Golf-Masters Dunkle Wolken über Augusta
Augusta - Peter Lonard war einer der ersten Golfprofis, die vergangenen Sonntag auf dem Augusta National Golf Club eintrafen, um sich auf das erste Major-Turnier des Jahres vorzubereiten. Der 34-jährige Australier, der zum ersten Mal bei den Masters dabei sein darf, wunderte sich allerdings über einiges, was um ihn herum geschah.
Es waren weniger die zwei Herren, die am Toreingang des Golfclubs für fünf Dollar das Stück "I support Hootie"-Anstecker verkauften, oder die rund drei Dutzend Protestierenden, die einen Kilometer vom Gelände entfernt, auf einem Feld die Kampagne der amerikanischen Frauenrechtlerin Martha Burk unterstützten. Vielmehr fragte sich der Neuling, der seinen Platz im diesjährigen Starterfeld als 39. der aktuellen Weltrangliste sicherte, warum so viele Menschen sich vier Tage vor dem Beginn des ersten Höhepunkts der Golfsaison noch auf dem Platz tummelten.
Profis müssen sich hinten anstellen
"Ich dachte, es würde kaum einer auf dem Platz sein", schilderte Lonard seine Verwunderung, "vielleicht der eine oder andere Profi wie ich, der sich frühzeitig mit dem Platz vertraut machen möchte. Aber nicht diese Masse Golf spielender Menschen. Das war ein ziemlicher Schock."
Was Lonard nicht wissen konnte, ist, dass der Sonntag vor dem Turnier in Augusta einer der geschäftigsten Tage des Jahres ist und an ein konzentriertes Training nicht zu denken ist. Die meisten der rund 300 Mitglieder des Privatclubs wollten selbst noch einmal auf dem Platz spielen und brachten Gäste mit, um ihnen zu zeigen, wie schwierig es ist, eine vernünftige Runde in der "Kathedrale des Golfsports" zustande zu bringen. Mitglieder des exklusiven Clubs haben Vorrang, da mussten sich auch die rund 50 Profis, die am Sonntag frühzeitig erschienen waren, hinten anstellen und warten, bis der Starter sie auf die erste Spielbahn ließ.
Auch Bernhard Langer, der seit seinem Debüt im Jahre 1982 bereits zum 21. Mal bei den Masters dabei ist und immerhin 1985 und 1993 gewinnen konnte, musste sich am Sonntag mit Lonard und den anderen gedulden, ehe er auf den Platz durfe. Der 46-jährige Anhausener weiß als Veteran wie man sich im Augusta National Golf Club zu benehmen hat und dass auch ein zweifacher Major-Champion sich dort den Regeln und ungeschriebenen Gesetzen zu unterwerfen hat. Bei Trainingsrunden beispielsweise dürfen die PGA-Profis jeweils nur mit einem Ball trainieren und nicht wie bei anderen Turnieren mit mehreren Bällen üben.
"Gäste" statt "Fans"
Doch nicht nur die Spieler müssen sich dem konservativen Diktum des Clubs unterordnen. Auch die Medien müssen sich an bestimmte Vorgaben halten. So dürfen beispielsweise Leute im Publikum während der Masters-Berichterstattung niemals als "Fans" oder "Zuschauer" bezeichnet werden, sondern werden grundsätzlich "patrons" (Gäste) genannt. Auch dass die Teiche auf dem Platz eigens für die TV-Übertragung fast türkis gefärbt werden, darf nie erwähnt werden.
Um in dieser Hinsicht die Kontrolle zu bewahren, hat der Club jemanden aus ihren Reihen abgestellt, der den Medienleuten über die Schulter schaut. So wird die Wortwahl streng überwacht, und wenn den Kommentatoren unverzeihliche Schnitzer unterlaufen, werden sie frühzeitig nach Hause geschickt. 1994 beispielsweise musste der CBS-Reporter Gary McCord während des Turniers seinen Platz vor dem Mikrofon räumen, weil er versäumte, das Publikum als "patrons" zu bezeichnen und die pfeilschnellen Grüns in Augusta übermütig als "enthaarte Bikini-Zone" ("bikini-waxed") beschrieb.
Empörung über den Frauenprotest
Weil diese Vorschriften in Augusta schon lange gelten und die Veranstalter des Turniers, das im Jahr 1934 zum ersten Mal ausgetragen wurde, stolz auf ihren traditionellen Ruf sind, sorgte die Frauenrechtlerin Martha Burk im Sommer vergangenen Jahres für Empörung unter den ausschließlich männlichen Mitgliedern. Die Frauenverbands-Vorsitzende der USA fordert vehement, dass demnächst auch weibliche Mitglieder in den Privatclub aufgenommen werden sollten, denn die "Men only"-Politik in Augusta sei ein Zeichen der Diskriminierung gegen Frauen. Nachdem Anfang der Neunziger Jahre in Augusta die ersten Afro-Amerikaner in den Club aufgenommen wurde, sollte nun auch Frauen dieses Recht gewährt werden.
Derlei Forderungen fanden bei den alten Männern von Augusta natürlich wenig Anklang. Hootie Johnson, der 72-jährige Club-Vorsitzende, konterte die Burk'schen Vorhaltungen mit dem Argument, dass der 230 Kilometer östlich von Atlanta gelegene "Augusta National" ein Privatclub sei und sich deshalb nicht von außen unter Druck setzen lasse. "Wir bestimmen, wann wir eine Frau zum Mitglied nehmen und nicht irgendjemand anderes", so Johnson. "Männer möchten gerne von Zeit zu Zeit untereinander sein, ebenso wie das Frauen wollen. Das ist eine simple Tatsache des amerikanischen Lebens", verteidigte Johnson das Recht, ein Privatclub zu sein. Mit eigenen Regeln natürlich.
Doch gerade in diesen Regeln sieht Burk die Grundrechte der amerikansichen Verfassung verletzt. Deswegen hat sie für den kommenden Samstag eine Demonstration auf dem Zufahrtsweg des Golfgeländes angekündigt. Der Protest droht eine Posse zu werden, denn neben den Frauenrechtlern haben sich unter anderen auch der Bürgerrechtler und demokratische Politiker Jesse Jackson (pro Burk) angekündigt. Dazu zwei Organisationen, die die Rechte der Privatclubs in den USA verteidigen möchten, ein verstreutes Mitglied des Klu-Klux-Klans, dessen Lieblingsgolfer Tiger Woods ist und der Hootie Johnson unterstützen möchte, sowie ein gewisser Deke Wiggins und seine Gruppe von "Leuten gegen lächerliche Proteste".
Durch die Diskussionen um die "political correctness" des Turniers, sind sportliche Fragen, die zu diesem Zeitpunkt der Golfsaison immer gestellt werden, diesmal fast in den Hintergrund geraten. Dabei gibt es jede Menge zu debattieren. Wird es Tiger Woods als erstem Golfer überhaupt gelingen, das Masters zum dritten Mal hintereinander zu gewinnen? Der Titelverteidiger ist nach seiner Knieoperation, der er sich Ende des Jahres unterziehen musste, wieder in herausragender Verfassung, was seine drei Siege bei seinen fünf Starts seit seiner Auszeit unter Beweis stellen. Kann Ernie Els seine Rolle als Herausforderer des Weltranglistenersten bestätigen?
Hält Langers Serie?
Oder was ist mit den berüchtigten "BPNTHWAM (Best Player Never To Have Won A Major)", die auch in diesem Jahr wieder voller Hoffnungen nach Augusta anreisen? Der Schotte Colin Montgomerie und Phil Mickelson aus den USA sind zwei Spieler, die zu dieser Kategorie gezählt werden. Um endlich seinem ersten Major-Triumph näher zu kommen, hat Montgomerie über den vergangenen Winter knapp zehn Kilogramm abgenommen und sich in bessere körperliche Verfassung gebracht.
Aus deutscher Sicht heißt die Frage: Wird Bernhard Langer seine beeindruckende Masters-Serie - 19 geschaffte Cuts in Folge - auch in diesem Jahr ausbauen können? Zwar ist Langer in dieser Saison nicht besonders spektakulär aus den Startlöchern gekommen, doch ein gutes Ergebnis in Augusta könnte die bescheidenen Ergebnisse der ersten Turniere in diesem Jahr vergessen machen. "Mein Ziel ist es, vorsichtig ranzugehen und den Cut zu schaffen, mehr will ich momentan nicht", legt Langer die Latte in diesem Jahr nicht allzu hoch. Nach dem Training am Dienstag gab er sich zumindest optimistisch: "Ich war mit meinem Spiel einigermaßen zufrieden, das muss ich nur am Donnerstag umsetzen. Auch mit den äußeren Umständen bin ich gut zurechtgekommen."
Die äußeren Umstände sind dieser Tage Blitz und Donner, Wolkenbrüche und immer wieder Unterbrechungen. Am Montag musste deswegen sogar die Trainingsrunde abgesagt werden. Auch für die erste Turnierrunde am Donnerstag sind Regenschauer vorausgesagt, erst am Freitagmittag soll sich die Sonne zeigen. Spötter sagen deshalb, das mediale Gewitter, dass Martha Burk mit ihrer Aktion ausgelöst hat, hat sich jetzt auch auf den Wettergott übertragen.