Handball in Stralsund In den Sund gesetzt
Nur einen Steinwurf vom Ortseingangsschild Stralsunds entfernt betreibt Sylvio Ney einen Autohandel mit Werkstattservice. Der 31-jährige ehemalige Kreisläufer trägt ein schwarzes T-Shirt und eine blaue Arbeitskombi. Er hat gerade die Motorhaube einer Mercedes-Limousine geöffnet, als Zdenek Vanek hupend vorfährt. Die beiden Zwei-Meter-Hünen begrüßen sich per Handschlag. "Ich wollte dich zum Geburtstag einladen - Sonntagnachmittag", sagt Vanek.
Torwart Levshin (r.): Einer von vielen abgewanderten Spielern
Foto: DPADer 168-malige tschechische Nationalspieler Vanek ist auf Stippvisite in der Hansestadt. Mit der Insolvenz seines Arbeitgebers und dem damit verbundenen Absturz in die Oberliga war er von heute auf morgen seinen Job als Trainer des Stralsunder HV los. Seinen Dienstwagen hat er bereits zurückgegeben.
Auch auf dem Arbeitsamt war er schon. Beim Behördengang traf Vanek mehrere Bekannte: Cindy Fedor, ehemalige Assistentin der Geschäftsführung; Christa Bönsch, über ein Jahrzehnt lang die gute Seele des SHV-Büros; oder Rocco Pantermöller, der als Videomann die Spiele der Sundstädter ins rechte Bild rückte.
"Das vergangene Jahr", sagt Vanek nachdenklich, "war für alle eine extreme Erfahrung." Der frühere Abwehrstratege hätte es sich in der zurückliegenden Katastrophen-Saison mit akuten finanziellen und personellen Problemen und Spieler-Zwangsverkäufen leichtmachen und einfach die Brocken hinwerfen können. Doch er kämpfte - letztlich vergeblich. "Ich möchte einfach ein paar Tage abschalten", sagt der Tscheche und fügt hinzu: "Es hätte nicht so bitter enden müssen." Die Talfahrt sei absehbar gewesen und habe bereits vor zwei, drei Jahren begonnen.
Diese Ansicht vertritt auch Dieter Vetter. "Die Marketing GmbH hat auf Pump gelebt", analysiert der SHV-Vize. Auf Jahre voraus seien Sponsorenbeiträge genutzt worden, um Löcher zu stopfen. "Wir hätten die Erste Liga gar nicht besetzen dürfen", sagt Vetter rückblickend. "Es herrschte mehr Optimismus als Realitätssinn. Das ist der GmbH auf die Füße gefallen." Angesichts eines Etatlochs in Höhe von gut 800.000 Euro drohte dem wirtschaftlichen Träger des Bundesliga-Absteigers bereits im Herbst 2008 der Kollaps.
Damals konnte die Insolvenz mit Hilfe eines Kredits in Höhe von 320.000 Euro, der innerhalb der kommenden drei Jahre getilgt werden sollte, abgewendet werden. Das Konzept der Entschuldung sei der richtige Weg gewesen, betont Vetter, auch wenn es letztlich durch die Lizenzverweigerung über den Haufen geworfen worden sei. "Hätten wir unsere Hausaufgaben erledigt, wäre es zu diesem Desaster nicht gekommen. Ich verwahre mich davor, der Liga den Schwarzen Peter zuzuschieben."
Spitzenspieler flüchten zu anderen Vereinen
Die Auflösungserscheinungen sind in vollem Gange. Felix Herholc steht ab sofort beim Regionalligisten HSV Bad Blankenburg zwischen den Pfosten. Torhüter Igor Levshin, Vaneks Sohn Jakub und der 2,01 Meter große Linkshänder Bert Hartfield sind beim Zweitligisten Post Schwerin untergekommen. Frank Wahl verlängerte beim HSV Peenetal Loitz. Sven Präkels, der von den Drittligisten in Doberan und Neubrandenburg umworben wird, macht deutlich: "Aus Mitleid bleibt niemand." Auch Christian Schwarz, Christian Schwerin, Eric Hoffmann und Benjamin Hinz haben mehrere Angebote. Vielleicht können der Verbleib von Spielmacher Martin Brandt sowie die Rückkehr der Routiniers Markus Dau und Benny Lindt ein Zeichen setzen.
Ungewiss ist indes die Zukunft von Sylvio Ney. Der Kreisläufer, der aufgrund der personellen Nöte in der Vorsaison mit 31 Jahren zu einem unverhofften Bundesliga-Debüt kam, schlug ein "gutes Angebot aus Loitz" zugunsten des vermeintlichen Zweitligisten SHV aus. Stralsund sei für ihn Herzenssache, "und es war super, dass ich elf Spiele in der Ersten Liga machen konnte, aber dabei ist auch vieles auf der Strecke geblieben - familiär und beruflich". Ney würde gern weiter für den SHV spielen, erwartet aber ein klares Konzept: "Ich muss nicht meine Knochen hinhalten, wenn's keine Perspektive gibt."
Sport-Notstand am Standort Stralsund
Roland Scholl, Vorsitzender des 65-köpfigen Fanklubs De Stralsunner, hätte sich Milan Berka als Spielertrainer gewünscht. "Das wäre der richtige Mann gewesen. Er ist eine Integrationsfigur", begründet er. Neben ihm hat der Tscheche Berka Platz genommen - und winkt ab: "Ich habe noch eine kleine Chance, zur EM nach Österreich zu fahren. Dazu muss ich mindestens bei einem Zweitligisten spielen."
Veronika Elsner (19), Altenpflegerin im St. Josef, gehört zu den engagiertesten Anhängern. 223 Unterschriften sammelte sie für den Verbleib des SHV und schickte diese an die HBL. "Stralsund ohne Handball ist wie der Sund ohne Wasser", begründet sie ihr Engagement. Mit dem Profihandball verliert die 55.000 Einwohner zählende Hansestadt, die mit einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent zu kämpfen hat, eines ihrer Aushängeschilder. Im Sport ist nicht mehr viel los - die Bundesliga-Auftritte der traditionsreichen Gewichtheber locken gerade noch 50 Zuschauer an. Die Volleyballerinnen sind aus der Zweiten Liga abgestiegen. Die Fußballer des FC Pommern kicken in der siebtklassigen Landesliga. Hochkarätige Speedway-Rennen sind rar.
Wo das Team um Michael Philippen und Ulf Ganzert in der kommenden Saison spielen wird, steht in den Sternen. Der Auszug aus der Vogelsanghalle, in der gut tausend Zuschauer Platz finden, scheint beschlossene Sache.
Als Alternative bliebe die kleine, weniger schöne Herder-Halle mit 280 Plätzen. Pläne zum Ausbau der Vogelsanghalle liegen seit Jahren in irgendwelchen Schubladen. "Das Ding hätte längst stehen können. Innen entkernt. 4000 Zuschauer - und fertig. Dann hätte es die finanzielle Misere nicht gegeben", ist sich Scholl sicher. An den Bau der neuen Arena glaubt auch Veronika Elsner längst nicht mehr: "Was soll das jetzt noch?"
Hallenprojekt auf Eis gelegt
Das seit Jahren umstrittene 13,5 Millionen Euro teure Großprojekt mit einem Fassungsvermögen von fast 5000 Zuschauern steht nun endgültig vor dem Aus. Neun Millionen Euro wollte die Stadt beisteuern, zweieinhalb Millionen Euro sollen bereits an den Bauherren Thomas Glöckner von der Glöckner Architekten GmbH in Nürnberg geflossen sein. Doch der bereits für 2007 vorgesehene Baubeginn verzögerte sich immer wieder. Das Land in unmittelbarer Nachbarschaft zur Vogelsanghalle liegt brach.
"Die Stadt Stralsund ist nicht unattraktiv", sagt Claus Runge. Der Präsident des Nordostdeutschen Handball-Verbandes (NOHV) weiß jedoch um die wirtschaftlich schwache Struktur - und malt für die ostdeutschen Vereine ein düsteres Bild. Die Einführung der eingleisigen Zweiten Liga "wird zum Ausschluss von Nordost-Vereinen führen", befürchtet der Hamburger. "Das will der westdeutsch geprägte Handball leider nicht wahrhaben." Im Osten sind die Hallenkapazitäten oftmals nicht ausreichend - siehe Stralsund. "Mit tausend Zuschauern kann man in der Regionalliga spielen, aber das ist nicht Bundesliga-tauglich."
Diese leidvolle Erfahrung musste auch Zdenek Vanek machen. Der Tscheche reicht Sylvio Ney die Hand zum Abschied. Bevor er ins Auto steigt, dreht er sich noch einmal um. "Übrigens, wenn du Zeit zum Angeln hast, ich habe alles dabei." Dann lässt den Motor an und fährt vom Hof. Und er weiß: Eigentlich sollte heute Trainingsauftakt sein.