Halmich-Kolumne Luan tut mir leid
Was für ein bitterer Abend. 4500 Boxfans in Düsseldorf freuen sich auf einen spannenden Boxkampf - und dann ist nach nicht mal drei Runden Schluss. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Mein Gefühl, dass Luan Krasniqi trotz seines schwachen letzten Auftritts gegen Tony Thompson vor über einem Jahr eine Chance gegen Alexander Dimitrenko haben wird, hat mich nicht getäuscht.
Von elf Jahren Altersunterschied war gestern Abend auf jeden Fall zunächst nicht viel zu sehen. Luan war optimal vorbereitet und auf den Punkt fit. In seinem Gesicht hat man deutlich gesehen, dass er es noch mal wissen will. Ich war ehrlich gesagt etwas überrascht, wie offensiv er in diesen Kampf gegangen ist und war damit offenbar nicht alleine. Alexander wirkte doch ein wenig überrumpelt von dem Druck, den Luan in den ersten beiden Runden aufgebaut hat.
Bis zu dem entscheidenden Schlag habe ich Luan sogar leicht im Vorteil gesehen. Aber im Schwergewichtsboxen wird jede noch so kleine Unachtsamkeit bestraft. Und so schlug da plötzlich Alexanders Faust auf Luans Leber ein und bereitete dem Kampf ein viel zu frühes Ende. Mir ist so ein Moment in meinen Fights Gott sei Dank erspart geblieben, ich habe aber im Training den einen oder anderen Leberhaken kassiert und kann daher aus eigener Erfahrung sagen: Das ist kein Vergnügen.
Ich glaube, jeder hat deutlich in Luans Gesicht gesehen, dass er richtig starke Schmerzen in dieser Situation hatte. Mir tat Luan leid. Natürlich gehen die Schmerzen vorbei, aber eben nicht in zehn Sekunden. Und mehr bleiben einem Boxer eben nicht, wenn er auf dem Boden liegt oder kniet. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass ihn dieser entscheidende Schlag nicht zufällig traf. Die Körper-Kopf-Taktik von Alexanders Trainer Fritz Sdunek ist optimal aufgegangen.
Überhaupt muss man Alexander trotz der anfänglichen Schwierigkeiten ein Kompliment machen. Von den 4500 Zuschauern in Düsseldorf waren mindestens 4000 für Luan. Für einen 26-Jährigen ist es sicherlich keine einfache Situation, zu einem Duell gegen einen Stallgefährten, der vielleicht seinen letzten Kampf absolviert, in eine Halle einzulaufen, in der einem der Hass entgegenschlägt. Mir ist so etwas in meiner Karriere glücklicherweise nie passiert.
Krasniqi steht vor der Wahl: Rematch oder Karriereende?
Viele sehen Luans Karriere nach dieser Niederlage beendet. Ich halte mich sonst lieber mit Ratschlägen dieser Art zurück, aber Luan sollte sich gut überlegen, wie es jetzt weitergeht. Es ist einzig und alleine seine Entscheidung, ob er seine Karriere fortsetzt oder sich aus dem Ring zurückzieht. Ich sehe ihn auf jeden Fall nicht im Rahmenprogramm, dafür hat er zu hohe Ansprüche. Ich kann aber auch verstehen, wenn er nach so einem vielversprechenden Auftritt nicht einfach sagt: So, das war es jetzt.
Ein fairer Kompromiss wäre meiner Meinung nach ein Rematch zwischen den beiden. Bis Alexander als Nummer eins der WBO die Chance bekommt, gegen Wladimir Klitschko um den WM-Gürtel zu boxen, wird voraussichtlich mindestens noch ein Jahr vergehen. Von einem Kampf Mitte nächsten Jahres gegen Krasniqi würden alle Seiten profitieren. Luan hätte noch einmal die Chance, sein Können unter Beweis zu stellen und müsste nicht mit einer unglücklichen Niederlage abtreten. Alexander hätte einen ernstzunehmenden Gegner in seiner Vorbereitung auf den großen Fight gegen Klitschko. Und ein wenig Taschengeld würde bei dem Zuschauer- und Medieninteresse sicherlich auch für beide Seiten abfallen.
Das ganz große Geld verdient Alexander dann sowieso gegen Klitschko. Ich denke, Fritz Sdunek ist nach dem gestrigen Abend ganz froh, dass er noch mindestens ein Jahr hat, um seinen Schützling auf den großen Fight vorzubereiten. Auch wenn viele denken, dass Alex gegen Wladimir keine Chance hat: Es wäre immerhin mal wieder ein Gegner, der in der Gewichtsklasse und von der Körpergröße auf Augenhöhe ist. Bis dahin sollte Universum besonders daran arbeiten, Alexander noch bekannter zu machen. Was wäre dazu besser geeignet als ein Rematch gegen Luan?