Handball-WM der Frauen in Deutschland: Chance und Generalprobe - DER SPIEGEL
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Handball-WM der Frauen in Deutschland Gute Chance - oder letzte Chance?

Die WM im eigenen Land ist die große Chance für die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen, ein breiteres Publikum zu begeistern. Viel Druck kommt vom eigenen Verband.
Von Michael Wilkening
Nationalspielerin Bölk beim Wurf
Nationalspielerin Bölk beim Wurf

Nationalspielerin Bölk beim Wurf

Foto: Gregor Fischer/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Silvio Heinevetter hat aus seiner Meinung zum Frauen-Handball nie einen Hehl gemacht. Der Torwart vom Bundesligisten Füchse Berlin und der Männer-Nationalmannschaft wählte mal einen Vergleich zwischen Spielen der Frauen und der Männer: "Das ist wie ein Pferderennen mit Kühen." Eine wenig geschmackvolle Bemerkung war das, aber sie verdeutlicht ein Problem: Frauen-Handball hat in Deutschland ein schlechtes Standing, in der Öffentlichkeit nimmt man ihn fast nicht wahr.

Die Weltmeisterschaft der Frauen, die an diesem Freitag um 19 Uhr in Leipzig mit dem Spiel der deutschen Auswahl gegen Kamerun startet, soll daran etwas ändern. Für den Deutschen Handballbund (DHB) ist das Turnier eine Chance für den weiblichen Bereich.

Ausgerechnet Heinevetter ist plötzlich so etwas wie ein Vorbild. Wenige Tage vor dem Turnierstart revidierte er seine Meinung. Er habe inzwischen einige Spiele der Frauen angesehen und müsse eingestehen, dass "mein Vergleich nicht stimmt". Das habe er auch "Beagle" mitgeteilt. "Beagle" ist der Rufname von Frauen-Bundestrainer Michael Biegler, der Heinevetter vor knapp neun Jahren in Magdeburg coachte. Wenn Heinevetter bekehrt werden kann, dann hat der Frauen-Handball bei den deutschen Zuschauern ja vielleicht doch eine Chance, so die Hoffnung der Ausrichter. Was wäre dabei hilfreicher als eine WM im eigenen Land?

Porträt Nationalspielerin Emily Bölk
5 Min

Trainer Biegler hat vor knapp zwei Jahren als Trainer der polnischen Männermannschaft erfahren, was für einen Stellenwert ein großes Turnier im Gastgeberland haben kann. Der 56-Jährige hofft auf einen vergleichbaren Schub für die deutschen Frauen: "Die Ladies haben die Aufmerksamkeit verdient. Sie arbeiten seit 18 Monaten zielgerichtet auf die WM hin."

Es wird nicht zuletzt an seiner Arbeit liegen, ob es gelingt, die Handballerinnen im eigenen Land populär zu machen - denn die Voraussetzung dafür ist einzig Erfolg. In Teamsportarten wie Hockey, Fußball oder Volleyball ist die mediale Reichweite der Frauen größer als im Handball, weil sie bei großen Turnieren regelmäßig Medaillen gewinnen. Der Ligabetrieb findet auch dort meist vor übersichtlichen Zuschauermengen statt, die Großereignisse aber lösen Interesse aus. Dass der Frauenhandball es nicht auf dieses Niveau geschafft hat, liegt vor allem an den schlechten Resultaten. Ehe Biegler im April 2016 als Bundestrainer verpflichtet wurde, gelangen den Frauen bei EM und WM zuletzt nicht mal mehr einstellige Platzierungen.

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat eine klare Meinung dazu: "Die WM ist die letzte Chance für den Frauenhandball." Bei der EM im vergangenen Jahr verpassten die Deutschen den Sprung ins Halbfinale nur wegen eines zu wenig erzielten Treffers. Das gute Abschneiden belegt eine Entwicklung des Teams unter Biegler. Diesmal ist das Erreichen der Medaillenrunde das erklärte Ziel.

"Ein Verband muss gewisse Risiken eingehen"

Das würde bedeuten, dass die beiden finalen Partien der Frauen in der ARD und dem ZDF übertragen werden, eine Einschaltquote jenseits der fünf Millionen wäre dann realistisch. Einschließlich des Viertelfinales werden die deutschen Spiele vom Spartensender Sport1 übertragen. Die Einschätzung von Hanning ist deshalb nicht ganz falsch, wenngleich die Heim-WM sportlich eher als große denn als letzte Chance anzusehen ist.

Für Hanning und den Verband ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land aber noch aus einem anderen Grund wichtig: Sie dient als Generalprobe für die Männer-WM. "Natürlich lernen wir bei der Durchführung der Frauen-WM viele Dinge, die uns dann im Januar 2019 nützlich sein sollen", sagt Mark Schober, der Generalsekretär des DHB. Ticketing, Administration, Infrastruktur - diese Bereiche können schablonenhaft von der Frauen- auf die Herren-WM übertragen werden. Weil das Turnier der Frauen in fast allen Bereichen eine Nummer kleiner ist, können auftretende Fehler oder Versäumnisse schneller und einfacher behoben werden. Es dient aus diesem Grund als idealer Testlauf.

So wirkt auch der eingeplante Verlust von etwa einer halben Million Euro wie eine gut angelegte Investition. "Eine Veranstaltung wie eine Weltmeisterschaft stellt immer ein gewisses Risiko dar", sagt Schober: "Aber ich finde, ein Verband muss solche Risiken eingehen, um sich zu entwickeln." Die Männer-WM 2019 soll für den DHB dann mit einem ordentlichen Gewinn enden. Dabei kann dann auch Silvio Heinevetter mithelfen.

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