Hamburger Spring-Derby: Ein Mythos - DER SPIEGEL
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Hamburger Derby: Wall und Grab

Foto: Daniel Reinhardt/ picture alliance / dpa

Springreiten in Hamburg Ein Fall für zwei

Der Parcours zählt zu den schwierigsten der Welt: Hier kriechen Pferde lieber unter Hindernissen durch, als drüber zu springen. Warum wagen Reiter trotzdem den Start beim Hamburger Derby?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fast senkrecht geht es drei Meter in die Tiefe. Unten wartet sofort der nächste Sprung, die Planke. Hier fehlerfrei rüber zu kommen, das ist die eigentliche Kunst. Verweigerungen oben am Hang, spektakuläre Abrutscher, Stürze am nachfolgenden Sprung - der "Große Wall" ist eines der bekanntesten Hindernisse im Pferdesport.

Der Parcours auf dem es steht, ist berüchtigt: Das Hamburger Derby in Klein Flottbek gilt als eines der schwierigsten Springen der Welt - wegen seiner Länge und der Naturhindernisse.

Das Derby verlangt Pferd und Reiter viel Mut und Können ab. Bei kaum einem Springen ist so unvorhersehbar, wer als Sieger vom Platz reitet. Zum 87. Mal kommen in diesem Jahr Reiter aus aller Welt auf der Jagd nach dem Blauen Band nach Hamburg. Nach zwei Qualifikationsrunden (Donnerstag, 10.15 Uhr und Freitag, 14 Uhr) steigt am Sonntag das Deutsche Spring-Derby (14.25 Uhr, TV: ARD).

Seine Premiere feierte das Springen am 26. Juni 1920. Seither wird beinahe unverändert der Originalparcours gesprungen, mit 17 Hindernissen auf 1250 Metern Strecke. Erdacht wurde er von Eduard F. Pulvermann, der mit typischen Merkmalen wie Wällen, Hecken und Gräben die Schleswig-Holsteinische Landschaft nachbilden wollte. Das Hindernis "Pulvermanns Grab", eine Kombination aus zwei Steilsprüngen und einem tiefer gelegenen Graben in der Mitte, trägt seinen Namen - er selbst scheiterte daran bei der Premiere 1920.

Andere Hindernisse haben ebenfalls ihre Geschichte, wie die beiden Eisenbahnschranken, zwei einzelne rote Stangen, die auf 1,50 Meter Höhe hängen. Das Pferd des legendären Günter Winkler versuchte einst, darunter hindurch zu kriechen.

Nur ein fehlerfreier Ritt im vergangenen Jahr

Wegen der ungewöhnlichen Hindernisse gibt es immer wieder Überraschungen: Im vergangenen Jahr siegte Christian Glienewinkel auf Professional Aircare. Ein Amateur, im Hauptberuf Altenpfleger, der als einziger fehlerfrei blieb. Der erst 151. Nullfehlerritt in der Geschichte des Klassikers. Im Schnitt sind das nicht einmal zwei fehlerfreie Ritte pro Derby.

Christian Glienewinkel auf Professional Aircare am Großen Wall

Christian Glienewinkel auf Professional Aircare am Großen Wall

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Glienewinkel hatte sich im Vorfeld durchaus Chancen ausgerechnet: "Ich wollte nach einem achten und einem neunten Platz in den Vorjahren schon unter die ersten fünf kommen." Vom Gewinnen träume man sowieso immer, planbar sei das aber nicht. "Durchkommen ist alles, was zählt", sagt Glienewinkel. Auch für dieses Jahr hatte sich der 31-Jährige eine gute Platzierung erhofft, musste seinen Start jedoch wegen einer Verletzung seines Pferdes absagen.

Janne Friederike Meyer ist noch ohne Derby-Titel. Die Lokalmatadorin wird mit Cellagon Anna an den Start gehen, ein erst neunjähriges Pferd, das aber bereits bei seiner Derby-Premiere überzeugte. Das Paar belegte im vergangenen Jahr Platz vier. "Beim Chancen-Ausrechnen bin ich lieber vorsichtig. Der Derby-Parcours hat seine Tücken und ist nur schwer planbar", sagt Meyer.

Unfälle, aber keine schweren Verletzungen

Die Springreiterin weiß, dass beim Derby Unvorhergesehenes passieren kann. 2005 stürzte sie. Ihr Pferd Callistro kam nicht richtig vom Wall weg, "und wir sind einfach nach unten gerutscht". Der Abstand zur Planke passte nicht, Meyer kam aus der Bewegung, wurde aus dem Sattel geschleudert. "Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich im Krankenwagen wieder aufgewacht bin. Zum Glück war es nur eine leichte Gehirnerschütterung", sagt die Springreiterin.

Unfälle gab es in der Geschichte des Turniers immer wieder, selbst die Großen des Sports wie Hugo Simon oder Nelson Pessoa hat es schon erwischt. 2015 wurden aus Vorsicht die irischen Wälle etwas abgeflacht und der große Wall ein wenig entschärft.

Franz-Peter Bokholt, Chef-Steward in Klein Flottbek, sagt, der Springsport müsse sich immer mit Kritikern und Tierschutz auseinandersetzen, da sei das Hamburger Derby keine Ausnahme. "Natürlich sind Unfälle immer möglich", sagt Bokholt: "Aber hier kommt keiner mit einem untrainierten Pferd an, es braucht eine besondere Vorbereitung." Die typischen Klippen müssen geübt werden, die Naturhindernisse werden weder im normalen Training noch auf anderen Turnieren gesprungen. Manch einer von den bekannten erfolgreichen Reitern verzichtet auf einen Start. Entweder sind 30.000 Euro Gewinn nicht genügend Anreiz oder ihnen fehlt das richtige Derby-Pferd.

Janne Friederike Meyer war nach dem Sturz klar, dass sie mit ihrem damaligen Erfolgspferd Callistro nicht mehr an den Start gehen würde. "Ihm ist bei dem Sturz zum Glück nichts passiert, aber er hat sich am Wall einfach nicht sicher gefühlt", sagt Meyer. Dass sie selbst wieder antreten würde, stand für sie außer Frage. Das Derby sei eben einmalig, und der Sieg bleibt ihr großer Traum.

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