Handball-Nationalmannschaft: Der deutsche EM-Kader
Handball-EM 17 Männer vor dem Absturz
Wenigstens war er ehrlich. "Wir wissen, dass wir momentan nicht ganz vorne mitspielen", sagte Kapitän Pascal Hens nach der Niederlage der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Ungarn. In den beiden letzten Testspielen vor der am Sonntag beginnenden Europameisterschaft in Serbien offenbarte das Team erneut große spielerische Probleme. In der Abwehr fehlte die Abstimmung, im Angriff die Durchschlagskraft. Eine Medaille erwartet daher niemand beim Deutschen Handballbund (DHB).
Ziel ist das Erreichen des Qualifikationsturniers für die Olympischen Spiele. Angesichts des deutschen Kaders stellt sich aber die Frage: Wie soll das gelingen?
"Wenn wir es schaffen, die Angriffsleistung von Samstag und die Abwehrleistung von Sonntag in einem Spiel abzurufen, haben wir eine Chance, unser Ziel in Serbien zu erreichen", sagte Nationaltrainer Martin Heuberger nach den beiden Partien gegen Ungarn, als Deutschland im ersten Spiel 36 Tore warf und im zweiten nur 22 zuließ. Was theoretisch gut klingt, klappt in der Praxis kaum. Mal spielt die deutsche Offensive gut, mal die Defensive. In ein und demselben Spiel ist das selten zu beobachten.
Seit dem 1. Juli vergangenen Jahres ist Heuberger, 47, für das A-Team des DHB verantwortlich. Er folgte auf Heiner Brand, dem Über-Bundestrainer, unter dem Deutschland Welt- und Europameister geworden war. Doch nach dem Abtritt der goldenen Generation um Markus Baur, Henning Fritz und Christian Schwarzer folgte der Absturz. Bei der EM 2010 wurde das DHB-Team Zehnter, bei der schlechter besetzten WM 2011 gar nur Elfter. Dass man derzeit nicht allzu viel vom deutschen Team erwarten darf, zeigte schon der Supercup im November, als es drei Niederlagen in drei Spielen gab. Zwar gegen starke Gegner (Spanien, Dänemark und Schweden), aber mit denselben Problemen wie gegen Ungarn.
Von Hens bis Karabatic: Die Stars der Handball-EM
Die meisten deutschen Handballer mögen über nationale Klasse verfügen; internationales Format haben derzeit nur wenige. Daher stellt sich auch nicht die Frage, ob Heuberger die richtigen Spieler für seinen 16er-Kader nominiert hat. Er hatte kaum Auswahl.
Die größte Problemzone im deutschen Team ist der Rückraum, dem es an Variabilität fehlt. Halbrechts sind Holger Glandorf und Adrian Pfahl zu unbeständig in ihren Leistungen. Michael Haaß und Martin Strobel sind zwar sehr talentiert, aber unter Druck treffen sie als Spielmacher zu oft die falschen Entscheidungen. Halblinks ist Hens gesetzt. Der ist aber nur stark, wenn er vom Mittelmann in Szene gesetzt wird - was zu selten gelingt. Lars Kaufmann ist ein reiner Shooter, kein Mannschaftsspieler. Und Sven-Sören Christophersen spielt zu wechselhaft.
Nur die Außenpositionen sind beim DHB-Team gut besetzt
Das Tor hüten Silvio Heinevetter und Carsten Lichtlein - gute Leute, mehr nicht. Die Kreisläufer-Position ist mit Patrick Wiencek und Christoph Theuerkauf mittelmäßig besetzt. Allein auf den Außenpositionen plagen Heuberger mit den Duos Uwe Gensheimer und Dominik Klein (links) sowie Christian Sprenger und Patrick Groetzki (rechts) keine Sorgen.
Mit diesem Team sollte zumindest die Hauptrunde möglich sein. Vorrundengegner Schweden (Donnerstag, 18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schaffte es vergangenes Jahr bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land zwar ins Halbfinale und gilt als Favorit der deutschen Gruppe B. Die Skandinavier müssen allerdings auf zwei ihrer Top-Stars verzichten: Rückraumspieler Oscar Carlén (HSV Hamburg) quält sich nach zwei Kreuzbandrissen in der Reha, Linksaußen Jonas Källmann (Atlético Madrid) muss sich einer Herzoperation unterziehen.
Bei Tschechien (Sonntag, 17.30 Uhr) hängt viel vom aktuellen Welthandballer Filip Jicha ab. Präsentiert sich der Rückraumspieler des THW Kiel in Top-Form, können die Tschechen jede andere Mannschaft in der Vorrunde besiegen. Klarer Außenseiter in Gruppe B ist Mazedonien (Dienstag, 18.15 Uhr). Zuletzt war das Land 1998 für eine EM qualifiziert. Als Vorteil könnte sich der Vorrunden-Spielort Niš nahe der mazedonischen Grenze herausstellen, wenn die Fans für ihr Team eine Heimspiel-Atmosphäre in der 4000 Zuschauer fassenden Halle schaffen.
Sollte Deutschland in die Hauptrunde einziehen, warten dort wohl Dänemark, Europameister 2008 und WM-Zweiter 2011, Polen und Gastgeber Serbien. Schwierige Gegner, wobei Deutschland den großen Favoriten Frankreich, Spanien und Kroatien sogar noch aus dem Weg geht. "Ich halte es im Idealfall für möglich, ins Halbfinale zu kommen. Ich halte es aber auch für möglich, dass wir in der Vorrunde ausscheiden", sagte Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
Sollte Deutschland es nicht in die Hauptrunde schaffen, wäre das Turnierziel verfehlt: das Erreichen eines der drei olympischen Qualifikationsturniere im April. Dafür muss das DHB-Team von den neun Nationen, die in Serbien starten und weder direkt für die Spiele in London noch für das Quali-Turnier gesetzt sind, sieben hinter sich lassen. Konkret: Von Polen, Serbien, Russland, Tschechien, Slowakei, Mazedonien, Norwegen und Slowenien darf nur eine Mannschaft besser abschneiden als Deutschland. Dafür ist der Einzug in die Hauptrunde nötig, möglicherweise sogar das Erreichen des Halbfinals.
Gelingt das nicht, fände das olympische Handball-Turnier der Männer erstmals ohne ein deutsches Team statt. Für den Weltmeister von 2007 wäre es fünf Jahre nach dem Triumph im eigenen Land eine weitere Stufe auf dem Weg nach unten. Oder wie es Kretzschmar formuliert: "Das wäre fatal."