Handballer Kogut Russische Schule
Handballer Kogut: Kam im Alter von drei Jahren nach Deutschland
Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty ImagesDie Stimme ist ruhig, die Worte klug gewählt, doch manchmal drohen sie in der lauten Kulisse eines Düsseldorfer Straßencafés unterzugehen. Woher rührt nur diese klare Sicht der Dinge? Vielleicht beantwortet ein Blick aufs Alter die Frage. 22 Jahre. Hilft auch nicht weiter. Andrej Kogut verwirrt, weil er so klar und distanziert wie ein Laufbahnberater über seine Karriere redet. Träumereien? Gestattet er sich öffentlich nicht. Dabei ist er womöglich der nächste große Mittelmann der Nationalmannschaft; 2009 war bereits U21-Weltmeister, in der B-Auswahl hinterließ er vor einigen Monaten bereits beste Eindrücke. "So viele Leute haben mich auf die Nationalmannschaft angesprochen, aber darüber", sagt Kogut leise, "mache ich mir keinen Kopf. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das einfach zu hoch. Und wenn es doch der Fall sein sollte, bin ich sofort da."
Der junge Mann könnte bald das A-Team bereichern, denn er brächte ein internationales Element in die deutsche Auswahl: Andrej Kogut ist gebürtiger Russe, kam zwar mit drei Jahren nach Deutschland, wurde aber von seinem Vater Boris geschult. Herausgekommen ist ein 1,84 Meter großer Spieler, der nicht nur das Geschehen auf der Platte kontrolliert, sondern auch über ein bemerkenswertes Repertoire an Schlagwürfen verfügt - russische Schule eben.
Die Fußball-Weltmeisterschaft hat das Interesse der Nation auf die vielen kulturellen Einflüsse in der Nationalmannschaft mit Kickern wie Özil, Khedira und Cacau und deren Geschichte gelenkt. Was Kogut erzählt, passt - mit kleinen Ausnahmen - sehr gut dazu. Anfang 2009 bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft, ohne dass sich der Deutsche Handballbund eingeschaltet hätte.
Wenige Monate zuvor hatte der russische Verband einmal höflich angefragt, ob sich Kogut eine Karriere in der "Sbornaja" vorstellen könne und diese bei der U20-EM beginnen wolle - für den Abiturienten war das keine ernsthafte Alternative. "Ich fühle mich eher hier als dort zu Hause", sagt er. "Und das mit dem deutschen Pass habe ich ja nicht nur für den Handball getan - das war eine persönliche Entscheidung." Bereits 2007 war Papa Boris mit Frau Tatjana und der inzwischen achtjährigen Tochter Xenia nach Moskau zurückgekehrt. Andrej blieb allein zurück.
Flucht nach Korschenbroich
Vielleicht erklärt dieser frühe Schritt in ein selbstständiges Leben, warum Kogut so kontrolliert wirkt. Und die ebenso frühen Rückschläge waren prägend: Als er 2006 gerade vom damaligen Trainer Nils Lehmann zur HSG Düsseldorf gelockt worden war, erlitt er einen Kreuzbandriss. Die Saison 2007/08 nahm für ihn als dritten Mittelmann in der zweiten Liga einen üblen Verlauf - weil er nicht gebraucht wurde, floh er für ein paar Monate. Raus aus der starken Düsseldorfer Mannschaft, rein in die schwächelnde Truppe des benachbarten Abstiegskandidaten TV Korschenbroich und die spielerische Verantwortung. "Das war eine meiner wichtigsten Entscheidungen", sagt Kogut. "Ich hätte sonst ein ganzes Jahr gesessen - und das wäre eine Katastrophe gewesen."
Im Hintergrund ist natürlich Vater Boris noch immer ein wichtiger Ratgeber, aber das gilt auch für seinen Spielerberater Stefan Bögel. Der Solinger kümmert sich nicht nur um Kogut, sondern auch um Linkshänder Kristian Nippes (DHC Rheinland) und Kreisläufer Patrick Wiencek (wechselt von Tusem Essen zum VfL Gummersbach). Keiner aus diesem Weltmeister-Trio ist ein Lautsprecher, doch Kogut ist der leiseste. Kein Klamauk, einfach gut spielen und erstaunen - in 34 Partien für die HSG Düsseldorf erzielte er 99 Tore.
Lieber Stress in Friesenheim als Kurzeinsätze bei einem Top-Club
Natürlich reichte ein 22-Jähriger nicht, um den sofortigen Abstieg des Aufsteigers zu verhindern, aber er war einer der wenigen überzeugenden Akteure in einem schwächelnden Team. "Ich bin überrascht über seine Entwicklungsschritte", sagt Martin Heuberger. Der Junioren-Bundestrainer arbeitete 2009 nur relativ kurze Zeit mit Kogut zusammen; als dieser den deutschen Pass hatte, wurde er umgehend Nationalspieler. Sieben Monate später war er Weltmeister und stand gemeinsam mit Patrick Groetzki im Allstar-Team der WM.
Nun geht es nach Friesenheim. Für die Eulen zu spielen, klingt nicht so aufregend wie bei den Zebras, Löwen oder Füchsen engagiert zu sein. "Ich habe mir eine Mannschaft ausgesucht, in der ich wirklich gebraucht werde", sagt Kogut. Das klingt vernünftig. Freundin Jenny, eine 21-jährige Düsseldorferin, wird mit ihm in den Süden ziehen. In Friesenheim hat er nur für ein Jahr unterschrieben, "denn mit 22 muss ich mich nicht großartig binden". Weil er frei sein möchte und nur auf den Sprung zu einem berühmten Verein wartet? Kogut erklärt seine Philosophie, die so erwachsen klingt: Er sei jung und müsse spielen; geht es um den Klassenverbleib, kommt Stress - und in solchen Situationen könne er wachsen; besser als dies in Diensten eines Top-Clubs mit Kurzeinsätzen der Fall wäre. Kogut sagt: "Natürlich ist es schön, mit den Großen zu trainieren - aber für mich ist es schöner, gegen sie Tore zu werfen." Und das wird er dort tun, wo sein Gefühl ihm sagt: Andrej, du wirst hier gebraucht.