken", bemerkte Pincay, der erst wieder "Mensch wurde, als ich 1992 ein zweites Mal heiratete".

Das einzige wirkliche Problem sei seitdem nur sein Körpergewicht. Es ist noch nicht lange her, als er versuchte, seine 50 kg mit unzähligen Diättabletten und mehrstündigen Saunagängen konstant zu halten. Inzwischen lebt der Asket nach einem Diätplan, der täglich auf maximal 850 Joule ausgerichtet ist. Nach seinem Galopp in eine neue Dimension ließ er sich jedoch zum Sündigen verleiten. Der Chefkoch der Rennbahn verwöhnte ihn mit einem Filetsteak, einer gebackenen Kartoffel, Spargel und Rotwein. "Über eine Stunde werde ich brauchen, um das alles aufzuessen", meinte Pincay schmunzelnd, "schließlich muss ich jedes Stück 50 Mal kauen, damit es auch gut und schnell verdaut wird."