Handball-Nationalmannschaft: Die neue Mitte - DER SPIEGEL
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Handball-Nationalmannschaft Die neue Mitte

Mit dem Rücktritt von Markus Baur hat Bundestrainer Heiner Brand seinen Spielgestalter, Ideengeber und eine Leitfigur verloren. Doch mit Oliver Köhrmann scheint er den perfekten Ersatzmann im Zentrum gefunden zu haben, obwohl der Wilhelmshavener kaum internationale Erfahrung hat.
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Ein Jahrzehnt lang hat er den Großen nur zugeschaut. Wenn die Feste des Handballs gefeiert wurden, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, olympische Turniere, wenn Stars wie Nikola Karabatic oder Henning Fritz geboren wurden, dann saß Oliver Köhrmann in Wilhelmshaven vor dem Fernseher. Auch 2007, als die Mannschaft von Heiner Brand in Köln Weltmeister wurde, umjubelt von 21 Millionen an den TV-Geräten, war er Zuschauer wie jeder andere auch. "Beim Viertelfinale war ich in der Halle", erzählt der Mann, der heute seinen 32. Geburtstag feiert. Und nun, wo das olympische Turnier in Peking (8. bis 24. August) ansteht, ist er plötzlich der Lenker des Handball-Weltmeisters.

Innerhalb von wenigen Wochen hat Köhrmann die Rolle des Regisseurs Markus Baur übernommen, der in den vergangenen Jahren als Gehirn des deutschen Spiels fungierte. Der 227 Länderspiele auf dem Buckel hatte. Der alles kannte im Handball. Der als verlängerter Arm des Bundestrainers galt und nun selber Übungsleiter des TBV Lemgo ist. Der aber dann Mitte Mai, weil sein Arbeitgeber Lemgo es so wollte, zurückgetreten war. Eine riesige Leerstelle tat sich da auf im Zentrum des deutschen Aufbauspiels. Ein Vakuum, das nach dem Willen des Bundestrainers nun Köhrmann füllen sollte. Dieser unscheinbar wirkende Mann, dem im Grunde jegliche internationale Erfahrung fehlte. Köhrmann kämpfte mit dem Wilhelmshavener HV, mit dem er 2002 in die Bundesliga aufgestiegen war, stets gegen den Abstieg. Einen Europapokaleinsatz hatte er, als Brand ihn Anfang Juni einberief, nicht vorzuweisen. Und nur sechs Länderspiele. Sechs Spiele, das ist nichts im Handball.

Anfangs war es schwierig. In den beiden Länderspielen gegen Ägypten, dem Auftakt der Olympiavorbereitung, war Köhrmann die Nervosität anzusehen. Er spielte etwas fahrig, wirkte ein wenig eingeschüchtert. "Man muss sich natürlich an alles erst gewöhnen, das ist doch klar", sagt Köhrmann, "das kann nicht in einer Woche funktionieren, das braucht Zeit". Vor allem gedanklich musste er sich erst an die neue Umgebung gewöhnen. In wenigen Tagen musste Köhrmann die vielen Angriffskonzepte speichern, die der Bundestrainer im Repertoire hat. Köhrmann ist als Spielmacher derjenige, der die größte intellektuelle Leistung im Angriff zu bewältigen hat. "Man muss in den richtigen Szenen das richtige System ansagen", erklärt er das komplexe Anforderungsprofil.

In den letzten Spielen der Vorbereitung aber lief es viel besser, als manch Experte es prophezeit hatte. Der Mittelmann wurde mutiger, selbstbewusster, aggressiver. Manchmal blitzte seine Torgefährlichkeit auf, die Wilhelmshaven mehrfach vor dem Abstieg bewahrt hat. Als sich Köhrmann in den beiden Testspielen gegen Schweden mit einigen Toren geradezu befreite, freute sich Brand sichtlich: "Natürlich bin ich einerseits erleichtert. Andererseits sehe ich das auch als Bestätigung meiner Auswahl." Auch bei den klaren Siegen gegen Russland ( 32:25, 32:27), mit denen der Weltmeister am Wochenende seine Testspiele abschloss, zeigte Köhrmann sein strategisches Vermögen. Er füllte das Vakuum, das Baur hinterlassen hatte, tadellos aus. "Er hat die Mannschaft hervorragend geführt. Oliver hat Handball verstanden", sagte Brand. Ein Lob, das Köhrmanns Partner im Aufbau, der wechselhafte 24-jährige Michael Kraus, so noch nicht gehört hat.

Nach vielen Jahren in den Niederungen der Bundesliga steht Köhrmann plötzlich, mit 32 Jahren, auf der olympischen Bühne. Die Kollegen sind allerdings nicht verwundert. "Mich überrascht das nicht", sagt Rückraumstar Pascal Hens. Köhrmann sei schließlich ein "sehr spielintelligenter und unkomplizierter Typ". Und auch Johannes Bitter ist überzeugt, dass der 1,86-Meter-Mann das Rüstzeug für die internationale Bühne besitzt: "Er bietet seit fünf, sechs Jahren immer Top-Leistungen, er hatte nur das Pech, dass zwei arrivierte Spieler vor ihm standen", sagt der Torwart, der mit Köhrmann gemeinsam in Wilhelmshaven spielte. Köhrmann sei "nicht exzentrisch, sondern ein ruhiger Typ, der klare Ansagen macht". Insgesamt, findet Bitter, sei Köhrmann ein "echter Leader und vom Typ her vergleichbar mit Baur".

Bevor der olympische Traum Köhrmanns in Peking beginnt, bevor die Mannschaft am Donnerstag ins südchinesische Trainingslager nach Zhuhai aufbricht, um sich für das erste Gruppenspiel gegen Südkorea vorzubereiten, will Köhrmann, der im Sommer zum TV Großwallstadt wechselte, noch einmal Kraft tanken. "Ich bin in meinem Haus in Obernburg, da werde ich ein paar Tage ausspannen."