Handball-EM Vom Jäger zum Gejagten
Die Ruhe dürfte ganz im Sinne von Heiner Brand sein. Kurz vor dem Start der Handball-EM hält sich die Hysterie in Bergen in Grenzen. Hektik kommt an der Westküste Norwegens nur auf, wenn sich wieder einmal ein kräftiger Regenschauer über der Hafenstadt ergießt und die Menschen kurz Unterschlupf in den Hauseingängen suchen. Ansonsten herrscht Gelassenheit in der 240.000-Einwohner Metropole, in der Deutschland von heute bis Sonntag seine ersten drei Vorrundenspiele absolvieren wird.
In der Innenstadt deutet nicht viel auf das nahende Großereignis hin: Zwei ungarische Handball-Nationalspieler schlendern unbehelligt vom öffentlichen Interesse durch die Fußgängerzone, an den Laternen hängen keine Fähnchen oder Ankündigungsplakate. Auf den Tafeln vor den zahlreichen Sportpubs wird auf die kommenden Live-Ereignisse hingewiesen: Eishockey aus Schweden und den USA stehen ganz oben auf den Programmen, dicht gefolgt vom englischen Fußball bis runter in die dritte Liga.
Aber Werbung für Handball? Fehlanzeige. Was auch daran liegen könnte, dass die norwegische Nationalmannschaft ihre Vorrundenspiele in Drammen bei Oslo austrägt. Immerhin eines der Modegeschäfte in den historischen Hansehäusern am Fischmarkt, denen Bergen neben seinen zahlreichen historischen Gebäuden den Titel "Europäische Kulturstadt 2000" verdankt, hat eine kleine Ecke seines Schaufensters mit Fanartikeln der Norweger geschmückt.
Mit mindestens 120 Prozent an den Anstoßkreis
Das Gastspiel des amtierenden Weltmeisters bleibt ebenfalls nahezu unbemerkt. In der Lobby das Scandic-Hotels unweit des Bergener Hafen stehen keine kreischenden Teenies, die ein Kind von Michael Kraus wollen. So können sich Kapitän Markus Baur und Co. voll und ganz auf das Sportliche konzentrieren. Schließlich sind die Vorzeichen in diesem Jahr ganz anders, als beim WM-Triumph im eigenen Land. Die Deutschen sind nicht mehr die Jäger sondern die Gejagten. Keiner der Gegner wird sie unterschätzen - im Gegenteil: Gegen den Weltmeister geht jeder Konkurrent mit mindestens 120 Prozent an den Anstoßkreis. Einigen wird das allerdings wenig helfen. So wie dem heutigen Auftaktgegner in der Gruppe C aus Weißrussland (17.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).
Zum zweiten Mal nach 1994 gelang dem Team von Trainer Spartak Mironovich die Qualifikation. Damals verlor die deutsche Mannschaft sogar überraschend in der Vorrunde 23:24 gegen die Weißrussen. Eine erneute Niederlage gegen das Team um die Bundesliga-Spieler Sergej Harbok (Rhein-Neckar Löwen) und Andrej Kurtschew (Melsungen) ist allerdings in etwa so wahrscheinlich, wie ein komplett regenfreier Nachmittag in Bergen. Brand will den Außenseiter dennoch nicht unterschätzen: "Sie spielen sehr unorthodox, haben einige gute Spieler aus der Bundesliga dabei. Wir sind weit davon entfernt, überheblich ins Spiel zu gehen", so Brand, der von einem "unangenehmen Gegner" spricht.
Die Beschreibung unangenehm trifft sicher eher auf die beiden Wochenend-Gegner zu. Am Samstag (18.10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft das Brand-Team auf den Olympia-Vierten Ungarn. Zum Abschluss der Vorrunde kommt es am Sonntag (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zum Showdown mit Spanien. "Ungarn ist ein harter Brocken, und bei Spanien entscheidet die Tagesform", so der Ausblick von Torhüter Johannes Bitter.
Ist Deutschland reif für den EM-Titel? SPIEGEL ONLINE hat die einzelnen Mannschaftsteile des DHB-Teams vor dem Turnierstart auf Titeltauglichkeit geprüft. Fazit: Wenn Brands Wunderwaffe im Rückraum Wirkung zeigt, ein Ballermann weiter in Torlaune ist und die beiden Torhüter vor lauter gegenseitigem Respekt das Parieren nicht vergessen, könnte es erneut für eine Finalteilnahme reichen.
Luxusproblem zwischen den Pfosten
Henning Fritz hat gegenüber der WM 2007 einen entscheidenden Vorteil: Spielpraxis. Vor der Weltmeisterschaft in Deutschland war der 33-Jährige beim THW Kiel nur noch zweite Wahl hinter dem französischen Nationalkeeper Thierry Omeyer. Nach seinem Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen hat Fritz wieder jede Menge Bundesliga-Einsätze absolviert und wird somit weniger Zeit zum Eingewöhnen als im vergangenen Jahr benötigen.
Allerdings wurde Fritz, der sich bei der WM von Spiel zu Spiel steigern konnte und am Ende maßgeblichen Anteil am Titelgewinn hatte, durch eine Verletzung in der Vorbereitung etwas zurückgeworfen. Bei zwei der vier Testspiele konnte der "Professor", wie Fritz von seinen Mitspielern gerufen wird, aufgrund eines Teilsehnenabriss im kleinen Finger der rechten Hand nur zugucken. Von einem Handicap will er dennoch nicht sprechen: "Ich werde den verletzten Finger vor den Spielen tapen, das ist alles halb so schlimm", so Fritz zuversichtlich.
Überhaupt haben die deutschen Handballer zwischen den Pfosten eher ein Luxusproblem. Mit Bitter steht Brand ein weiterer Weltklasse-Torhüter zur Verfügung. Beim 34:24-Sieg im letzten Vorbereitungsspiel gegen Dänemark zeigte der Hamburger eine starke Leistung, parierte 23 Versuche der Skandinavier. Trotzdem wird der Teamplayer öffentlich keinen Anspruch auf die Nummer eins erheben. Das wäre Gift für den Teamgeist, der einer der Garanten für den Gewinn des WM-Titels war.
Fritz kann sich auf die Loyalität seines Konkurrenten verlassen und den 25-Jährigen deshalb sogar stark reden: "Ich habe Johannes Bitter schon vor der WM als gleichwertig betrachtet und sehe das auch jetzt so", sagte er dem TV-Sender Eurosport. Gleichzeitig betonte Fritz, dass eine Torwartdiskussion zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn mache: "Wichtig ist, dass wir uns als Team wieder genauso finden, wie wir das bei der WM getan haben. Wer im Endeffekt im Tor steht, ist eigentlich egal."
So ähnlich scheint es auch Brand zu sehen. "Ich weiß selber noch nicht, wie ich handeln werde", lautete seine Antwort auf die Frage, wer denn nun gegen Weißrussland von Beginn an im Tor stehen wird. Bitter wird da schon deutlicher: "Obwohl ich sehr zufrieden mit der Vorbereitung bin, gehe ich nicht davon aus, dass ich gegen Weißrussland von Beginn an spiele." Dies sei allerdings kein Drama: "Bei uns ist alles harmonisch."
Schwächen in der Abwehr
Im ersten Testspiel gegen Dänemark (Endstand 26:30) wurde deutlich, wo der Weltmeister verwundbar ist. Die deutsche Defensive harmoniert noch nicht so, wie es gegen die Mitfavoriten aus Frankreich, Spanien oder Kroatien dringend nötig ist. Denn gegen diese Gegner kann jeder Fehler zur Niederlage führen. Besonders auf den Mittelblock - das Herzstück der von Brand bevorzugten 6:0-Variante - wird es ankommen.
Der wird traditionell um Oliver Roggisch gestellt. Der Rhein-Neckar Löwe ist wie schon bei der WM der unstrittige Organisator des Bollwerks. Doch seine Nebenleute ließen ihn im ersten Test gegen Dänemark ein ums andere Mal im Stich, rannten ziellos aus dem Verband und ermöglichten den gegnerischen Kreisläufern damit ungewohnt großzügige Freiräume. Nur, wenn sich in diesem Bereich das komplette Team steigert, ist der Titelgewinn möglich.
Brand hatte diese Schwäche bereits während des Trainingslagers bemängelt und konstatiert, dass die Abwehr "in dieser Form noch nicht den hohen internationalen Ansprüchen genügen würde." Immerhin äußerte sich der 55-Jährige nach der siegreichen Generalprobe etwas zuversichtlicher über das einstiege Prunkstück seines Teams: "In der Abwehr haben wir uns zuletzt deutlich verbessert, dennoch darf man den Sieg gegen Dänemark nicht überbewerten." Das Team müsse sich noch stabilisieren, um mit den ganz großen Gegnern mithalten zu können, so Brand.
Der Spielplan ist dafür wie geschaffen. Gegen Auftaktgegner Weißrussland kann Brand experimentieren, ohne seine Mannschaft in große Gefahr zu bringen. In der zweiten Begegnung der Gruppe C gegen Ungarn können sich Roggisch und Co. dann dem Feintuning widmen. Wichtig ist, dass die Defensive im abschließenden Gruppenspiel gegen Spanien harmoniert. Eine deutliche Niederlage gegen den Mitfavoriten könnte die Stimmung für die Zwischenrunde erheblich trüben.
Unberechenbarer Angriff
Kaum zu glauben aber wahr: Der deutsche Angriff ist - verglichen mit dem bei der WM 2007 - noch unberechenbarer und damit noch effektiver geworden. Denn mit Oleg Velyky hat Brand einen extrem torgefährlichen und flexiblen Rückraumspieler im Kader. Der Pechvogel der letzten WM dürfte doppelt motiviert sein und den Kopf frei haben. Kurz vor Beginn des Turniers beendeten die Rhein-Neckar Löwen und der HSV Hamburg das monatelange Gezerre um den 30-Jährigen. Velyky wechselte für knapp 250.000 Euro an die Elbe und kann damit schon in der Rückrunde für den HSV auf Torejagd gehen.
Bei der WM gehörte der gebürtige Ukrainer zwar vom ersten bis zum letzten Spiel mit zum Kader, kam aber aufgrund eines Bänderrisses nicht zum Einsatz. Vor diesem Turnier ist Velyky fit und motiviert bis in die Fingerspitzen - das bewies er mit fünf Treffern beim Sieg gegen Dänemark. "Mit Oleg sind wir stärker als bei der WM", sagte Brand, der durch den Rückraum-Allrounder gleich mehrere Optionen hat. Velyky kann zwei verschiedene Positionen ausfüllen. Im linken Rückraum ist er eine Alternative für seinen künftigen Kollegen Pascal Hens vom HSV. Der Handball-Punk spielt zwar seit der WM konstanter, hat aber dennoch ab und an einige lethargische Phasen auf dem Feld.
Velyky könnte allerdings auch auf der Spielmacher-Position eingesetzt werden, sollte Baur eine Auszeit brauchen. In Michael Kraus hat Brand zwar noch einen weiteren Antreiber, doch zählt der Lemgoer trotz einer überragenden Leistung bei der WM mit 24 Jahren und 47 Spielen noch lange nicht zu den erfahrenen Akteuren in der DHB-Auswahl.
Und dann ist da ja noch die Geheimwaffe: Kaum ein Spieler hat sich in den vergangenen beiden Jahren so eindrucksvoll entwickelt wie Holger Glandorf. Der Nordhorner ist im rechten Rückraum mehr als nur eine Alternative Akteuren in der DHB-Auswahl - eigentlich ist das das Revier von Ballermann Christian Zeitz. Doch der Kieler Zeitz ist so etwas wie die Wundertüte im deutschen Spiel: Mal wirft er aus dem Nichts die entscheidenden Tore, mal verzweifeln die Fans, weil Zeitz im Minutentakt neben oder an das Gehäuse ballert. Ansprüche auf einen Stammplatz hat Glandorf dennoch nicht: "Wir haben einen eingespielten Rückraum, der klasse funktioniert. Aber natürlich werde ich voll da sein, sobald der Trainer mich bringt."
Glandorfs Vorteil: Die Gegner haben den 24-jährigen Schlacks oft nicht auf der Rechnung und unterschätzen ihn. Das könnte sich nach diesem Turnier endgültig ändern. Wenn Glandorf gut in die EM startet, könnte er am Ende der große Gewinner im deutschen Team sein. Hoffentlich nicht der einzige.
Gelassener Trainer
Zehn Jahre Trainerdasein beim DHB liegen hinter Heiner Brand, der als einziger deutscher Handballer den WM-Titel sowohl als Spieler (1978) als auch als Trainer (2007) gewinnen konnte. Im Vorfeld der EM präsentierte sich der Heißsporn nach außen sehr gelassen. Zur ersten Pressekonferenz im Bergener Mannschaftshotel erschien Brand mit einer Trillerpfeife im Mund. Als er den Raum betrat, sorgte er mit einem Pfiff für Ruhe, so als wolle er sagen: "Das war der Anpfiff, ab jetzt hab ich wieder für elf Tage das Sagen".
Die neue Ausgeglichenheit könnte einerseits daran liegen, dass Brand diesmal kaum Verletzungssorgen zu beklagen hat. Rechtsaußen Florian Kehrmann wurde zwar aufgrund einer Jochbeinprellung in Teilen der Vorbereitung ebenso geschont, wie auch die Rückraumspieler Hens (Knieprellung) und Zeitz (Schulter). Doch zum ersten Mal seit langem hat Brand zu Beginn eines großen Turniers wieder die Qual der Wahl. "Alle Mann sind fit. Trotzdem werde ich nur 15 statt der erlaubten 16 Spieler gegen Weißrussland in den Kader nehmen, damit ich im Notfall noch einen nachnominieren kann", so Brand.
Ein weiterer Grund für die Gelassenheit könnte sein, dass sein Team diesmal nicht so im Fokus des öffentlichen Interesses steht, wie bei der WM im eigenen Land. Zwar wurde der erste Auftritt der WM-Helden von gut 60 aus Deutschland angereisten Journalisten begleitet, doch im Vergleich zum Volksaufstand in Wiehl, dem Wohnort der Handballer während der WM, gleicht das Mannschaftshotel einer Seniorenresidenz. Hinzu kommt, dass ein verpasster EM-Titel kein Drama wäre, schließlich brachte Brand von der EM 2004 die Goldmedaille aus Slowenien mit. Wie gewohnt hat der Handballlehrer seinen Spielern keine Platzierung vorgegeben, erwartet aber wie immer Einsatz, Leidenschaft und Engagement.
Befürchtungen, seine Mannschaft könnte den ersten Saisonhöhepunkt wegen der im Sommer bevorstehenden Olympischen Spiele nicht zu 100 Prozent ernst nehmen, tritt der Bundestrainer vehement entgegen. "Wir können es uns nicht leisten, ein Turnier als Übergangsturnier anzusehen. Wir haben einen Stolz und eine Verantwortung für den deutschen Handball. Und schließlich wollen alle zu Olympia, es können aber nur 14 Spieler mit. Das ist Motivation genug", so Brand. Gold bei Olympia ist der einzige große Titel, der dem Schnauzbart-Fetischisten in seiner Sammlung noch fehlt.
Die Gelassenheit könnte allerdings auch eine Art Ruhe vor dem Sturm sein. Wer Brand kennt weiß, dass der Gummersbacher spätestens wenn er heute die Halle betritt, innerlich brennen wird. Gelingt es ihm, dieses Feuer auf sein Team zu übertragen, könnte der Weg auch diesmal wieder bis ins Finale führen.
Mit Material von sid und dpa