Golf: Beim Ryder Cup hat die Etiquette drei Tage Pause - DER SPIEGEL
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Ryder Cup: Duelle für die Ewigkeit

Foto: David J. Phillip / AP

Ryder Cup Kontinentalkampf der Golfgiganten

Der Ryder Cup gilt als Ausnahmeturnier im Golf. Jetzt steht die 39. Auflage des Kontinentalkampfes zwischen Amerika und Europa - und der sonst so gediegene Sport zeigt seine emotionale Seite. Selbst abgezockte Einzelkämpfer werden hier zu leidenschaftlichen Mannschaftsspielern.
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Die Luft im London des Jahres 1908 war mies. 7,5 Millionen Einwohner machten die britische Metropole zur größten Stadt der Welt. Dichter Smog, verursacht vor allem durch die Abgase der damals üblichen Kohleheizungen, hüllte alles ein. "Erbsensuppe" nannten die Londoner die gesundheitsschädlichen Schwaden. Was harmlos klingt, kostete viele Menschen das Leben. Der wohlhabende Blumensamenhändler Samuel Ryder hatte genug davon. Er brauchte dringend frische Luft.

50 Jahre alt war Ryder, als er begann, Golf zu spielen. Ein Freund hatte ihm den Sport empfohlen, um das Gift aus den Lungen zu bekommen. Schnell wurde aus der Vernunftentscheidung Leidenschaft, aus dem siechenden Ryder wurde ein süchtiger Ryder. Golf war sein neuer Lebensinhalt.

Der Sport war damals im Golf-Mutterland Großbritannien den Gutbetuchten vorbehalten, die Clubs hatten strikte Aufnahmebedingungen. Das große Geld wurde in den USA verdient, die US-amerikanischen Top-Spieler hatten Sponsoren und reisten um die Welt, die englischen Talente hingegen wurden wenig gefördert und blieben auf der Insel. Samuel Ryder beschloss, dies zu ändern.

Eine Auswahl an US-Spielern sollte gegen die besten britischen Golfer antreten, alle zwei Jahre und mit jeweils wechselndem Heimrecht. 1927 spielten die Teams erstmals um den 43 Zentimeter hohen und zwei Kilogramm schweren Pokal - den Ryder Cup.

85 Jahre später glänzt die kleine Golf-Figur auf dem Deckel des Pokals noch immer. Doch einiges hat sich geändert. Seit 1979 dürfen nicht nur britische, sondern Spieler aus allen europäischen Ländern im "Team Europe" antreten. Nach den Terroranschlägen in New York wurde das Treffen auf 2002 verschoben und findet seither in den geraden Jahren statt. Eines aber ist geblieben: Der Ryder Cup ist der wichtigste Golf-Teamwettbewerb überhaupt. Kaum ein Turnier hat mehr Prestige und erregt die Gemüter in dem sonst so auf Haltung bedachten Sport.

Davon können sich auch die Spieler nicht freimachen. José Marié Olazábal kann seinen Blick bei einer Pressekonferenz vor dem am Freitag beginnenden Wettkampf kaum von dem Pokal abwenden. Siebenmal nahm der Spanier am Ryder Cup teil, viermal gewann er ihn. Nun führt er als nicht-spielender Kapitän die europäische Auswahl bei der inzwischen 39. Ausgabe an.

Ryder Cup

"Meine beiden Masters-Siege in Augusta waren die Höhepunkte meiner Karriere als Spieler", so der 46-Jährige, "aber dies ist der stolzeste Moment in meinem Leben", sagte Olazábal. Beim Ryder Cup geht es nicht um üppige Preisgelder wie in Augusta oder gar einen 11-Millionen-Dollar-Jackpot wie bei der Tour Championship. Stattdessen treten die 24 Spieler nur für ihren Kontinent und das Prestige an. "Fünf Pfund pro Spieler und eine Siegesfeier mit Champagner und Hühnchen-Sandwiches" hatte Wettbewerbserfinder Ryder beim ersten Turnier für die Gewinner ausgelobt.

Die Tradition des Nicht-Kommerziellen hat sich der Wettbewerb bis heute erhalten. Es geht um die Ehre. Da zumindest sind sich Europäer und Amerikaner einig. "Beim Ryder Cup gegen Europa zu spielen ist für mich so wichtig wie der Kriegseinsatz meines Vaters in Vietnam", sagte Bubba Watson vor zwei Jahren beim bisher letzten Duell in Wales.

Ausnahmesituationen beim "War by the shore" und "Battle of Brookline"

Ryder selbst erträumte sich zu seiner Zeit, "dass dieser Wettkampf ein herzliches, freundliches und friedliches Gefühl in der Welt schafft". Das Golfspiel bringe "das Beste im Menschen zum Vorschein".

Zu Beginn der Duelle mag diesem Wunschdenken noch entsprochen worden sein, vielleicht ist es aber besser, dass der 1936 verstorbene Ryder die jüngere Geschichte seines Turniers nicht mehr miterlebt hat. Pünktlich zum Ryder Cup driftet das Vokabular im sonst so auf Etikette bedachten Sport ins Martialische ab. Auch die Fairness blieb mitunter auf der Strecke. Eigentlich ein Unding im streng reglementierten Golfsport, wo das Verhalten auf der Runde einen sehr hohen Stellenwert einnimmt.

1991 kam es auf Kiawah Island im US-Bundesstaat South Carolina zu Zeiten des Golfkriegs zum "War by the shore" (Krieg an der Küste). Der Deutsche Bernhard Langer wurde damals zur tragischen Figur. Er konnte den entscheidenden Putt nicht versenken, knapp verloren die Europäer 14,5:13,5. Das US-Team, angetrieben von fanatischen Anhängern, ging für den Sieg bis zum Äußersten. So unterließ es US-Kapitän Dave Stockton, sein Gegenüber Bernard Gallacher über eine Umstellung im Team zu informieren.

1999 lieferten sich die Mannschaften die "Battle of Brookline" (Die Schlacht bei Brookline), als das US-Team beim Abschlussmatch zwischen Justin Leonard und dem heutigen Kapitän Olazábal Leonards erfolgreichen Putt auf dem Grün des 17. Lochs feierten - noch bevor das Einzel entschieden und der Spanier zu Ende gespielt hatte.

Nicht unwahrscheinlich, dass Olazábal genau an diese Szenen denkt, wenn er sagt: "Die Spieler sollen merken, dass es beim Ryder Cup Momente gibt, die bei keinem anderen Turnier passieren."

Kaymer erwartet "fanatische Stimmung" in Medinah

Wie sein Pendant auf US-Seite, Davis Love III, tritt Olazábal nun mit zwölf Spielern an. Für Europa starten die jeweils fünf besten Golfer der europäischen und der Weltgeldrangliste. Hinzu kommen Nicolas Colsaerts und Ian Poulter als sogenannte Captains Picks (alle Spieler beider Teams im Kurzporträt in der Fotostrecke).

In den USA werden acht Plätze automatisch über die Weltrangliste vergeben, dazu kommen vier weitere Captains Picks. "Beide Teams sind sehr ausgeglichen. Das wird ein ganz enges Match. Ich kann da keinen Favoriten erkennen", so Olazábal. Auch die beiden größten Stars, der Nordire Rory McIlroy und der US-Amerikaner Tiger Woods, sind mit dabei.

Der Deutsche Martin Kaymer schaffte wie schon 2010 den Sprung ins Team, zum Auftakt am Freitag (14.20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) darf er allerdings nur zuschauen. Für das Team Europa eröffnen Rory McIlroy und Grame McDowell die ersten vier Foursomes gegen Jum Furyk und Brandt Snedeker aus den USA. Zudem treffen die US-Doppel Phil Mickelson/Keegan Bradley auf Luke Donald/Sergi Garcia und Jason Dufner/Zach Johnson auf Lee Westwood/Francesco Molinari. Die Aufstellungen für die anschließenden vier Fourballs werden nach Abschluss der Foursomes bekanntgegeben.

"Wenn ich meine Leistung abrufen kann, werde ich Punkte holen", sagte der frühere Weltranglistenerste (derzeit 32.) Kaymer dennoch dem "Kicker". Diese sollten "dann hoffentlich zur Titelverteidigung reichen". 2010 blieb der 27-Jährige in den Vierern mit den Engländern Lee Westwood und Poulter ungeschlagen (Alles zum Austragungsmodus im Erklärkasten).

Gespielt wird in diesem Jahr auf dem Kurs des Medinah Country Club, 40 Kilometer vor den Toren Chicagos. Die 28 Spiele der Ryder Cup Begegnung werden auf dem 7000 Meter langen Course 3 ausgetragen. Auch diesmal erwartet Kaymer eine atemberaubende Stimmung. "Die Fans sind fanatisch, laut und zu 80 bis 90 Prozent gegen uns." Das klingt nach dicker Luft. Allemal besser als Smog.