Deutschland im Halbfinale der Handball-EM Da geht noch was
Die deutschen Handballer wachsen an sich selbst und sind auf dem Weg, ein Wintermärchen zu schreiben. Ohne sechs Leistungsträger besiegte das Team von Dagur Sigurdsson am Abend Dänemark mit 25:23 und schaffte den Sprung ins Halbfinale der Europameisterschaft in Polen. Dort kommt es am Freitag zum Duell mit Norwegen. Der Gewinn des EM-Titels scheint möglich.
Nach einem perfekten Teamwork über die komplette Spielzeit wich die Konzentration - und die Mannschaft feierte sich und ihren Erfolg. In den 60 beeindruckenden Minuten zuvor wurden neue deutsche Handballhelden geboren. Kein Einzelner ragte im letzten Spiel der Hauptrunde der EM heraus, im Kollektiv bezwangen die Deutschen ein Team voller Weltklassespieler.
Bundestrainer Dagur Sigurdsson, eigentlich kein Mann der großen Worte, sagte: "Das ist eine Sensation." Der Isländer glaubt zwar seit seinem Amtsantritt an die Fähigkeiten seiner Mannschaft, doch am Mittwochabend wurde selbst er von einem Team überrascht, das aktuell keine Grenzen zu kennen scheint.
Einfach Handball
Noch am Montag herrschte Tristesse im deutschen Lager, als klar war, dass Kapitän Steffen Weinhold und Torjäger Christian Dissinger verletzt aus dem Turnier ausscheiden müssen.
Am Montagmittag trafen Julius Kühn und Kai Häfner als Nachrücker im Teamhotel der Deutschen ein und spielten gegen Dänemark auf: Sie strengten sich an, sie machten wenig falsch, sie zeigten keine Angst. Häfner hatte am Ende drei Tore erzielt, Kühn den wichtigen Treffer zum 22:23 (in der 53. Minute). Damit hatten der Gummersbacher und der Hannoveraner gemacht, was alle anderen Akteure auf dem Feld auch getan hatten: einfach Handball gespielt.
Mit dieser professionellen Unbekümmertheit zermürbten sie den Favoriten aus Dänemark, der keine wirksamen Mittel gegen die variable Deckung der Deutschen fand. Immer wieder wechselte Sigurdsson zwischen einer defensiven und offensiven Abwehrformation - und sein Gegenüber auf der dänischen Bank wirkte zunehmend ratlos. "Die Jungs haben es geschafft, einen komplizierten Matchplan über 60 Minuten perfekt umzusetzen", lobte Sigurdsson sein Team.
Bob Hanning schritt nach dem Spiel ohne eine Geste des Triumphs durch die Katakomben der Jahrhunderthalle. Dabei hätte er Grund dazu gehabt. Dem Vizepräsidenten des deutschen Handballbundes war bewusst, dass die Spieler mit ihrem Trainer in den Tagen von Breslau die Grenzen immer weiter verschoben haben. Hanning hatte gegen Widerstände im Verband vor anderthalb Jahren Sigurdsson ins Amt geholt. Das zahlt sich nun aus.
"Das war eine Sternstunde für den deutschen Handball", sagte Hanning. Das Fernziel ist der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2020.
Kurz nach Spielende war es dann mit dem Jubel aber auch schon vorbei. Die deutschen Spieler wirkten gefasst und konzentriert. "Wir sind hier im Tunnel", umschrieb Erik Schmidt den Gemütszustand von sich und seinen Kollegen. Das Halbfinale ist erreicht. Das Ziel noch nicht.