Golf bei Olympia: Am feinen Rand der Gesellschaft - DER SPIEGEL
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Golf bei Olympia Am feinen Rand der Gesellschaft

Der Morgen danach: Die Probleme des Golfsports in Deutschland trüben die Freude über die Wiederaufnahme ins Olympische Programm ab 2016. Die Chancen sind groß, die Aufgaben größer - zu oft hat der Sport hierzulande noch mit elitären Denkweisen zu kämpfen.
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Der erste Jubel ist verklungen. Und langsam weicht die trunkene Freude einem klaren analytischen Blick. Golf wird wieder olympisch. 112 Jahre nach dem letzten Putt bei den Spielen in St. Louis 1904 werden Sportler in Rio de Janeiro wieder olympische Grüns bevölkern. Für das deutsche Golf ist die Aufnahme ins olympische Programm ein großes Geschenk, ein Grund zu feiern. Jedoch nur, wenn damit richtig umgegangen wird - Zeit für eine Analyse.

Wer in der deutschen Golf-Szene Fragen nach den sich nun bietenden Chancen stellt, bekommt nicht nur hoffnungsvolle Antworten, in denen von Medienpräsenz und Sponsorenzuwachs die Rede ist. Es herrscht Skepsis, ob die Spiele 2016 nicht zu früh kommen für einen Golf-Boom in Deutschland, ob die Sportart nicht erst noch weiter in die Mitte der Gesellschaft wachsen soll. Ziemlich häufig fällt in Gesprächen das Wort "Entwicklungsland".

Wolfgang Scheuer, Präsident des Deutschen Golf-Verbandes (DGV), verspricht sich durch Olympia "viele positive Signale in die Öffentlichkeit hinein, vor allem einen Abbau von Vorurteilen, die unserem Sport gegenüber immer noch hier und da existieren". Die Olympischen Spiele als Gütesiegel für weltoffenen Sport - ist es damit bereits getan? Wer muss sich entwickeln, der Sport oder die Gesellschaft?

Der Vorstand der Sponsoringberatung "Sport & Markt", Marcel Cordes, nennt die Spiele "die exzellente Chance, das immer noch verbreitete Image vom arroganten, elitären und teuren Sport aufzubrechen". Eine Möglichkeit also, die es zu nutzen gilt. Die der Golfsport nutzen muss.

Lediglich neun Prozent aller Golfer in Deutschland sind unter 18

So deutlich wie Cordes sprechen nur wenige öffentlich die Probleme der Sportart in Deutschland an. Hinter den Kulissen tobt ein Kampf grundlegender Denkweisen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Golf als "elitäre Freizeitbeschäftigung" sehen, wie es Florian Bruhns, DGV-Geschäftsführer Sport, ausdrückt - die Gruppe der Bewahrer. Auf der anderen Seite die, die eine Leistungssportkultur im deutschen Golf vermissen; ein geeignetes Wettbewerbssystem, das Jugendliche fordert, fördert und motiviert - die Gruppe der Reformer.

In Schweden, einem Land, in dem Golf schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wird ein Golf-Club nur dann in den Verband aufgenommen, wenn mindestens 30 Prozent der Mitglieder unter 18 Jahren sind. Deutsche Jugendliche dürfen am Wochenende auf manchen Anlagen nicht einmal auf den Platz. Das Ergebnis: Lediglich neun Prozent aller Golfer in Deutschland sind unter 18. In anderen nicht-olympischen Sportarten sind es rund 21 Prozent, in den olympischen Disziplinen sogar 34 Prozent. In diesen Sportarten messen sich Jugendliche zudem regelmäßig am Wochenende, nur ein Bruchteil des Golf-Nachwuchses jedoch tritt mehrmals im Jahr gegen Gleichaltrige an.

"Das Problem sind die Zugangsbarrieren"

So fordert nicht nur DGV-Geschäftsführer Bruhns eine Stärkung des Wettbewerbsystems: "Golf auch als Mannschaftssport muss etabliert, eine Leistungssportkultur gefördert werden", beklagt Bruhns. "Das fängt in der Jugend an."

Diese findet jedoch oftmals nicht einmal den Weg in die Vereine. "Das Problem sind die Zugangsbarrieren", sagt Golf-Experte Cordes. In erster Linie meint er damit wie viele andere die finanziellen Hürden, auch wenn Golf in Deutschland inzwischen nicht überall teurer ist als Tennis oder Skifahren. Hinzu komme aber auch das Selbstverständnis vieler Clubs, die sich in ihrer Ausrichtung eher an ältere Menschen richten, so Cordes. "Der Sport braucht jedoch die jungen Aktiven."

Wird Kaymer der Schumacher des Golfsports?

Eine Entwicklung im Entwicklungsland ist aber durchaus zu spüren. Die Wachstumszahlen im Jugendbereich liegen über dem Durchschnitt, wenn auch auf niedrigem Niveau. "Wir entwickeln uns", sagt auch Martin Hasenbein, verantwortlich für den Nachwuchs im Gemeinschaftsprojekt von DGV und der PGA (Professional Golfers Association). Doch auch er weiß: "Andere Nationen haben einen nicht unerheblichen Vorsprung, da dort der Leistungssport schon seit längerem anders wahrgenommen und intensiver unterstützt wird."

Einer, der die Entwicklung beschleunigen kann, ist Martin Kaymer. Der 24-jährige Deutsche hat Bernhard Langer als nationalen Vorzeigegolfer abgelöst. Bruhns vergleicht die Nummer elf der Welt sogar mit Michael Schumacher und dessen Anteil am Formel-1-Boom in den Neunzigern. "Vielleicht kann Martin Kaymer für den Golfsport Ähnliches bewirken", so der DGV-Geschäftsführer. Auch Präsident Scheuer baut auf das für eine Sportart so wichtige "Heldenpotential" des Shooting-Stars.

Viele Amateure scheitern an den "Übergangsschwierigkeiten"

Kaymer ist einer der wenigen Deutschen, die den Sprung vom Amateur zum Profi geschafft haben. "Wir haben sehr erfolgreiche Spitzenamateure in unseren Kadern, darunter einige Europameister", sagt Scheuer. Doch viele würden an den "Übergangsschwierigkeiten" scheitern. Für viele Golf-Talente ist der Sport nicht die einzige Möglichkeit, finanziell gut abgesichert zu sein. Im Gegenteil: Das Risiko des Profibetriebs mit seinen hohen Reisekosten und unsicheren Prämien ist vielen Nachwuchsgolfern zu groß. Diese Unsicherheit will der DGV mit einem Förderprogramm für ausgewählte Jungprofis verringern.

Selbst gefördert wird der Verband durch die Aufnahme in die olympische Familie hingegen nicht. Nur die Reisen der Nominierten zu den Spielen bezahlt der Deutsche Olympische Sportbund. Aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse sei Golf nicht förderungsfähig, heißt es beim DOSB. Auch Tennis und Fußball müssen ohne staatliche Gelder auskommen. Wenigstens in diesem Punkt ist Golf im Club der Großen schon angekommen.