Handball-Torhüter Bitter: "Ich kann nicht alles in mich reinfressen" - DER SPIEGEL
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Handball-Torhüter Bitter "Ich kann nicht alles in mich reinfressen"

Er hält den Kopf für Deutschland hin: Johannes Bitter, 26, ist die Nummer eins der DHB-Auswahl bei der WM in Kroatien. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Torhüter über die nächsten Gegner, Olympia als Weckruf und eine Rückkehr von Henning Fritz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Bundestrainer Brand betont stets, dass die jungen Spieler Fehler machen dürfen. Kann man sich in den letzten beiden Vorrundenspielen gegen so starke Gegner wie Mazedonien und Polen überhaupt noch Fehler erlauben?

Bitter: Natürlich wissen wir, dass wir gegen Mazedonien (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; die Red.) mit Kiril Lazarov als überragendem Einzelakteur so wenig Fehler wie möglich machen dürfen, wenn wir gewinnen wollen. Aber ich denke, dass wir unsere Fehler - im Vergleich zur Vorbereitung - weitestgehend abgestellt haben.

DHB-Torhüter Bitter: "Ich will keinen Kloß im Bauch"

DHB-Torhüter Bitter: "Ich will keinen Kloß im Bauch"

Foto: Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Bereiten Sie sich auf Torjäger Lazarov, der gegen Polen 13 Tore erzielte, speziell vor?

Bitter: Bei so einem überragendem Einzelakteur muss man das schon machen. Ich habe aber schon in der Champions League etliche Male gegen ihn gespielt, diese Spiele rufe ich mir noch mal ins Gedächtnis: Was hat gut geklappt, was nicht. Zudem werden wir uns seine Schüsse noch mal genau auf Video angucken.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Lazarov so besonders?

Bitter: Er bringt alles mit für einen Weltklassespieler und spielt Pässe, die man nicht alle Tage sieht. Dazu ist er immer torgefährlich und hat im entscheidenden Moment sogar noch das Auge, um den gegnerischen Torhüter zu verladen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im zweiten Spiel gegen Tunesien einen schlechten Start erwischt und sich unglaublich über jeden Gegentreffer geärgert. Brauchen Sie diesen Ärger?

Bitter: Dass ich mich über Bälle ärgere, ist völlig normal. Gegen Tunesien haben wir den Anfang komplett verschlafen. Da kamen dann die Schlagwürfe aus 7,5 Meter durch. Normalerweise nehme ich da ein, zwei von weg, aber als Torwart ist es wichtig, dass man in ein Spiel gut reinkommt, und das war gegen Tunesien nicht der Fall. Ich kann das nicht alles in mich reinfressen, dann habe ich irgendwann einen riesigen Kloß im Bauch und den will ich da nicht haben. Ich ärgere mich aber nicht nur über mich, auch über andere Sachen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Kritik an Ihren Vorderleuten?

Bitter: Nein, im Großen und Ganzen bin ich mit ihnen zufrieden, sieht man mal von den ersten Minuten gegen Tunesien und einigen Phasen gegen Algerien ab. Aber gegen einen solchen Gegner kann man das schon mal verschmerzen, zumal wir auch viel gewechselt haben. Gerade das Spiel gegen Russland hat über weite Strecken gezeigt, wozu wir fähig sind.

SPIEGEL ONLINE: Am Donnerstag kommt es dann zur Neuauflage des WM-Finales 2007 gegen Polen. Wie schätzen Sie den Gegner ein?

Bitter: Für meinen Geschmack haben sie bei diesem Turnier noch nicht so überzeugt, aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass sie ausgerechnet gegen uns ihr bestes Spiel abliefern werden. Sicher merkt man, dass in der Mitte einer wie Grzegorz Tkaczyk und somit etwas die Torgefahr fehlt, aber wenn sie sich als Team gut präsentieren, können die Polen alle schlagen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich das WM-Finale von 2007 noch mal angesehen?

Bitter: Nicht oft. Man sieht natürlich immer wieder Ausschnitte davon, aber ich habe mir nie einen schönen Videoabend gemacht und das Ding reingelegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nach dem Vorrunden-Aus bei den Olympischen Spielen in Peking kritisiert, dass einige Mitspieler nicht die richtige Einstellung gehabt haben. Haben Sie mittlerweile eine Erklärung dafür, warum das so war?

Bitter: Es war vielleicht so, dass sich nicht jeder so auf das Turnier fokussiert hat, wie ein Jahr zuvor bei der WM in Deutschland. Vielleicht mussten wir erst mal lernen, dass nicht alles von alleine kommt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Mannschaft denn aus dieser Erfahrung gelernt?

Bitter: Momentan habe ich ein gutes Gefühl. Was man so sieht, wie wir spielen, wie alle mitgehen, wie wir uns verhalten - das ist schon eine deutliche Verbesserung. Doch sicherlich kann auch mal ein Rückschlag kommen, wenn wir das erste Mal verlieren beispielsweise. Abwarten, wie sich die Mannschaft dann verhält.

SPIEGEL ONLINE: War das Olympia-Aus der Weckruf zur rechten Zeit?

Bitter: Olympia als Weckruf ist immer ein bisschen schade. Ein Vorbereitungsturnier sollte als Weckruf dienen. Olympia war in dem Moment zu hart dafür.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie Ihren ehemaligen Torwartkollegen Henning Fritz?

Bitter: Henning ist ein großartiger Torhüter, es war super, mit ihm zusammenzuspielen. Aber wir haben bei diesem Turnier gezeigt, dass wir gute Torhüter haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich Ihr Verhältnis zu Carsten Lichtlein im Vergleich zu dem mit Fritz?

Bitter: Henning war einer, der durch seine Erfahrung und Konstanz über mir Stand, zu dem ich aufgeschaut habe. Mit Carsten ist es eher ein Verhältnis auf einer Stufe.

SPIEGEL ONLINE: Fritz hat kürzlich in einem Interview von einer Rückkehr in die Nationalmannschaft gesprochen, sein Ziel sei die EM 2010. Wäre das für Sie denkbar?

Bitter: Damit hätte ich überhaupt keine Probleme. Henning ist immer noch einer der weltbesten Torhüter, das zeigt er regelmäßig in der Bundesliga und in der Champions League. Ich würde mich freuen, wenn er zurückkommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wäre dann die Hierarchie?

Bitter: Ich würde sicher nicht dastehen und sagen: "Henning, mach mal die Drecksarbeit, ich bin die Nummer eins." Natürlich wird es immer einen Leistungskampf geben, aber der wird fair sein. Ich hätte nie ein Problem damit, Henning den Vortritt zu lassen.

Das Interview führte Mike Glindmeier