Handball-Star Yoon: Abschied vom großen Nick - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Handball-Star Yoon Abschied vom großen Nick

Er warf so viele Tore, dass man kaum mit dem Zählen hinterherkam. Viele Jahre dominierte Kyung-Shin Yoon die Bundesliga. Nun kehrt der 34-Jährige nach Südkorea heim. Das Magazin "HM" blickt auf die großartige Karriere Yoons zurück.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Yoon hält eine ganze Reihe von Rekorden. Sieben Mal war er Torschützenkönig in der Bundesliga (1997, 1999 bis 2002, 2004 und 2007). Geradezu fantastisch sind die 324 Tore, die er in der Spielzeit 2000/2001 warf. Der nachhaltigste Rekord sind sicher die 2908 Tore, die er in gut zwölf Jahren Bundesliga erzielte – so viele wie kein anderer in der 31-jährigen Liga-Geschichte.

Der Einzige, der diese unglaubliche Zahl vielleicht knacken kann, ist der Flensburger Lars Christiansen (bisher 2460 Tore). Für die aus dem Feld erzielten Tore (2263) wird Yoon wahrscheinlich eine Marke für die Ewigkeit aufgestellt haben.

Weniger bekannt sind andere Topleistungen Yoons. Als er am 23. Dezember 2006 beim 37:33-Auswärtssieg des HSV Hamburg in Lemgo 18 Tore warf, verfehlte er den Uralt-Rekord Jerzy Klempels aus dem Jahr 1983 nur um einen Treffer.

Bestand hat indes noch die überragende WM-Höchstmarke aus dem Jahr 2001: Im WM-Hauptrundenspiel Südkoreas gegen Kroatien (38:33) schlugen seine Würfe 17 Mal im Netz ein – bei nur fünf Fehlversuchen. Danach entschuldigte er sich für den missglückten Auftritt beim olympischen Turnier 2000 in Sydney und für seine schlechten Leistungen bei der WM: Er habe vorher an einer Magenverstimmung gelitten. Bei den Weltmeisterschaften 1995 und 1997 war Yoon jeweils Torschützenkönig.

"Eine richtige Rakete"

Auf Island wurde die Handballwelt 1995 erstmals auf den torgefährlichen Koreaner aufmerksam. Dem Transfer zum VfL Gummersbach aber ging eine andere kuriose Geschichte voraus: Ein Sponsor des VfL (Eschmann-Stahl) hatte im Sommer 1995 ein Engagement von der Verpflichtung eines Weltklassespielers abhängig gemacht.

Da die Saison kurz bevorstand, waren aber alle Stars schon unter Vertrag. Spielermanager Wolfgang Gütschow versuchte es deswegen einfach bei Yoon: "Ich schickte ein Fax nach Südkorea, und am nächsten Morgen hatte ich eine Antwort. Interesse sei vorhanden."

Gütschow buchte sofort ein Ticket nach Seoul und traf sich mit Yoon, dessen Mutter und dem Trainer seines Teams bei der Kyung-Hee-Universität. Gütschow: "Dann ging alles ganz schnell." Am 13. Dezember 1995 wurde er in Gummersbach vorgestellt, 400 Fans feierten ihn beim Training.

Vier Tage später lief Yoon das erste Mal in der Bundesliga auf: Beim 25:18-Heimsieg gegen die HSG Düsseldorf warf er sechs Tore. "Das ist eine richtige Rakete", lobte HSG-Trainer Hotti Bredemeier. "Wenn er erst einmal integriert ist, werden der VfL und die Bundesliga noch viel Freude an ihm haben", sagte VfL-Coach Heiner Brand. Heute urteilt der Bundestrainer: "Als Individualist war er unvergleichlich in der Bundesliga."

Die Mutter als Retterin

Die ersten Monate in der Fremde waren schwierig für Yoon, der weder Deutsch noch Englisch sprach. Dass ihm seine Kollegen den Spitznamen "Nick" verpassten, weil er die Anweisungen von Trainer Heiner Brand immer höflich abnickte, obwohl er nichts verstanden hatte, war nur eine Folge. Auch die deutsche Fankultur brachte den 22-Jährigen aus der Fassung. "Dass ihn die Zuschauer bei seinem ersten Auswärtsspiel in Niederwürzbach auspfiffen, hat er nicht verstanden. Er kam völlig entsetzt in die Kabine", erzählt Brand.

In Korea hatten die Fans auch die gelungenen Aktionen des Gegners beklatscht. Noch irritierter war Yoon dann, als er während einer Partie in Wallau bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde, weil Mike Fuhrig ihn schwer gefoult und eine Zeitstrafe kassiert hatte. Fuhrig hatte doch gefoult, nicht er!

Auch der Alltag im fremden Deutschland barg manche Klippe. Zum Beispiel das Essen. Das war Yoon schlicht zu fad, zu wenig gewürzt. "Er hat in den ersten Monaten dramatisch abgenommen", erzählt Ulrich Klein, Handballredakteur der "Kölnischen Rundschau". Erst als der VfL Yoons Mutter einfliegen ließ, wurde es besser; sie päppelte ihn wieder auf. Tino, der Stamm-Italiener der Gummersbacher, war dann auch nicht sauer, wenn Yoon sein Essen immer kräftig nachwürzte. Mit den Jahren gewöhnte sich der gebürtige Seouler an die deutsche Kost. Was er heute mag? "Sogar Eisbein und Sauerkraut", sagt er lachend.

Große Vereinstreue

Ein großer Schritt in die Selbständigkeit war der Führerschein. Der war wichtig im Oberbergischen, wo die Entfernungen groß sind. Yoon bereitete sich mit dem VfL-Fan Mario Falkenberg, mit dem er sich im Februar 1996 angefreundet hatte, gemeinsam auf die theoretische Prüfung vor. Weil sein Deutsch für einige Fragebögen nicht ausreichte, kam Faltenberg eine Idee: Sie spielten die Situationen, die gefragt waren, mit Matchbox-Autos nach. Auf das Ergebnis waren beide stolz: null Fehler.

Yoon avancierte in Gummersbach nicht nur zum Star, weil er fantastische Tore warf, sondern auch wegen seiner beispielhaften Vereinstreue. Seitdem Yoon im VfL-Trikot spielte, gab es Geldsorgen bei den Blau-Weißen. Als der Club 1998 die jährliche Leihgebühr (42.000 Mark) an Yoons Universitätsverein nicht überweisen konnte, streckte der das Geld selbst vor, um nicht das Gesicht zu verlieren. Den Scheck, den er drei Wochen später von den Gummersbachern als Ersatz erhielt, löste die Bank nicht ein.

Das provozierte Angebote von der Konkurrenz. Yoon hätte zum THW Kiel wechseln können, zum Tusem Essen, sogar zum ruhmreichen FC Barcelona. Yoon jedoch blieb. Weil es ihm in Gummersbach so gut gefiel. Weil er die Leute mochte. Auch deshalb jubelten die Fans ihm zu. "Ohne ihn würde der VfL Gummersbach heute nicht mehr existieren", ist Gütschow überzeugt.

Als Yoon das Oberbergische Land dann vor der Saison 2006/2007 doch verließ, ging dem eine große Enttäuschung voraus. Während der Welthandballer des Jahres 2001 nach Verhandlungen über seine Vertragsverlängerung aus Köln nach Gummersbach zurückfuhr, rief ihn ein Journalist an. Ob es stimme, was auf der Internetseite des Clubs stehe? Dort wurde berichtet, dass Yoons Vertrag nicht verlängert werde. Yoon, der davon bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste, hatte sein Gesicht verloren. Gummersbach war das angeblich 440.000 Euro hohe Gehalt mittlerweile zu viel. Yoon ging nach Hamburg. Und bereute seine Entscheidung nicht.

Endlich ein Titel

Hamburg war größer und unübersichtlicher als das provinzielle Gummersbach. Aber Yoon fühlte sich auch hier schnell wohl, zumal seine Frau Soon-Kyun Kwon in der Hansestadt viele Landsleute treffen konnte - es leben rund 3000 Koreaner in Hamburg. Er kam auch, um sich einen Traum zu verwirklichen: "Ich will endlich einmal einen Titel gewinnen."

Den ersten, eher unbedeutenden Titel im Supercup gewann er gleich im ersten offiziellen Pflichtspiel. Beim Triumph im Europacup der Pokalsieger 2007 spielte er dann die Hauptrolle: Er war es, der im Finalrückspiel in Leon kurz vor Schluss den entscheidenden Treffer zum 33:37 warf und Hamburg so den Titel sicherte.

Dieser Traum wurde also Wirklichkeit, andere platzten. Trotz des 31:30-Auswärtssieges beim THW Kiel, den er selbst in der Schlusssekunde mit einem Wurf aus zehn Metern klarmachte, reichte es 2008 nicht zur Deutschen Meisterschaft. Und nach dem verlorenen Pokalfinale am 30. März 2008 gegen den THW Kiel vergoss Yoon bittere Tränen.

Olympia-Traum beinahe geplatzt

Peking - das ist Yoons letzter Auftritt auf der großen Bühne des Handballs. Danach kehrt er in die Heimat zurück. Er wird in Seoul abtrainieren und sein Marketing-Studium beenden, während seine Frau als Modedesignerin arbeitet. Nach Barcelona 1992 (wo er Michael Jordan traf), Sydney 2000 und Athen 2004 ist es sein viertes olympisches Turnier.

Ein sportpolitischer Skandal hätte den gebührenden Abschied in Peking beinahe verhindert. "Das war kein Handball mehr", erklärte Yoon im September 2007 fassungslos, als er aus dem japanischen Toyota zurückkehrte. Dort waren die Südkoreaner nicht zum ersten Mal betrogen und veräppelt worden; im entscheidenden Spiel gegen Kuwait (20:28) hatten die jordanischen Schiedsrichter alle 38 strittigen Entscheidungen gegen Südkorea gepfiffen, wie ein Gutachten später feststellte.

Erst nach Monaten stand fest: Das Turnier wird wiederholt. Südkorea gewann sicher, fährt also doch nach Peking. Yoons koreanisches Trikot, das von dieser unglaublichen Geschichte kündet, hängt inzwischen im Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln.

Es hat mal jemand behauptet, der 2,04-Meter-Mann Yoon sei der elftgrößte Koreaner. Ob es stimmt, kann Yoon nicht bestätigen. Als Mensch gehört er im deutschen Handballgeschäft zweifellos zu den Riesen. Sein Stolz, seine stets ausgesuchte Höflichkeit, die die asiatische Zurückhaltung geradezu klischeehaft verkörpert – all das wird im Gedächtnis bleiben. Alle schwärmen von dem Menschen, den sie kennen gelernt haben.

Johannes Bitter, Torwart des HSV Hamburg, schafft es, die vielen Kommentare von Yoons Weggefährten in zwei Sätze zu packen: "Ich betrachte es als Geschenk, dass ich mit ihm spielen durfte. Er ist der höflichste und netteste Mensch, den ich kenne."

Danke, Nick.

Mehr lesen über