Haas vs. DTB: Netzattacken mit dem Rammbock - DER SPIEGEL
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Haas vs. DTB Netzattacken mit dem Rammbock

Seit seiner Weigerung, für das deutsche Tennisteam im Daviscup zu spielen, hat Thomas Haas ein Imageproblem. Das eigentliche Dilemma ist sein Vater.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über die Menschheit, so findet Peter Haas, 53, lässt sich Folgendes sagen. Da gibt es welche, die sind komplett ahnungslos. Und da gibt es welche, die haben voll den Durchblick. Er zum Beispiel, Vater Haas: Hat erkannt, dass sein Sohn schon mit sechs sehr gut Tennis spielte. Als Thomas zwölf war, schickte er ihn auf die Akademie des berühmten Trainers Nick Bollettieri nach Bradenton (Florida). Dort folgten sieben Jahre Schinderei.

Und heute? Steht der Junge, den auch jetzt noch alle Tommy nennen, auf Platz 7 der Weltrangliste und "führt ein tolles Leben". Der Tennis-Daddy, der unbelastet von allen Selbstzweifeln auch schon den Karrierewegweiser "Vorteil Haas" auf den Buchmarkt geworfen hat, sagt: "Man kann nicht behaupten, dass ich viel falsch gemacht habe."

Andererseits Georg von Waldenfels, der Präsident des Deutschen Tennisbundes (DTB). "So ein Mann an der Spitze des Profisports", grantelt Peter Haas und lässt seine gewaltigen Hände auf den Tisch donnern, dass der Milchkaffee fast aus dem Pappbecher schwappt: "Das ist irrsinnig." Seine Meinung teilte er ­ per E-Mail ­ dem "lieben herrn wallfels" Anfang dieses Jahres sogar schriftlich mit.

Darin empfahl der zornige Österreicher dem ehemaligen bayerischen Finanzminister, "so wie früher auch als buchhalter tätig zu sein, aber sich nicht im spitzensport zu betätigen, ein bisschen tennis bei den alten senioren in hof reicht da nicht". Die prollige Replik, davon ist der gebürtige Grazer noch immer überzeugt, musste sein. Waldenfels nämlich hatte, ebenfalls via Internet, Thomas Haas geschurigelt ­ und damit Vater Haas, den Rammbock für familiäre Angelegenheiten, erst so richtig auf die Zinne gebracht.

Der Verbandsboss hatte sich unnachgiebig gezeigt vor dem Daviscup-Match gegen Kroatien. Wenn Thomas Haas auf Freiflügen für seinen Vater beharre und darauf, dass ihn sein Physiotherapeut auf Kosten des DTB begleite, werde er nicht nominiert ­ worauf Deutschlands Nummer eins wenige Tage vor der Begegnung in Zagreb von sich aus absagte.

Ein Affront. Denn die Partie auf dem Balkan war auch der erste Auftritt des neuen Teamchefs Michael Stich ­ und ging ohne die Mithilfe von Haas, der bisher elf von zwölf Daviscup-Matches für sich entschieden hatte, klar verloren. Seitdem herrscht offener Streit zwischen dem Haas-Clan und dem DTB ­ und keine Seite hat in den letzten drei Monaten auch nur einen deutlichen Schritt zur Verständigung gemacht.

"Es ging mir nicht ums Geld"

Thomas Haas sitzt in der Lobby des Hotels Beach Plaza in Monte Carlo und behauptet trotzig: "Ich musste ein Zeichen setzen ­ die dachten, die können alles mit mir machen." Waldenfels indes beugt sich in seinem Büro in der Nymphenburger Straße in München mit düsterem Blick über den Tisch und sagt: "Ich stürze den DTB auf keinen Fall in Schulden, um eine Daviscup-Mannschaft aufzustellen."

Haas betont: "Es ging mir nicht ums Geld, es ging um die Anerkennung meiner Leistung." Waldenfels indes behauptet: "Haas verlangte 100.000 Euro ­ daran ist es gescheitert." Nun droht der Zoff zwischen dem Top-Spieler und dem Top-Funktionär des DTB zu eskalieren. Denn wenn Thomas Haas in der kommenden Woche beim Turnier in München und Anfang Mai in Hamburg zum ersten Mal nach seiner Daviscup-Absage wieder in Deutschland spielt, geht es nur nebenbei um Tennis. Viel spannender erscheint die Frage: Wer reitet die nächste Attacke?

Den Auftakt hat Haas bereits gemacht. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" schlug der Tennisprofi vorvergangenes Wochenende als nächsten DTB-Präsidenten Horst Klosterkemper vor, den Organisator des World Team Cup im Düsseldorfer Rochusclub. "Der hat", so stichelte Haas, "den Draht zu den Spielern." Denn dass die DTB-Führungsriege "von Tennis nicht allzu viel Ahnung" hat, gehört zum Standardrepertoire der Haas-Seite ­ und lässt sich vom Präsidenten Waldenfels nicht eben überzeugend aus der Welt schaffen.

"Und wer sind Sie?"

So trägt Vater Haas genüsslich weiter, wie DTB-Geschäftsführer Jan-Dirk Kohne bei seinem ersten Treffen mit dem Daviscup-Team vorigen Herbst in Stuttgart auf Rainer Schüttler zuging, nach Haas der zweitbeste Spieler der Mannschaft. Der Manager streckte die Hand aus und fragte den Spieler: "Und wer sind Sie?" Kohne, der zuvor beim Plüschtierhersteller Steiff beschäftigt war, "hatte seinen Job gerade angefangen", beschwichtigt Waldenfels ­ tatsächlich war die Führungskraft bereits sechs Wochen im Amt.

Der unbefangene Tennismanager, der auch den Spieler David Prinosil und Schüttler-Trainer Dirk Hordorff nicht erkannte, bewies ebenfalls wenig Gespür, als er sich dem Haas-Coach David "Red" Ayme in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle vorstellen wollte. Als Kohne die Zuschauer-Box des Trainers betrat, um einen Plausch mit dem Amerikaner zu halten, war das Match zwischen dem Weltranglisten-Ersten Lleyton Hewitt und Haas gerade in der heißen Phase ­ es stand 4:4 im dritten Satz.

DTB bekannt für Streit mit seinen Spitzenspielern

Dass der DTB sich mit seinen Spitzenspielern um Prämien, Gagen und Sonderbehandlung verkracht, scheint fast ein Ritual ­ Boris Becker pflegte den Kleinkrieg mit den Funktionären, ebenso Michael Stich und Nicolas Kiefer. Der Zwist mit Haas, der gerade die erfolgreichsten Monate seiner Karriere hinter sich hat und in der Weltrangliste so gut platziert ist wie nie zuvor, gründet indes tiefer. Denn anders als in den fetten Jahren, als sich beim Poker ums Geld immer irgendwie ein Türchen öffnete, ist der Verband diesmal in argen finanziellen Nöten. "Wir müssen unbedingt runter von den hohen Preisgeldern", fordert DTB-Boss Waldenfels, "bevor wir daran ersticken."

In der Öffentlichkeit können die Funktionäre damit punkten. Denn Appellen zum Sparen und Debatten über die Reduzierung der Millionengehälter von Sportstars ist in Zeiten der Kirch-Krise Beifall garantiert. Deshalb hat Haas, der Sonnyboy, zum ersten Mal in seiner Karriere ein Imageproblem. Die Deutsche Presse-Agentur, die den Tennis-Crack bisher immer in Watte packte, verpasste ihm schlankweg den Beinamen "Daviscup-Verweigerer". Und selbst die bunten Blätter, die Haas bisher zu Füßen lagen, treten mit einem Mal nach.

So druckte die "Bunte", die allein 1999 fünf Jubelgeschichten über den aufstrebenden Deutschen veröffentlicht hatte ("Alle Frauen lieben Tommy"), neulich ein stark gekürztes Interview, das Haas in dieser Form nicht autorisiert hatte. Auch vom Vater haben sich die alten Journalisten-Spezln abgewendet. Peter Haas, ätzte das Blatt, sei ein "arbeitsloser Ferrarifahrer". Die miese Presse indes könnte auch einem anderen Streit geschuldet sein, der jahrelang die Juristen beschäftigte und erst vor wenigen Wochen vom Landgericht München entschieden wurde: Demnach muss Thomas Haas seinen ehemaligen Förderern 516.794 Euro zahlen.

Von 1990 bis 1995 hatten 15 zahlungskräftige Investoren jeweils 50.000 Mark in die Tosa GmbH eingezahlt ­ darunter auch "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort, der Lebensgefährte von "Bunte"-Chefin Patricia Riekel. Vater Haas hatte das Unternehmen gegründet und nach den Anfangssilben seiner Kinder Tommy und Sabine benannt. Einziger Geschäftszweck der Firma: die Tennislaufbahn seiner Sprösslinge zu finanzieren. Als Gegenleistung, so stand es im Vertrag, sollten bis Ende des Jahres 2004 den Mäzenen 15 Prozent aller Einnahmen zufließen.

Haas muss seine Förderer bezahlen

Doch die Rückzahlung geriet schnell ins Stocken. Bereits 1997 ging die Tosa GmbH in Konkurs. Zwar bediente Thomas Haas die Investoren noch drei Jahre wie vereinbart weiter, dann jedoch war Schluss ­ den "lieben Förderern" wurde der Geldhahn abgedreht. Die Begründung, so Haas-Rechtsbeistand Georg Stock: Der Vertrag sei "sittenwidrig".

Dass jemand sein eigenes Konstrukt im Nachhinein moralisch in Zweifel zieht, ist eine ungewöhnliche Volte. Das Landgericht befand die Ansprüche der 15 Partner für rechtens. Was den Tennispapa selbstredend nicht davon abhält, das Urteil anzufechten: "Unser Anwalt ist der Ansicht, wir sollen das bis zur letzten Instanz durchziehen", beteuert er. Peter Haas klingt dabei nicht wie einer, den Prozessieren um den Schlaf bringt.

MICHAEL WULZINGER