Handball-Pokalendrunde: Gift, Chaos und ein Phantomtor - DER SPIEGEL
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Handball-Pokalendrunde Gift, Chaos und ein Phantomtor

Kiel gegen Flensburg: Das Duell der Erzfeinde beim Handball-Final-Four hatte es in sich. Ein Phantomtor sorgte auch weit nach Spielschluss noch für Diskussionen - und bot den Parteien die Möglichkeit, reichlich Nettigkeiten auszutauschen.
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Hamburg - Am Ende verfiel Noka Serdarusic in Sarkasmus. "Ich bin so locker wie noch nie in meinem Leben", sagte der Coach des THW Kiel, als der dramatische Halbfinalsieg beim Final Four gegen die SG Flensburg-Handewitt eine Stunde alt war. Dabei war er genervt wie selten. Im tobenden Kessel der mit 13.320 Zuschauern ausverkauften ColorLine Arena zu Hamburg hatte sein Team zwar den Erzrivalen knapp 34:33 (19:12) bezwungen. Auch lag ein unglaubliches Handballspiel hinter ihnen, mit großartigen Toren, sensationellen Torhüterleistungen auf beiden Seiten, einer Dramaturgie, die nur der Handball zu schreiben versteht. Aber über diese spektakulären Mosaiksteine eines großen Handballnachmittags redete niemand mehr. Auch das anstehende Finale morgen gegen die SG Kronau-Östringen, die zuvor sensationell den Titelverteidiger HSV Hamburg 29:28 (13:11) ausgeschaltet hatte, war kein Thema. Es ging um einen Einspruch, den Flensburgs Manager Thorsten Storm nach Spielende erhoben hatte.

Die Flensburger zweifelten das Kieler Tor zum 28:27 an, welches Kiels Superstar Nikola Karabatic in der 52. Minute zugeschrieben worden war. Dabei hatte, wie die TV-Bilder recht eindeutig zeigten, nur der Körper des Flensburger Keepers Dan Beutler die Torlinie überschritten, das Leder jedoch nicht – ein regelrechtes "Phantomtor", wie es Fußballprofi Thomas Helmer im Jahr 1994 erzielt hatte. "Der Einspruch hat keine Chance", wusste Serdarusic schon vor der Verhandlung, da das Finale einen Tag später terminiert ist. Aber wie er ärgerte sich auch Kiels Manager Uwe Schwenker sichtbar: "Dann können wir auch einen Einspruch einlegen, weil Vranjes bei einem Tor vier Schritte gelaufen ist", echauffierte sich Schwenker und schob zischend ein "das ist doch lächerlich" hinterher. Tatsächlich wurde der Einspruch dann vom Schiedsgericht der Deutschen Handball-Bundesliga (HBL) abgewiesen. "Ich wusste, dass wir damit nicht durchkommen", erklärte Storm nach der zweiten Niederlage des Tages. "Jeder hat ja diese Bilder gesehen, dass das nie und nimmer ein Tor war, wir mussten ein Zeichen setzen", begründete Storm seinen Schritt.

Dieser Einspruch, so aussichtslos er war, war in Wirklichkeit nicht das Ende einer turbulenten Pokalschlacht – sondern nur der Auftakt zu einem rhetorischen Scharmützel zwischen beiden Erzrivalen. Treffen die Clubs doch schon am nächsten Sonntag in Flensburg wieder aufeinander, in dem viel bedeutenderen Finalhinspiel der Champions League. "Wir haben heute verloren, okay, wir gewinnen dafür die Champions League", sagte Flensburgs dänischer Aufbauspieler Joachim Boldsen. "Nun können wir uns schon einen Tag früher darauf vorbereiten, Kiel muss noch einen Tag warten", sagte Flensburgs schwedischer Coach Kent-Harry Andersson. "Wir warten gerne", konterte Manager Schwenker sofort und erklärte später nachdenklich: "Das ist jetzt schon unheimlich viel Gift drin."

Kieler Karabatic nicht zu stoppen

Auch auf dem Parkett war es extrem umkämpft her gegangen, motiviert durch die hitzige Atmosphäre auf den steilen Rängen der Arena, warfen sich die Spieler nach den Bällen, schmissen sich in die Zweikämpfe. Dabei zeigte sich Kiel in Halbzeit eins als eindeutig besseres Team, überrollte den Gegner geradezu und ging nach einer schnellen 9:3-Führung (12. Minute) mit 19:12 in die Pause. Vor allem gegen den fantastisch haltenden Torwart Thierry Omeyer und die wuchtigen Durchbrüche von Karabatic, der 13 Tore erzielte, fanden die Flensburger kein Mittel.

Direkt nach der Halbzeit aber brach Kiel plötzlich ein, Kim Andersson und Weltmeister Dominik Klein warfen fünf Fahrkarten in Serie und bauten so den gegnerischen Keeper Dan Beutler "zu einer Weltklasseform" (Schwenker) auf. "Wir waren zu hektisch, haben die Bälle zu schnell weggeworfen", kritisierte Coach Serdarusic, "außerdem konnte Omeyer sein starkes Niveau aus der ersten Hälfte nicht halten". So verkürzten die Flensburger, da ihnen auch noch die Rote Karte gegen Kiels Abwehrspezialisten Andrei Xepkin (39. Minute) zu Gute kam, kontinuierlich den Rückstand. Als Linksaußen Sören Stryger zum 27:27 (50.) ausglich, tobten die rund 2.000 Flensburger Fans. "Da haben wir endlich gekämpft, wie es sein muss", erklärte Boldsen, "nur so kommt Kiel auch in Bedrängnis".

Nun wogte die Partie hin nun her: Kiel ging, angeführt von Karabatic, in Führung, Flensburg glich aus. Fünf Minuten vor ultimo war dann am Kampfrichtertisch "totales Chaos" (Schwenker), weil die Hallenuhr ausfiel und nun die Trainer, Profis und auch Zuschauer nicht mehr wussten, wie lange noch zu spielen war. Kiel führte 34:33, Flensburg führte den Ball, da hob Flensburgs Manager Storm einen Zettel hoch, der eine 35 zeigte – noch 35 Sekunden zu spielen. Kroatiens Olympiasieger Blazenko Lackovic sah ihn nicht und drosch den Ball sofort aufs Tor – Omeyer hielt. Kiel verlor zwar noch einmal den Ball, doch als Flensburgs Regisseur Ljubomir Vranjes zog zum Tor, beendete das Kampfgericht die Partie - die Zeit war abgelaufen.