Handball-WM Heiner Brand muss wieder bei null anfangen
Hamburg - Die vielleicht bitterste, mit Sicherheit aber schwerwiegendste Niederlage in seiner nun schon achtjährigen Amtszeit als Bundestrainer kassierte Brand im November 2002 - und konnte gar nichts dafür. Damals gab der Handball-Weltverband IHF mit 46:44 Stimmen überraschend Tunesien gegen Mitbewerber Deutschland den Zuschlag für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2005. Aus diesem Grund muss sich Brand, 52, heute in Berlin-Tegel mit Spielern in ein Flugzeug Richtung Nordafrika setzen, die teilweise nur Handball-Fachleuten ein Begriff sind. Sie heißen Yves Grafenhorst, Oliver Roggisch, Michael Hegemann, Sebastian Preiß oder Jens Tiedtke.
Bei einer WM im eigenen Land hätte der Bundestrainer noch einmal die besten Handballer Deutschlands im Kader gehabt. "Ich gehe davon aus, dass wir mit einer ähnlichen Mannschaft wie in Athen gespielt hätten", sagt Brand im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So aber waren die Olympischen Spiele im vergangenen Sommer der letzte Höhepunkt einer großartigen Mannschaft, die nach dem Gewinn der Silbermedaille auseinanderbrach. Bis 2007, wenn die Weltmeisterschaft in Deutschland terminiert ist, konnten oder wollten Volker Zerbe, 36, Klaus-Dieter Petersen, 36, Christian Schwarzer, 35, Mark Dragunski, 34, und Stefan Kretzschmar, 31, nicht mehr warten. Sie gaben ihren Rücktritt aus dem Nationalteam bekannt, das viermal in Folge bei einem großen Turnier das Finale erreicht hatte. Besser ging es kaum. "Das war meine Vorstellung von Mannschaftssport", sagte Brand im Rückblick.
Nun aber fühlt er sich auf einen Schlag um acht Jahre zurückversetzt. "Damals habe ich quasi auch bei null angefangen", so der Bundestrainer, "allerdings in einer anderen Konstellation." 1997 sprang Brand als Ersatzmann für Arno Ehret ein, der mit der DHB-Auswahl in der WM-Qualifikation gescheitert war, heute fährt Deutschland als amtierender Europameister zu den Welttitelkämpfen nach Tunesien. Damals jedoch konnte der Neue nur gewinnen, jetzt wird Erfolgscoach Brand an den exzellenten Resultaten der jüngsten Vergangenheit gemessen.
Warum tut er sich das an? "Es ist für mich noch einmal eine Herausforderung, wieder etwas hinzukriegen", begründet der Gummersbacher seine Vertragsverlängerung bis zu den Olympischen Spielen 2008, "ich wusste ja, was auf mich zukommt, dass jetzt ein Bruch erfolgt. Das ist ein Anreiz für mich." Was ihm die Arbeit allerdings zusätzlich erheblich erschwert, sind die verletzungsbedingten WM-Absagen von Torhüter Henning Fritz, Daniel Stephan und Kapitän Markus Baur. Für den Neuaufbau standen Brand vor der WM ganze zehn Trainingseinheiten und sechs Testspiele zur Verfügung, von denen die beiden gegen EM-Finalgegner Slowenien klar verloren gingen.
Gemeinsam mit seinem neuen Assistenten Martin Heuberger, der die deutschen Junioren zum EM-Titel führte, bastelt der Bundestrainer mit der ihm eigenen stoischen Ruhe an einem neuen Team. Das große Ziel ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land. "Das schließt aber nicht aus, dass wir nicht schon bei den vorhergehenden Turnieren erfolgreich sein wollen", will der Weltmeister von 1978 seinen Schützlingen trotz aller Widrigkeiten kein Alibi fürs Verlieren liefern. "Ich werde meine Schlüsse daraus ziehen, welche Spieler dem Druck standhalten und welche nicht."
Zwangsläufig in den Mittelpunkt rücken in Tunesien die fünf, die aus dem Olympia-Kader übrig geblieben sind: der neue Kapitän Florian Kehrmann, Frank von Behren, Christian Zeitz, Pascal Hens und Torsten Jansen, außerdem der ins Team zurückgekehrte Europameister Steffen Weber. "Die wissen, wie die Dinge funktionieren. Die müssen den anderen Spielern helfen", fordert der Bundestrainer, "aber eine Hierarchie wird sich erst im Laufe der Zeit herausbilden."
Zeit wird Brand bekommen: Er ist im deutschen Handball eine unantastbare Autoritätsperson. Viel mehr aber auch nicht. "Es ist nicht ganz befriedigend, wenn ich mehrere Leute in die Nationalmannschaft nehmen muss, die in ihren Vereinen nur wenige Spielanteile haben", moniert er zum x-ten Mal die praktisch nicht vorhandene Ausländerbeschränkung in der Bundesliga, die den deutschen Talenten kaum Einsatzchancen bietet. Eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. "Ich habe schon fast resigniert", gesteht Brand.
In der Not hat sich der frühere Kreisläufer ausgerechnet wieder einen im Ausland geborenen Spieler als Hoffnungsträger gegriffen. Oleg Velyky, 27, wurde 2000 EM-Torschützenkönig. Vor knapp drei Wochen debütierte der inzwischen eingebürgerte Ukrainer von TuSEM Essen in der DHB-Auswahl und warf in den Testspielen die meisten Tore. "Ich frage die Spieler nicht nach ihrer Herkunft", so Brand pragmatisch, "Oleg ist ein überragender Handballer und hat ein sehr angenehmes Verhalten." In einer seiner ersten Amtshandlungen als Bundestrainer hatte er mit Bogdan Wenta einen polnischen Rückraumspieler ins deutsche Nationalteam integriert und damit einen Volltreffer gelandet.
Vor acht Jahren hatte außerdem Ausnahmespieler Kretzschmar den Rücktritt von seinem ersten Rücktritt erklärt und den Wiederaufschwung des Nationalteams forciert. Und die Gerüchte, dass Kretzschmar, dessen Beziehung zu Franziska van Almsick vor kurzem in die Brüche ging, bis zu den Titelkämpfen in Deutschland noch einmal zurückkommt, halten sich hartnäckig. Auch Brand hat die Hoffnung nicht aufgegeben: "Ich will nicht selbst initiativ werden. Aber Kretzsche kann mich immer anrufen. Das weiß er." Bei der WM in Tunesien wird Brand allerdings definitiv ohne den Weltklasse-Linksaußen des SC Magdeburg auskommen müssen.
Dort muss seine Mannschaft nach fünf Vorrundenspielen innerhalb von sieben Tagen gegen Ägypten, Brasilien, Katar, Norwegen und Serbien-Montenegro mindestens Platz drei belegen, um in die Hauptrunde der besten zwölf Teams einzuziehen. Die verwöhnte deutsche Handballgemeinde dürfte sich damit allerdings bei weitem nicht zufrieden geben - Neuaufbau hin oder her. "Ich habe den Eindruck, einige wollen das gar nicht hören", so Brand, der wie immer nur von Spiel zu Spiel schauen will, "aber welche Erwartungshaltung von außen kommt, ist mir ziemlich egal. Ich glaube, ich habe da ein dickes Fell." Man möchte dem Bundestrainer wünschen, dass es ähnlich dicht ist wie der Schnauzbart, dem ihm seine Schützlinge aus Anlass des EM-Gewinns 2004 erstmals nach 22 Jahren abrasierten.