Deutsche Handballer gegen Dänemark Jetzt muss es schmutzig werden
DHB-Coach Sigurdsson (l.), Spieler Lichtlein: Plötzlich gierig
Foto: JANEK SKARZYNSKI/ AFPDänemark, einer der großen Favoriten auf den Gewinn der Europameisterschaft, hat die beste Ausgangslage zum Erreichen des Halbfinals - auch nach dem Unentschieden gegen Schweden. Vor dem Duell gegen Deutschland am Mittwochabend (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; im TV: ARD) wirkt das Team um Superstar Mikkel Hansen allerdings mental angeschlagen.
Die dänischen Spieler standen nach der Partie gegen Schweden in der Jahrhunderthalle in Breslau und sahen aus wie Verlierer. Superstar Mikkel Hansen starrte ins Nichts, Jesper Nöddesbo wirkte fassungslos, auch der Rest der Mannschaft zeigte kaum eine Regung. Die Dänen unter Schock - das nährt die Hoffnungen der deutschen Mannschaft für das "Endspiel ums Halbfinale".
Die Ausgangslage für die Deutschen hat sich durch das überraschende Remis der Dänen ein wenig verbessert, denn sie müssen jetzt nicht mit drei Toren gewinnen, um erstmals nach 2008 das Halbfinale eines wichtigen Turniers zu erreichen. Ein Sieg reicht. Viel entscheidender aber ist die Tatsache, dass die Dänen zeigten, wie verwundbar sie sind; auf dem Feld und mental.
"Da wird nicht gejammert"
Ginge es rein um individuelle Spielstärke, hätte die Auswahl des deutschen Handballbundes gegen ein Team voller Weltklasse-Akteure schon deshalb kaum Chancen, weil ihr nach den Verletzungen von Christian Dissinger und Steffen Weinhold inzwischen eine komplette Stammbesetzung fehlt. "Das ist jetzt wie eine B-Mannschaft", sagte Dagur Sigurdsson nach den Ausfällen der beiden Kieler. Der Bundestrainer war kurz konsterniert, als er von den Blessuren erfuhr, doch die deutsche Mannschaft ist bisher so stark bei der EM, weil sie allen Rückschlägen trotzt - und einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst entwickelt hat.
Andreas Wolff hat sich bei diesem Turnier nicht nur zur Nummer eins im Tor entwickelt, sondern auch zum Wortführer der jungen Mannschaft. Der Mann von der HSG Wetzlar, der im Sommer zum THW Kiel wechselt, kennt keinen Zweifel. "Wir werden gegen Dänemark gewinnen und anschließend Europameister", sagte Wolff wie selbstverständlich. Carsten Lichtlein, der mit Wolff das Torhütergespann bildet und heute als Kapitän aufs Feld läuft, rief seinen Kollegen zu: "Wir haben ein Endspiel vor der Brust, da wird nicht gejammert." Das Team, dem vor dem Turnier wenig zugetraut worden war, ist gierig geworden.
Genau diese Einstellung ließen die Dänen vermissen, sie stellten den ungewöhnlichen Spielplan in den Mittelpunkt ihres Denkens. "Wir haben nur 20 Stunden Pause, und die Deutschen haben sich drei Tage lang ausgeruht", sagte Hansen mit Blick auf das Duell. Die Dänen sind durch den Modus tatsächlich klar benachteiligt, und sie haben sich dafür entschieden, den Ärger darüber nicht in Trotz oder Wut umzuwandeln. Sie hadern stattdessen. "Das ist sehr unfair, eine unglaubliche Geschichte", schimpfte Trainer Gudmundur Gudmundsson schon am Sonntag.
Die Deutschen haben eine gute Chance, wenn sie es schaffen, den Gegner psychologisch unter Druck zu setzen. In Dänemark ist das Erreichen des Halbfinals das Minimalziel, nur ein Etappenerfolg auf dem ersehnten Weg zum Titel. Der Erwartungsdruck ist deutlich höher.
Die größte Chance für Sigurdsson und seine Schützlinge besteht daher darin, die Dänen zu verunsichern. Dann würde es wohl einen schmutzigen Kampf geben, aber eben auch einen auf Augenhöhe.