Georg Hackl Auf dünnem Eis
Berchtesgaden - Es ist nicht so lange her, da verlief das Leben des Mannes mit dem Spitznamen "Turbo-Schorsch" noch in gewohnten Bahnen. Im Sommer verbrachte er die meiste Zeit in seiner Werkstatt. Hingebungsvoll bastelte er dort an seinem Arbeitsgerät, einem Schlitten. Zuletzt testete der Rodler sein Gefährt auf der Kunsteisbahn am Königssee und freute sich, wenn er mal wieder ein paar tausendstel Sekunden herausgeschunden hatte.
Die stillen Tage sind indes vorbei. Neuerdings klingelt nämlich fast täglich das Telefon. Meist sind Journalisten am Apparat. Solche, die mit Georg Hackl nicht über dessen Vorbereitungen auf die Olympischen Winterspiele im Februar in Salt Lake City reden wollen, sondern über weit kompliziertere Themen: Bin Laden, Bomben und Bioterror.
Volksmusik der Art "Hoch ihr Säcke, Prostata"
Selbst als Hackl neulich zu einem Geschäftstermin ins nördliche Rheinland reiste, war das so. Eingeladen hatte der Deutsche Skiverband (DSV) zu einer Gala in die Skisporthalle "Winter World" bei Neuss. Im "Jausenstadl", der rustikalen Schenke des alpinen Amüsiertempels mit Sessellift und Kunstschneepiste, näherte sich die Stimmung gerade dem Höhepunkt. Aus den Lautsprechern dröhnte Volksmusik der Art "Hoch ihr Säcke, Prostata", und die Bar-Frauen begannen langsam mit den Hüften zu kreisen, als sich Hackl plötzlich von einem Reporterpulk umstellt sah.
Ob er glaube, dass die Weltwirtschaft zusammenbrechen werde? Ob Amerika weitere Bodentruppen entsenden werde? Ob die Olympischen Spiele zum Ziel von Attentätern würden? "Es kann viel passieren", antwortete Hackl einsilbig.
Denn Weltpolitik hatte der Rodler Georg Hackl, 35, eigentlich nicht im Sinn, als er sich vorvergangene Woche zu jenem Schritt entschloss, der ein enormes mediales Echo auslöste: Zwei Stunden lang hatte Hackl mit dem CSU-Landtagsabgeordneten Georg Grabner debattiert. Am Ende erklärte er sich dazu bereit, für die CSU im Berchtesgadener Land um einen Sitz im Kreistag zu kandidieren. Er wolle "seinen Beitrag leisten" im "demokratischen System", erläuterte der Rekordrodler, der dreimal hintereinander olympisches Gold gewann, hinterher. Doch da war schon alles zu spät.
Zunächst preschte ein Münchner Blatt nach vorn, das den Polit-Neuling mit dem anmaßenden Zitat vorführte, er wolle "die Welt verbessern". Prompt spottete die "FAZ", der Schlittenlenker vom Fuße des Watzmann werde sich auf dem "tückischen" Parkett schon noch zurechtfinden, immerhin komme er ja "auf glattem Untergrund rasend schnell voran".
Sinnbild des döddeligen Bayern
Es war wie so oft im Leben des Rodlers Georg Hackl. Seit Jahren gilt der gelernte Schlosser, Erfolge hin oder her, dem deutschen Publikum als Sinnbild des dödeligen Bajuwaren. Doch kaum will er sich nun auch mal abseits der Eisröhre profilieren, lacht die Nation über ihn.
Dabei ist es nicht mal neu, dass Sportler politische Ämter anstreben. Der ehemalige Fußballprofi Klaus Toppmöller, derzeit Erfolgstrainer von Bayer Leverkusen, saß jahrelang im Gemeinderat von Rivenich. Sein Kollege Ewald Lienen kandidierte 1986 damals als Spieler bei Borussia Mönchengladbach auf Platz sechs der Friedensliste für den Landtag in Düsseldorf. Sofort entbrannte seinerzeit eine Diskussion, ob ein Großverdiener des Sports zugleich linke Gesinnung propagieren dürfe.
In anderen Ländern nutzten die Helden der Leibesübung ihre Prominenz viel selbstverständlicher zu politischen Zwecken. Und manchem Quereinsteiger gelang eine erstaunliche Karriere. So sitzt Sebastian Coe, einst Olympiasieger über 800 Meter und 1500 Meter, als Mitglied im britischen Oberhaus. Der Hürdensprinter Guy Drut brachte es zum Sportminister von Frankreich, und Fußballprofi Gianni Rivera schaffte es in Italien zum Staatssekretär im Verteidigungsministerium.
Der Fall Hackl ist indes ein spezieller. Nicht nur, dass der Trachtler, seit er nach seiner ersten Olympiamedaille 1988 als Schuhplattler im "Musikantenstadl" auftrat, das Image des Urtyps mitschleppt. Schon immer ließ sich der Rodel-Heros gern vor den politischen Karren spannen.
Bereits 1992 posierte der Berufssoldat in einem Werbespot für die Bundeswehr und wurde dafür von der "taz" rasiert. "Der rasenden Weißwurst" sei wohl das "Resthirn in die Kufen gerutscht", so formulierte das Blatt gallig. Der Prozess, den sein damaliger Kommandeur anstrengte, dauerte mehr als fünf Jahre.
Alpenglühen an der Seite Stoibers
Doch auch später ließ sich Hackl gern instrumentalisieren vorzugsweise von seiner Lieblingspartei. 1994 durfte er als Wahlmann für die CSU den Bundespräsidenten mitbestimmen. Dann sorgte Hackl 1998 beim Parteitag der Christsozialen an der Seite seines Vorbilds Edmund Stoiber für etwas Alpenglühen.
Auch das aktuelle Geturtel zwischen dem Sportler und der Partei legt den Verdacht nahe, der fixe Schorsch mime mal wieder das Zugpferd für eine höhere Sache. Sein Mentor Georg Grabner, ehrenamtlich Präsident des Bayerischen Bob- und Schlittensportverbandes, bezeichnet sich zwar als "atypischer Konservativer", der "natürlich" keine Probleme damit hätte, auch "ohne politisches Amt zu leben". Tatsächlich aber ist es so, dass Grabner für den Posten des Landrats im Berchtesgadener Land kandidiert. Einen leibhaftigen, bundesweit bekannten Olympiasieger in seiner Mannschaft zu präsentieren macht da schon was her.
Grabner, Mitglied im Landtags-Ausschuss für Staatshaushalt und Finanzfragen, lobt seinen politischen Zögling als jemanden, der in der Welt herumgekommen sei mithin "über den Tellerrand hinaus"- schaue. Für den Landrat in spe hat sich der Hackl-Coup schon gelohnt: Kaum war die Nachricht draußen, fand auch der Name des Lokalpolitikers Grabner bundesweit Erwähnung.
Bei der Kommunalwahl am 3. März, hat Grabner ausgerechnet, benötigt Hackl 15 000 Stimmen, um in den Kreistag zu kommen. Das ist nicht wenig, zumal der Bewerber während der heißen Wahlkampfphase in Salt Lake City weilt und etliche Wähler hinter dessen Engagement ohnehin nicht viel mehr als einen Werbegag sehen.
Deshalb versuchte Hackl zuletzt einerseits die Ernsthaftigkeit seines Anliegens herauszuarbeiten für den Breitensport wolle er sich einsetzen und natürlich für den Erhalt der Kunsteisbahn am Königssee, wo 2010, sollte das benachbarte Salzburg den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele erhalten, alle Bob- und Rodelwettbewerbe ausgetragen würden. Andererseits will Hackl Spekulationen vermeiden, er plane bereits für die Zeit nach seinem sportlichen Abgang. Er sei für höhere Aufgaben gar nicht tauglich, bekennt der Neuling und verweist auf die fehlende Gabe, "fünf vernünftige Sätze mit Sinn aneinander zu reihen".
Erste Wahlkampfpanne
Dass er noch eher unbedarft seine ehrliche Meinung unter die Leute streut, geriet vorige Woche zur ersten Wahlkampfpanne. Bei der DSV-Gala in Neuss meierte Hackl, offenkundig enthemmt vom "original Winterfeeling" in der Skiarena, kurzerhand die Grünen ab. Die würden sich zwar "um die Rechte von Schwulen und Prostituierten" kümmern, für den Umweltschutz, konstatierte das Alpengewächs, täten "die gar nichts".
Tags darauf stand das so im Kölner "Express". Unglücklicherweise ist die Kunde bis in Hackls Wahlkreis gedrungen. Der Zeitungskiosk im touristisch hoch frequentierten Berchtesgaden führt ein Exemplar. Die Inhaberin ist eine fleißige Leserin. Sie sei zwar keine Grüne, aber Hackls Rüpeleien dulde sie nicht: "Meine Stimme kriegt der net."
GERHARD PFEIL