Golf: Patrick Reed gewinnt das US-Masters: - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Golf: Reed holt sich das Grüne Jackett

Foto: David J. Phillip / dpa

Masters-Sieger Reed Der Anti-Golfer

Patrick Reed gilt als Bösewicht der Golf-Szene. Schuld sind Betrugsvorwürfe, politisch unkorrekte Sprüche und ein selbstbewusstes Auftreten. Nun hat er das US-Masters gewonnen - vor den Publikumslieblingen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zuschauer riss es von den Sitzen, der Jubel war ohrenbetäubend. Vorne auf dem 18. Grün, dem letzten Loch dieses 82. Masters Tournament, nahm Rickie Fowler den Ball aus dem Loch, und die Menge ließ den US-Golfer ein letztes Mal hochleben. Noch einmal war da so etwas wie Hoffnung. Fowler lag plötzlich nur einen Schlag hinter Spitzenreiter Patrick Reed.

Dieser kam wenig später hinauf zum letzten Grün marschiert. Er hatte seinen Ball sechs Meter neben dem Loch platziert, zwei Putts würden jetzt reichen zum Titel. Die Menschen klatschten, doch sie jubelten nicht. Und als er den Ball tatsächlich mit dem zweiten Putt im Loch versenkte, erhoben sich die meisten etwas zu pflichtbewusst von ihren Plastikstühlen. Der Applaus war schon wieder verklungen, da fing Reed gerade erst an, seinen ersten Major-Sieg verhalten, aber tief bewegt zu feiern. Was war passiert?

Patrick Reed

Patrick Reed

Foto: David Cannon / AFP

Der Erfolg des 27-Jährigen ist nicht überraschend, auch wenn Reed im Augusta National Golf Club zuvor nie besonders gut zurechtgekommen war. Reed hatte das US-Team 2016 eindrucksvoll zum Ryder-Cup-Titel geführt, in der Weltrangliste war er schon mal unter den besten Zehn geführt. Gleichzeitig kommt jedoch auch die Reaktion der Fans auf diesen Sieg nicht unerwartet. In der Regel wird jeder Golfer, der in der ersten Major-Woche des Golfjahres auf einem Niveau agiert, das für den Titel reicht, von den Zuschauern uneingeschränkt gefeiert - allein aus Respekt vor der Leistung. Und erst recht, wenn er die USA seine Heimat nennt. Doch bei Reed ist die Sache etwas anders.

Spieth begeistert die Zuschauer

Schon vor dieser Finalrunde war es Rory McIlroy, der als erster Verfolger des Führenden Reed im Mittelpunkt der Berichterstattung stand. Und als Jordan Spieth, Masters-Champion 2015, mit einem unglaublichen Lauf zwischenzeitlich zu Reed aufschloss, jubelte die Menge am letzten Loch, als stünde der Gewinner fest. Dabei wurde in diesem Moment nur Spieths Ergebnis auf der Ergebnistafel nahe dem Grün angezeigt.

Spieth und Fowler sind Publikumslieblinge, wie der Nordire McIlroy. Doch das ist nur die eine Seite der Geschichte. Reed ist in einem Sport, der sich die Marke Gentlemen-Sport ans Polohemd heftet, einer der wenigen, die aus einer vermeintlich gut erzogenen, die Etikette respektierenden Masse, als unbequemer Quertreiber ausschert.

Als er 2015 seinen ersten großen Titel bei der World Golf Championship in Doral, Florida, feierte, bezeichnete er sich noch auf dem Platz als einen der fünf besten Golfer der Welt. Und so wenig übertrieben das zu diesem Zeitpunkt vielleicht tatsächlich gewesen sein mag - die Aussage wurde Reed als unverfrorene Aufmüpfigkeit ausgelegt. So etwas gehöre sich nicht, hieß es. Golf ist ein Sport, der Demut lehrt. Diese Demut will gepflegt sein. Reed hält davon wenig.

Reed soll auf dem College betrogen haben

Und so fielen die ungemütlichen Geschichten, die in der Folge aufkamen, vielerorts auf sehr fruchtbaren Boden. Einmal sorgte Reed mit abschätzigen Äußerungen gegenüber Homosexuellen für Aufruhr, ein anderes Mal schimpfte er nach einer Entscheidung eines Offiziellen: "Ich glaube, ich müsste Jordan Spieth heißen." Einen richtigen Skandal löste ein Buch aus, das kurz nach seinem WGC-Triumph erschien und ihn des Betrugs bezichtigte. Im College soll er bei Qualifikationsturnieren zweimal geschummelt, zudem Geld von Mitspielern geklaut haben. Reed bestritt die Vorwürfe, bestätigte lediglich Verstöße gegen die Alkoholgesetze, doch frühere Weggefährten stützten die Betrugsvorwürfe.

Ob freiwillig oder nicht - Reed wechselte in jedem Fall kurz vor seinem Abschluss noch einmal das College. Der Texaner ging nach Augusta, Georgia, dorthin, wo er nun seinen bislang größten Erfolg feierte. Doch auch der Heimvorteil gab ihm keinen Sympathiebonus, zumal auch dort weitere Vorwürfe nicht ausblieben. Im sehr konservativen Augusta National Golf Club lieben sie ihre Traditionen, manchmal halten sie auch zu lange daran fest, wie das lange gestörte Verhältnis zu nichtweißen Bevölkerungsgruppen und Frauen zeigt. Zu den gepflegten Traditionen gehört aber auch, den Fairness-Gedanken des Sports als Standarte vor sich her zu tragen. Hier ergibt sich die Reibung mit einem, der nicht immer fair gespielt haben soll.

Publikumsliebling Jordan Spieth

Publikumsliebling Jordan Spieth

Foto: Chris Carlson / AP

Reed tut wenig, um sich zu verteidigen. "Mein Job ist, Golf zu spielen", sagt er, angesprochen auf den Gegenwind aus der Branche. Er habe keine Ahnung, warum man ihn kritisiere. "Warum fragen sie das nicht die Kritiker? Mir ist es ehrlich gesagt egal, ob sie mich anfeuern oder nicht." Ansonsten bleibt Reed meist still. Nicht nur gegenüber der Presse.

Reed pflegt seine kleine Entourage, die Grenzen nach außen zieht vor allem seine Frau, die den Job als Caddie erst mit der Geburt des ersten Kindes aufgab. Seither trägt Reeds Schwager die Tasche, Schwägerin Kris fungiert als Nanny, Schwiegermutter Janet managt die Karriere. Dazu gehört nun auch, den Titel Masters-Champion mit dem Namen Patrick Reed glaubwürdig und gewinnbringend zu verknüpfen. Es ist die große Chance, das Image des Bösewichts loszuwerden - sofern das ein Ziel ist. "Ihm ist egal, was die Leute denken", zitiert Sports Illustrated den Kollegen Daniel Berger.

Auch nach dem Triumph blieb Reed entrückt. Persönliche Fragen nach seiner Familie ließ er abtropfen. "Ich wusste, dass es hart wird", ließ Reed er wissen. Er kenne die Wellen dieses Sports, "mit denen muss man umgehen können". Wie mit so manch anderem eben auch.

Die Finalrunde des Masters gilt als Königsdisziplin des Golfsports, nur in diesem Major werden jährlich dieselben Löcher gespielt, das nährt die Mythen-Maschine. 2018 wird für viele das Jahr sein, in dem Spieths furiose Aufholjagd nicht belohnt wurde und in dem Rickie Fowler zum wiederholten Mal in einem Major nur Zweiter wurde. Reed wird das alles vermutlich relativ egal sein.

Mehr lesen über