Handball: Die Entwertung des Weltmeisters - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Handball Die Entwertung des Weltmeisters

Sie spielen viel, zu viel, und der Körper der Handballer muss es ausbaden. Der übervolle Terminkalender lässt manche Stars über ein Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere nachdenken. Johannes Bitter zweifelt, andere haben schon gehandelt. Bundestrainer Heiner Brand startet nun einen Neuaufbau.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Johannes Bitter ist 26 Jahre alt, für einen Handballtorhüter ist das jung. Und doch ist der 2,05-Meter-Hüne vom HSV Hamburg bereits die Nummer eins in der Nationalmannschaft. Er löste die Legende Henning Fritz ab, den Bundestrainer Heiner Brand nach dem Olympiadesaster (neunter Platz) kürzlich aussortierte. Bitter steht nun in einer Reihe mit Handballheroen wie Manfred Hofmann, Andreas Thiel oder Wieland Schmidt. Und doch bricht er vor der Qualifikation für die EM 2010, die heute in Wetzlar gegen Bulgarien startet, keineswegs in Jubel aus.

Torhüter Bitter (in Peking): Wie lange hält der Körper mit?

Torhüter Bitter (in Peking): Wie lange hält der Körper mit?

Foto: REUTERS

Der Weltmeister wirkt stattdessen ausgesprochen nachdenklich. Es sei zwar "eine große Ehre", für die deutschen Farben zu spielen. Wenn da nur nicht diese unglaubliche Belastung wäre, die der brutal dichte Terminkalender mit teils 80 Pflichtspielen jährlich produziert. "Ich überlege, wie lange ich mir das noch antun will und wann ich eine Pause brauche", sagte Bitter der Hamburger Ausgabe der "Bild"-Zeitung. "Ich bin es meinem Körper, aber auch dem HSV schuldig. Schließlich ist der Club mein Arbeitgeber."

Soweit Bitter, der dafür bekannt ist, die Handballwelt zu reflektieren. Der Torhüter ist aber längst nicht der einzige, der über eine Pause nachdenkt. Viele Stars haben diesen Schritt sogar schon vollzogen. Bitters Vereinskollegen vom HSV, der französische Kreisläufer Bertrand Gille und der polnische Rückraumspieler Marcin Lijewski, haben sich aus der Nationalmannschaft zurückgezogen, der schwedische Toptorwart Dan Beutler (SG Flensburg) und Polens Regisseur Grzegorz Tkaczyk (Rhein Neckar-Löwen) ebenfalls.

Der prominenteste Fall aus dem deutschen Team ist der Kieler Linkshänder Christian Zeitz, der dabei klarstellte, dass nicht Bundestrainer Brand auf ihn "vorerst verzichten" wolle, sondern dass er bereits in Peking seinen Rücktritt erklärt habe und zwar für immer. Der Lemgoer Florian Kehrmann, den Brand für die aktuellen Lehrgänge nicht berücksichtigte, erklärte daraufhin, dass die bevorstehende WM in Kroatien (16. Januar bis 1. Februar 2009), wohin das deutsche Team als Titelverteidiger anreist, nicht die allerhöchste Motivation für einen Handballer darstelle. Und weil auch Guillaume Gille (HSV) über eine Pause nachdenkt, fragt der französische Welthandballer Nikola Karabatic (THW Kiel) bereits, warum er denn als einziger Star nach Kroatien fahren solle. Kurzum: Es findet derzeit eine schleichende Entwertung der Nationalmannschaften statt.

"Das kann nicht im Interesse des Handballs sein"

Kein Wunder, dass Heiner Brand diese Entwicklung als gefährlich erachtet. "Das kann nicht im Interesse des Handballs sein", sagte der 56-Jährige Bundestrainer dem "Hamburger Abendblatt". Gleichzeitig schlug der Gummersbacher vor, für die Champions League jeweils nur den nationalen Meister sowie den Titelverteidiger zuzulassen, und nicht bis zu vier Teams aus Spanien und Deutschland. Die Clubvertreter sehen das naturgemäß anders.

Und die TV-Sender auch: Während Eurosport mit den Quoten der Champions League-Übertragungen zufrieden ist, fand sich kein Sender, der bereit war, das EM-Qualifikationsspiel gegen das viertklassige Bulgarien zu zeigen. Für die Rechte-Inhaber ARD und ZDF kam eine Sendung zur Prime-Time nicht in Frage. "Wir hätten das Spiel gern dem DSF gegeben, aber die haben abgelehnt", erklärt SportA-Mitarbeiter Rüdiger Hamel SPIEGEL Online. So findet das Länderspiel im Fernsehen nicht statt. Und auch das schwere Auswärtsspiel am Sonntag im slowenischen Celje ist nicht live zu sehen, sondern allenfalls in Ausschnitten. Das ZDF zeigte zwar Interesse an einer Live-Übertragung. "Doch der slowenische Verband war nicht bereit, den Anwurf von 17 Uhr auf 15 Uhr vorzuverlegen", so Hamel.

Insofern kann der deutsche Handballfan nicht auf dem Bildschirm verfolgen, wie der radikale Neuaufbau der Nationalmannschaft vonstatten geht. Brand will die nachrückenden Talente im ersten Länderspiel nach Olympia einer Bewährungsprobe unter Wettkampfbedingungen unterziehen. Der TBV Lemgo stellt dabei mit fünf Spielern (Carsten Lichtlein, Michael Kraus, Lars Kaufmann, Martin Strobel, Sebastian Preiß) das größte Kontingent, jeweils ein Quartett im 17er-Kader stellen der SC Magdeburg (Silvio Heinevetter, Yves Grafenhorst, Christian Sprenger, Andreas Rojewski) und der TV Großwallstadt (Michael Spatz, Michael Müller, Stefan Kneer, Jens Tiedtke). Nur sieben Mitglieder des Weltmeisterteams von 2007 sind noch dabei. "Die neu zusammengestellte Mannschaft machte Mitte des Monats beim ersten Lehrgang einen hervorragenden Eindruck. Die Spieler waren sehr engagiert, lernfähig und einsatzfreudig", sagt Bundestrainer Brand.

Ob diese jungen Profis dann in Kroatien den Weltmeistertitel verteidigen sollen, ist noch unklar. "Es steht ja noch nicht fest, ob die Spieler, die derzeit fehlen, dann nicht wieder mit dabei sind", sagt Pascal Hens. Auch der Star des HSV Hamburg schaut vorerst zu. Er laboriert an der schweren Verletzung aus dem olympischen Turnier.