Japanische Handball-Nationalmannschaft Wer siegen will, darf nicht zu freundlich sein
Japans Nationalspielerin Kaho Sunami (r.)
Foto: Carmen Jaspersen/ dpaSpätestens nach dem vierten Gruppenspiel, dem 28:29 gegen Olympiasieger Russland, war klar: Japan kann Handball spielen. Dem Team von Trainer Ulrik Kirkely gelangen in der WM-Vorrunde zwei Siege und ein Remis - bei zwei Niederlagen. Nun stehen die japanischen Handballerinnen im Achtelfinale: In Magdeburg wartet am Montagabend (20.30 Uhr, TV: Sport1) mit den Niederlanden ein harter Gegner.
Vielleicht war es Taktik, dass Kirkely sein Team vor Turnierstart als "Underdog" bezeichnet, ihm eine physische Unterlegenheit gegenüber europäischen Spielerinnen attestiert hatte. Sein Tenor: In Europa können Japanerinnen, im Schnitt nicht größer als 1,70 Meter, nichts gewinnen. Ganz so pessimistisch, wie es sich anhört, ist der 45-jährige Däne allerdings nicht.
Schließlich hatte er erstklassigen dänischen Mannschaften den Rücken gekehrt, um im Juni 2016 die japanischen Frauen zu übernehmen. "Ich möchte den japanischen Handball mitentwickeln", sagt er, "in Japan passiert in den nächsten Jahren viel". Zwei Großereignisse stehen an: 2019 wird das ostasiatische Land die Handball-WM der Frauen ausrichten, ein Jahr später die Olympischen Spiele.
Handballer sind bei Unternehmen angestellt
Wenn Kirkely von Entwicklung spricht, meint er vor allem die Tatsache, dass Handball in Japan weit hinter Kampfsportarten, Volleyball, Basketball und Softball abfällt. Knapp 100.000 Japaner spielen Handball. In der Frauenliga gibt es nur zwei Vollprofis: Ayaka Ikehara, 1,57 Meter groß, wurde für diese Saison vom dänischen Meister Nykobing Falster verpflichtet. Torfrau Sakura Kametani spielt bei dem norwegischen Spitzenklub Vipers Kristiansand.
Die Liga in Japan besteht bei den Männern und Frauen aus jeweils neun Teams. Die meisten sind sogenannte Firmenmannschaften: Die Spieler sind bei Unternehmen angestellt, arbeiten von acht bis zwölf Uhr und dürfen am Nachmittag trainieren. Im Frauenhandball gibt es in der 1. Liga vier solcher Teams: "Honey Bee"-Spielerinnen arbeiten beispielsweise bei der Hokkuku Bank, hinter "Blue Sakuya" steht Sony Semi Conductor Manufacturing.
Die Sicherheit einer Anstellung hält Kirkelys Spielerinnen davon ab, sich für eine Profilaufbahn in Europa zu entscheiden. Und somit Erfahrungen zu sammeln, die der Nationalmannschaft zugute kommen könnten. Bei seinem Ziel, den japanischen Handball zu reformieren, hat Kirkely Hilfe. Dagur Sigurdsson, der ehemalige Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft, hat dieses Jahr die japanischen Männer übernommen.
Mit großem Interesse verfolgt der 44-jährige Isländer die WM in Deutschland. "Das Team von Ulrik hat sehr hart gearbeitet." Die WM sei für Japan eine Möglichkeit, näher an die europäischen Teams und damit an die Weltspitze heranzukommen. "Aber es ist trotzdem noch ein langer Weg."
Sigurdsson hat Deutschland aus familiären Gründen den Rücken gekehrt, aber auch, weil ihn die Herausforderung reizt. Für Japan ist er ein Glücksfall: Als Handballer hat er 215 Länderspiele für die isländische Nationalmannschaft bestritten, als Trainer hat er nach den Füchsen Berlin 2014 die deutsche Auswahl übernommen. Das Team hatte damals gerade die WM-Qualifikation verpasst. Aus einer jungen, unerfahrenen Truppe formte Sigurdsson eine Mannschaft, die 2016 in Polen den Europameistertitel holte.
"Handball ist ein körperliches Spiel"
"Handball findet in Europa statt", sagt er. Die Isolation in Japan sei ein Problem, die meiste Zeit über würden die gleichen Teams gegeneinander antreten, nur selten gäbe es die Gelegenheit, "sich bei europäischen Teams etwas abzugucken". Die Physis hält Sigurdsson für mitentscheidend. "Handball ist ein körperliches Spiel. Gegen große, starke Gegner hat man es schwer."
Kirkely hat bereits die Handball-Nationalteams von Bahrain und Saudi-Arabien trainiert. Er glaubt, den körperlichen Nachteil durch taktische Arbeit ausgleichen zu können. "Wir müssen unsere Stärken ausspielen, lernen, sie besser einzusetzen." Es sei einfach, sich einzureden, dass man es gegen Europäer schwer habe. Entscheidend sei das Selbstvertrauen. "Wir schreiben das Mannschaftsdenken groß, jeder weiß, dass er ein Teil eines großen Puzzles ist."
Dass Körpergröße wettzumachen ist, beweist auch der Blick auf Südkorea. Vor allem bei den Olympischen Spielen haben die Handballerinnen etliche Erfolge eingefahren: 1988 und 1992 Gold, 1984, 1996 und 2004 Silber. Bei einer WM hat Südkorea schon den Titel geholt. Kirkely will sich etwas abgucken: "Wir können viel von dem Team lernen, Südkorea zählt seit 25 Jahren zur Spitze des Handballs."
Zweiter Platz bei der Asienmeisterschaft 2017
Dass Japan längst mit dem Nachbarland mithalten kann, zeigt das Ergebnis der diesjährigen Asienmeisterschaften. Südkorea holte zum zwölften Mal den Titel, für die Japanerinnen gab es Silber. Im internationalen Kontext ist der 7. Platz das beste Ergebnis, die WM liegt 52 Jahre zurück.
Das ist auch auf Ulrik Kirkely zurückzuführen. Er verbringt rund sechs Monate im Jahr in Japan, immer für mehrere Tage trommelt er sein Team zusammen. Das ist einfach: Sie haben mehr Zeit als Profis und vor allem weniger Druck. Sie müssen nicht nebenbei Bundesliga und Champions League spielen. Auch Sigurdsson kommt auf rund 150 Tage, die restliche Zeit verbringt er in Island. "Kollegen von mir träumen von der Zeit, die ich mit der Nationalmannschaft habe."
Für das heutige Achtelfinale hat er einen Tipp: Das Team müsse die japanische Höflichkeit ablegen. "Japaner sind von Natur aus sehr freundliche Menschen", sagt er, "in einem Kontaktsport ist das nicht immer hilfreich."