Handball-WM Favorit mit Finalkomplex
Zum Abschluss sorgte Horst Bredemeier für einen Lacher: "Wenn alle durch sind, können wir Heiner Brand jetzt entlassen", sagte der Vizepräsident des Deutschen Handball Bundes (DHB) bei der Pressekonferenz in Berlin vor der morgen beginnenden WM. "Aber doch nicht schon vor dem Turnier", raunte ein Journalist aus dem Raum gen Rednerpult. Bundestrainer Brand nahm den Versprecher seines Vorgesetzten gelassen und schmunzelte.
Auch sonst wirkte Brand nicht so, als würde er morgen mit seinem Team das erste Spiel bei der WM im eigenen Land bestreiten müssen. Um 17.30 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft die DHB-Auswahl auf Südamerika-Meister Brasilien. "Ich sage nicht, ein Sieg mit zehn bis zwölf Toren Unterschied ist Pflicht", so der 54-Jährige. "Aber dieses Spiel ist wichtig. Wir gehören zu den Mitfavoriten, aber wir müssen diese Rolle auch mit Leben füllen", betonte Brand, der sich heute eigentlich endgültig auf seinen 16-köpfigen Kader festlegen wollte. Doch diese Entscheidung vertagte er bis zum Meldeschluss morgen um 10 Uhr.
Auf Hoffnungsträger Oleg Velyky muss Brand in der Vorrunde, in der Deutschland neben Brasilien am Sonntag auf Argentinien (17.30 Uhr) und am Montag auf Polen (17 Uhr) trifft, definitiv verzichten. Der Rückraumspieler der SG Kronau/Östringen, der noch immer an den Folgen eines Bänderrisses leidet, wird vermutlich erst zur Zwischenrunde eingreifen. Nach der Vorrunde darf jedes Team zwei Spieler nachnominieren, von dieser Möglichkeit will Brand im Falle des Spielmachers Gebrauch machen: "Oleg geht es von Tag zu Tag besser. Deshalb bin gar nicht so pessimistisch, dass er uns im späteren Turnierverlauf noch weiterhelfen kann."
Während sich Velyky seinen WM-Traum noch erfüllen kann, ist das Turnier für zwei andere Spieler des vorläufigen Kaders bereits beendet, bevor es richtig angefangen hat. Brand strich Rolf Hermann (Lübbecke) und Michael Hegemann (Lemgo) aus seinem Aufgebot. Die letzte Entscheidung fällt zwischen Michael Haaß (Kronau/Östringen) und Stefan Schröder (Hamburg).
Damit setzt Brand nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der WM 2005 in Tunesien (Platz 9) auf eine Mischung aus jung und alt. Nach dem Rücktritt der Routiniers Stefan Kretzschmar (Magdeburg), Christian Schwarzer (Lemgo) und Volker Zerbe (Interimstrainer Lemgo) liegt es jetzt am 35-jährigen Kapitän Markus Baur (Lemgo), die Mannschaft durch das Turnier zu führen.
Beste Chancen auf einen Platz in der ersten Sieben dürften neben dem gesetzten Rechtsaußen Florian Kehrmann (29 Jahre/Lemgo) auch Rückraumspieler Pascal Hens (26) und Linksaußen Torsten Jansen (30/beide HSV Hamburg) haben. Die Abwehr soll vom Magdeburger Oliver Roggisch (28), der den verletzten Frank von Behren (Flensburg) vertritt, zusammengehalten werden. Dahinter wird die Tagesform zwischen den Torhütern Henning Fritz (32/THW Kiel), Johannes Bitter (24/Magdeburg) und Oliver Lichtlein (26/Lemgo) entscheiden. Andrej Klimovets (32/Kronau/Östringen) wird wohl von Beginn an die Position am Kreis einnehmen.
"Die Gefahr des Beeindrucktseins"
Mehr Sorgen als der morgige Gegner Brasilien, gegen die die DHB-Auswahl bislang alle fünf Duelle gewinnen konnte, bereitet Brand der Druck, der auf seiner Mannschaft lastet. "Es besteht die Gefahr des Beeindrucktseins", sagt der ehemalige Nationalspieler im Hinblick auf eine ausverkaufte Max-Schmeling-Halle gegen die Südamerikaner. Doch beim krassen Außenseiter will keiner von einer möglichen Sensation sprechen: Brasiliens prominentester Spieler Bruno Souza, der überraschenderweise von Nationaltrainer Jordi Ribera nicht berücksichtigt wurde, äußert Skepsis: "Natürlich hoffe ich, dass es irgendwie eine Überraschung gibt", sagt der Rückraumspieler des HSV Hamburg, "aber das wird sehr schwer".
Schließlich zählt das deutsche Team nach Spanien, Frankreich und Kroatien zu den Titelfavoriten. Das Wort "Finale" vermeidet Brand allerdings bislang. Vielleicht auch deshalb, weil die Aufeinandertreffen der beiden besten Teams bei großen Turnieren in der Vergangenheit meist schmerzhaft für den DHB endeten. 2002 unterlag Deutschland bei der Europameisterschaft in Schweden dem Gastgeber im Finale. Nur ein Jahr später verlor das Brand-Team das WM-Endspiel in Portugal gegen Kroatien. Gegen diesen Gegner erlebten die deutschen Männer auch im Kampf um die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2004 im Finale eine Enttäuschung. Stünde nicht im selben Jahr der Europameistertitel in Slowenien mit einem Endspielsieg gegen den Ausrichter zu Buche, müsste man sich ernsthafte Sorgen machen, wenn die DHB-Auswahl das Geheimziel WM-Finale 2007 erreicht.
Den Titel trauen viele Bundesliga-Trainer Brands Mannschaft ohnehin nicht zu: Zehn von 18 Handball-Lehrer glauben, dass Frankreich am Ende den Pokal gewinnt. Laut einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) werden Titelverteidiger Spanien und Olympiasieger Kroatien die besten Chancen eingeräumt, Europameister Frankreich den Triumph streitig zu machen. Für die beiden Teams votierten jeweils acht Trainer. Nur drei glauben, dass Gastgeber Deutschland der große Coup gelingen wird. "Dazu gebe ich jetzt keinen Kommentar ab. Vielleicht sage ich nach dem Turnier etwas dazu", so Brand, dem man die Enttäuschung über das Umfrage-Ergebnis allerdings deutlich ansehen konnte.
Nur gut, dass Horst Bredemeier umgehend wieder für gute Laune bei seinem Coach sorgte. Angesprochen auf die Höhe der Siegprämie erwiderte der ehemalige Nationaltrainer (1989 bis 1992): "Alle Prämien, die der Verband bekommt, werden eins zu eins an die Mannschaft weitergegeben", sagte Bredemeier und ergänzte: "brutto natürlich". Da konnte sich selbst der ansonsten so coole Heiner Brand ein Lachen nicht verkneifen.