Vier Abgänge, drei Zugänge: Das ist der neue THW
Handball-Krösus Kiel Weltklasse ade
Es sollte die Krönung für den THW Kiel werden, am Ende war es eine riesengroße Enttäuschung. Double-Triple-Sieger wollten sie sich nennen, zwei Saisons in Folge Meisterschaft, Pokal und Champions League gewinnen. Fünf dieser sechs Titel hatten die Kieler ja auch geholt, aber beim Final-Four in Köln, wo am Wochenende der Champion der Königsklasse ausgespielt wurde, scheiterte ein schwacher THW schon im Halbfinale am HSV Hamburg. Danach reichte es nicht einmal mehr für genügend Motivation im Spiel um Platz drei, das der polnische Club KSV Kielce 31:30 gewann.
Während der HSV nach dem sensationellen 30:29-Sieg gegen den FC Barcelona den Champions-League-Titel feierte, waren die THW-Spieler restlos bedient. Einige, weil sich sie nicht wie geplant mit dem erneuten Triple aus Kiel verabschieden können. Andere, weil sie vermutlich ahnten, dass sie so schnell nicht wieder um diese wichtigste Trophäe im europäischen Club-Handball spielen werden. Der THW wird in der kommenden Saison nämlich eine andere Mannschaft sein. Jünger, unerfahrener, schwächer.
Am Mittwoch bekommt Kiel beim letzten Heimspiel dieser Saison die Meisterschale überreicht. Zugleich wird der Club dann vier Profis verabschieden: Thierry Omeyer (36 Jahre alt), Marcus Ahlm (34), Daniel Narcisse (33) und Momir Ilic (31), allesamt Weltklasse. Dafür kommen im Sommer Wael Jallouz (22), Johan Sjöstrand (26) und Rasmus Lauge Schmidt (21), allesamt talentiert.
"Nächste Saison müssen wir womöglich anderen den Vortritt lassen", das sei sogar wahrscheinlich, sagt THW-Trainer Alfred Gislason im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE mit Blick auf die Meisterschaft. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass der THW 2014 erstmals seit 2003 gänzlich ohne Titel bleibt, schließlich steht der größte Umbruch der jüngeren Vereinsgeschichte bevor. "Das wird eine riesige Aufgabe für mich werden. Aber dieser Schnitt musste kommen", sagt Gislason. Einerseits muss selbst der Ligakrösus THW mittlerweile sparen, und die vier Abgänge rangierten auf Kiels Gehaltsliste weit oben. Andererseits sind alle vier schon über 30 Jahre alt, die Verjüngung war unausweichlich.
Die größten Stützen verlassen den THW Kiel
Gislasons größtes Problem ist nicht die Tatsache, dass diese vier Spieler gehen, sondern dass sie jetzt alle auf einmal gehen. Omeyer gilt als bester Torwart der Welt, Ahlm ist Kapitän, Abwehrchef und Kreisläufer. Narcisse, aktueller Welthandballer und wegen seiner Spungstärke "Air France" genannt, ist ein Rückraumschütze mit unglaublicher Kraft, Ilic ein Allrounder, der Spiele in Abwehr und Angriff entscheiden kann. Lässt man einmal Kiels Top-Torschützen Filip Jicha außen vor, verlassen die Stützen des Teams den Verein.
Den Kieler Rückraum werden in Zukunft Jicha (links), Aron Palmarsson (Mitte) und Marko Vujin (rechts) bilden, dazu René Toft Hansen am Kreis. Alles herausragende Spieler, aber dahinter fehlen in Zukunft die Alternativen, so lange Jallouz, Lauge Schmidt oder Patrick Wiencek noch in der Entwicklung sind. "Die erste Sieben muss den Karren ziehen", sagt Gislason: "Wenn sich jemand von den Erfahrenen verletzt, vielleicht sogar zwei, werden wir nächste Saison große Probleme bekommen." Der Isländer muss auch in der Abwehr umstellen, schließlich galten Ilic und Ahlm als große Stützen der Defensive. Und im Tor wird das Schweden-Duo Johan Sjöstrand und Andreas Palicka gemeinsam den Verlust von Omeyer kompensieren müssen.
Kann das alles klappen? Gislason verweist bei dieser Frage gerne auf das Jahr 2009, als der Trainer nach seiner ersten Kieler Saison in Stefan Lövgren, Nikola Karabatic und Vid Kavticnik schon einmal drei Weltklassespieler ersetzen musste. Kleiner, aber feiner Unterschied zu heute: Damals holte der THW in Narcisse und Ilic auch zwei internationale Top-Leute.
"Wie lange die jungen Spieler brauchen, um auf das Niveau der anderen zu kommen, kann ich nicht sagen. Das ist ja auch die spannende Aufgabe, die mich erwartet, sie möglichst schnell dorthin zu führen", sagt Gislason. Doch: Wird dem Isländer und seinem Team die notwendige Zeit für diesen Prozess gegeben?
"Der Club kennt das Risiko des Umbruchs und trägt es mit", versichert der Coach. Geschäftsführer Klaus Elwardt sagt: "Wir freuen uns auf den THW Kiel der Zukunft." Doch auch das Umfeld - Zuschauer und Sponsoren - müssen Geduld aufbringen. Der THW Kiel wird ja gerne als der FC Bayern des Handballs bezeichnet. Und in München ist die Unruhe bekanntermaßen immer gleich unglaublich groß, wenn der Verein mal ein Jahr ohne Titel bleibt.
Gislason versucht, sich darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen und schiebt den Druck zur Konkurrenz. "Wir werden uns erst finden müssen. Für die anderen Clubs ist die Chance, Meister zu werden, so groß wie seit Jahren nicht. Daher müssen sie diese auch nutzen", sagt Gislason etwas provokant und freut sich sichtlich über seine Worte: "Und übernächste Saison wird der THW wieder ganz vorne mit dabei sein."