Halmich-Interview "In einer Liga mit den Klitschkos"
SPIEGEL ONLINE:
Frau Halmich, Ihr Boxstall Universum sieht Sie derzeit "auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere"...
Regina Halmich: Das empfinde ich auch so. Ich bestreite im ZDF jetzt erstmals den Hauptkampf und bekomme so eine ganz andere Aufmerksamkeit. Das beflügelt mich. Früher haben meine Kämpfe doch nur so nebenbei stattgefunden.
SPIEGEL ONLINE: Was war der Wendepunkt in Ihrer Laufbahn?
Halmich: Dass das ZDF mich haben wollte. Die haben sechs Universum-Boxer namentlich unter Vertrag genommen: die Klitschko-Brüder, Dariusz Michalczewski, Thomas Ulrich, Michel Trabant und mich. Das war für mich die Erfüllung eines Traums.
SPIEGEL ONLINE: Das war vor anderthalb Jahren. Bis dahin hatte auch das ZDF Frauenboxen vornehmlich über das Aussehen der Kämpferinnen verkauft. Ist es Ihnen schwer gefallen, dieses Spiel mitzuspielen, beispielsweise als Sie gemeinsam mit der attraktiven, aber boxerisch zweitklassigen Türkin Fikriye Selen ins "Sportstudio" eingeladen wurden?
Halmich: Natürlich. Aber ich hatte schnell begriffen, dass das dazu gehört - ob ich nun Lust dazu habe oder nicht. Es war für mich Mittel zum Zweck: Ich bin durch viele Fernsehsendungen gegangen, um mich bekannter zu machen. Ich habe mir gesagt, wenn ich bekannt bin, wird man endlich auch auf meinen Sport aufmerksam werden.
SPIEGEL ONLINE: Deshalb stehen Sie auch zu dem Klamauk-Kampf gegen Stefan Raab?
Halmich: Das war eine lustige Sache, aber man kann so etwas nur einmal im Leben machen.
SPIEGEL ONLINE: Ärgert Sie es nicht, dass Ihnen die zertrümmerte Nase eines TV-Lästermauls und Ihre Nackfotos für "Playboy" und "Penthouse" mehr Resonanz einbrachten als Ihre sportliche Leistung?
Halmich: Das ist schon schade. Nur gut boxen reicht als Frau eben nicht. Anscheinend läuft es so, dass man ungewöhnliche Wege einschlagen muss, um sein eigentliches Können verkaufen zu machen. Aber wenn die Leute wenigstens so auf mich aufmerksam geworden sind, ist es letztlich auch okay. Ich bereue nichts.
SPIEGEL ONLINE: Früher haben Sie Ihre Arbeit hinterfragt: "Wofür tue ich das alles?", formulierten Sie einmal in einem Interview. Wissen Sie es jetzt?
Halmich: Ja. Denn endlich lohnt es sich auch finanziell, Profiboxerin zu sein. Es bleibt für die Zukunft etwas hängen.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich denn angemessen bezahlt? Oder sind Sie neidisch auf Ihre männlichen Kollegen?
Halmich: Ach, Neid hat doch noch nie etwas gebracht. Ob jetzt einer so oder so viel verdient, ändert ja an meiner Gage nichts. Anhand meiner vielen Titelkämpfe müsste ich zwar schon Millionen auf dem Konto haben, aber die habe ich nun einmal nicht. Wenigstens werde ich wesentlich besser bezahlt als noch vor drei, vier Jahren.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit der einhergehenden Popularität um?
Halmich: Ich will tunlichst vermeiden, ein absoluter Superstar zu werden. Ich gehe jetzt deshalb nur selten auf Partys, obwohl ich viele Einladungen erhalte, und versuche mich aus der Öffentlichkeit weitgehend heraus zu halten. Ich mache nur das, was wirklich sein muss, um meine Kämpfe zu promoten.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer Karriere nur einen einzigen Kampf verloren: 1995 in Las Vegas gegen die US-Amerikanerin Yvonne Trevino, als Sie zum ersten Mal um den WM-Titel boxten. Warum kam es nie zur Revanche?
Halmich: Wir haben wirklich alles versucht. Aber die Dame wollte trotz hoher Gagen einfach nicht zum Rückkampf nach Deutschland kommen. Später ist sie zwei Gewichtsklassen aufgestiegen. Da hatte sich das Thema endgültig erledigt.
SPIEGEL ONLINE: In Europa gibt es keine namhaften Gegnerinnen. In den USA boxen die Töchter von Joe Frazier und Muhammad Ali um Millionen-Börsen. Planen Sie, noch einmal in Amerika zu kämpfen, auch wenn die beiden nicht Ihre Gewichtsklasse sind?
Halmich: Genau das ist das Problem. Laila Ali zum Beispiel ist 26 Kilogramm schwerer als ich. Damit ist ein Kampf ausgeschlossen. Ich wollte immer gerne in Amerika boxen, weil die Frauen dort mehr Geld verdienen. Inzwischen aber nehme ich auch hier gutes Geld ein, deswegen ist das Bedürfnis nicht mehr da.
SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie seit acht Jahren unbesiegt sind, müssen auch Sie im Boxen immer mit einer Niederlage rechnen. Was würde eine Pleite am Samstag gegen Johanna Pena für Sie bedeuten?
Halmich: Starke finanzielle Einbußen. Denn man hat erstmal keinen Titelkampf mehr, sondern muss sich wieder hoch boxen. Natürlich hätte ich dann gerne einen Rückkampf, den würde man sicherlich organisieren können.
SPIEGEL ONLINE: Sie würden auf jeden Fall weiter machen?
Halmich: Ja, ich bin ja noch jung. Ich plane, noch zwei Jahre zu boxen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind schon so lange Weltmeisterin. Was motiviert Sie noch?
Halmich: Trotz meines Titels war ich lange Zeit nur Schattenboxerin. Deswegen ist mein Wunsch, anerkannt zu werden, noch immer noch so ausgeprägt.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keinen Rekord im Hinterkopf?
Halmich: Ich bin vor kurzem eine Gewichtsklasse aufgestiegen. Das war wie ein Neustart. Die zahlreichen Titelverteidigungen im Juniorfliegengewicht sind abgehakt. Im Fliegengewicht (bis 50,8 Kilogramm) habe ich es nun mit ganz anderen Kalibern zu tun und will mich auch dort etablieren. Am Samstag steht die dritte Titelverteidigung an. Wenn ich im Fliegengewicht zehn Titelverteidigungen schaffe, würde ich aufhören.
SPIEGEL ONLINE: Johanna Pena wird als wilde K.o.-Schlägerin beschrieben. Wie schätzen Sie ihre Gegner ein?
Halmich: An eine K.o.-Niederlage denke ich überhaupt nicht. Da wäre ich mental ja zu sehr belastet, wenn ich in den Ring steige. Aber Pena ist eine meiner stärksten Gegnerinnen. Was sie unheimlich gefährlich macht, ist gar nicht die Tatsache, dass sie so wild hauen kann, sondern dass Sie neben ihrer exzellenten Technik auch eine Wahnsinnsbeinarbeit besitzt: Ihr Spitzname ist deshalb auch "la Ballerina". Es ist sehr schwer, solche Gegnerinnen zu stellen.
SPIEGEL ONLINE: Der Universum-Boxstall hat kaum noch amtierende Weltmeister unter Vertrag: Wladimir Klitschko, Dariusz Michalczewski und Artur Grigorian verloren in den vergangenen Monaten ihre Titel. Sind Sie dadurch aufgewertet worden?
Halmich: Schon. Uns Boxern stehen die Quoten auf der Stirn. Danach werden wir beurteilt. Gute Quote: super, Hauptkampf. Schlechte Quote: kein Hauptkampf. So ermittelt sich der Marktwert. Der ist bei mir momentan sehr hoch. Das genieße ich, gleichzeitig lastet Druck auf mir: Werde ich den Ansprüchen gerecht? Ich muss meine Leistung bringen.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich jetzt in einer Liga mit den Klitschkos oder Michalczewski?
Halmich: Das kann man so sagen. Ich fühle mich da akzeptiert.
Das Interview führte Till Schwertfeger