Handball-Aufsteiger Argentinien Gladiatoren mit Köpfchen
Auf dem Vormarsch: Argentiniens Handball-Nationalmannschaft
Foto: Jens Wolf/ dpaDie Erfolgsstory begann in Bahrain. Die Experten staunten bei der Handball-Jugend-Weltmeisterschaft 2007 nicht schlecht. Nur mit viel Pech verpasste der Außenseiter Argentinien das Finale, und wurde am Ende Vierter. "Wir wussten, dass dieses Team die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft sein wird", sagt Nationaltrainer Eduardo Gallardo. Zwei Jahre später überraschte diese Truppe bei der Junioren-WM in Ägypten den späteren Weltmeister Deutschland (25:24). Damals fehlte Argentinien nur ein Punkt zum Halbfinaleinzug.
Inzwischen sind die Jungs erwachsen geworden - und kräftiger und schneller und besser und cleverer und erfolgreicher. Gallardo ist stolz auf das Erreichte: "Wir werden plötzlich in der Heimat wahrgenommen. Man merkt jetzt, da gibt es ja auch noch Handballer."
Bei der WM 2011 erreichte die argentinische Mannschaft erstmals in der Geschichte die Hauptrunde einer WM - als einziges nicht-europäisches Team und acht Jahre nach dem bisherigen Höhepunkt der Verbandsgeschichte, dem Vorrundensieg gegen den späteren Weltmeister Kroatien, seinerzeit noch mit Weltenbummler Erik Gull als Gallionsfigur. Heute heißen die Stars Diego und Sebastian Simonet, Gonzalo Carou oder Federico Pizarro. Und trotz der vier (meist knappen) Niederlagen in der Hauptrunde und dem für Deutschland glücklichen 40:35-Sieg nach doppelter Verlängerung im Spiel um Platz elf ernteten die Argentinier viel Lob.
Handball statt Fußball und Rugby
"Diese Mannschaft spielt einen sensationellen Handball und wird den Europäern auf lange Sicht gefährlich werden." Derjenige, der dies sagte, hatte gerade gegen Argentinien verloren - und zwar 22:27 vor 10.000 entsetzten Zuschauern in Göteborg. Dabei war Schwedens Trainer Staffan Olsson fast mehr überrascht von der Leistung des Gegners als von der eigenen Vorstellung geschockt. "Der größte Tag im argentinischen Handball, der Höhepunkt des Höhepunkts WM", sagte Trainer Gallardo: "Wir hatten es auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft." In den Gazetten, wo neben König Fußball sonst Rugby, Basketball oder Volleyball dominieren, fand sich plötzlich seitenweise Handball.
Während in den Schulen sehr viel Handball gespielt wird, sieht es auf Vereinsebene mau aus. "Das Niveau ist ganz, ganz schlecht", sagt Gallardo. Deswegen forciert der Verband den schnellen Wechsel nach Europa. Viele Argentinier sind bei unterklassigen spanischen Klubs unter Vertrag. Matias Schulz, argentinischer Torwart mit deutschen Wurzeln, spielt für den spanischen Erstligisten Antequera. Beim deutschen Oberligisten TuS Opladen fieberte man mit Maximiliano Ferro. "Da sind einige interessante Jungs dabei. Sie sprechen unsere Sprache, sind ehrgeizig und haben großes Potenzial. Was will man mehr?", fragt Luis Miguel Lopez rhetorisch. Der Manager hat einige Argentinier im Visier - für sein Starensemble aus Ciudad Real.
"Einen Messi haben wir nicht"
"Einen Messi haben wir nicht dabei, denn bei uns ist die Mannschaft der Messi", sagt Gallardo mit Verweis auf den aktuell berühmtesten argentinischen Sportler. Was auffällt, ist die individuelle Grundausbildung aller Spieler. "Unser Projekt startete 2005, so langsam wachsen die Früchte", sagt Gallardo. Das Geheimnis des Erfolgs: Die Entwicklung der Spieler steht im Mittelpunkt, dann folgt der Aufbau der Mannschaft. "Wir brauchen intelligente Spieler für unser System", sagt Gallardo. "Wir üben nicht stupide Spielzüge, sondern bringen den Spielern bei, individuelle Lösungen für alle Situationen zu finden. Dafür braucht man Kopf und Auge."
Bei der WM-Vorbereitung baute der Trainer auf ganz besondere Maßnahmen, zum Beispiel Lichtsignale von verschiedenen Seiten in verschiedenen Farben, um Auge und Spielverständnis zu schulen. "Die Spieler sind kreativ - und kräftig", sagt der bullige Gallardo. Gerade in 1:1-Situationen waren die Argentinier kaum zu stoppen, zudem verfügen sie über eine variable Defensive. War früher nach 45 Minuten die Luft raus, beweisen sie heute Ausdauer. "In allen Spielen waren wir in der zweiten Halbzeit erfolgreicher als in der ersten. Das spricht für unsere Physis", sagt der Trainer.
Auch daher sind die Ziele hoch gesteckt bei den Südamerikanern. "2013 wollen wir in Spanien ins WM-Halbfinale, 2015 in Katar werden wir um den Titel spielen", glaubt der Trainer. Zunächst aber gilt die Konzentration Guadelajara. In der mexikanischen Stadt finden im Oktober die Panamerika-Spiele statt, das Qualifikationsturnier für Olympia 2012. "Wir haben in den letzten drei Finals Brasilien geschlagen, daher sind wir der Favorit auf das Olympiaticket", sagt Gallardo.
Ein Problem müssen sie bis dahin allerdings noch lösen: Nach den WM-Erfolgen suchten die großen argentinischen Zeitungen einen Spitznamen für das Team, bisher noch ohne Ergebnis. Gallardo hat sich festgelegt: "Ich denke, Gladiatoren wäre der richtige Name für unsere Männer mit dem großen Kämpferherz. Egal, wie groß das Tier in der Arena ist: Wir gehen furchtlos darauf los."