Handballtrainer Beuchler Der Umkrempler des TBV Lemgo
Handballtrainer Beuchler: Zurück in Deutschland
Amedeo Cannetti muss aufpassen. Wenn er die Handballer des TBV Lemgo mit Reiseproviant versorgt, sollen die Speisen zwar weiterhin lecker sein; aber mehr als zuvor muss er auch auf gesundes Essen achten. Deshalb sind Spaghetti Carbonara nicht mehr gefragt, der schwerverdaulichen Pilze wegen. Zudem muss der Kuchen für die Auswärtsfahrten trocken sein.
Auch Cannetti, Chef der Pizzeria Vesuvio, spürt, dass sich die Zeiten in Lemgo geändert haben. Penibel spricht der neue Vereinstrainer Dirk Beuchler mit ihm ab, was der Stammitaliener für die Spieler auftischen soll. Beuchler sagt: "Es ist stressig als junger Neuling. Ich muss alles kontrollieren und schauen, wie was abläuft."
Seit Juli 2011 trainiert der 40-Jährige den TBV Lemgo. Er spielte nie in der Nationalmannschaft und war jahrelang im Ausland verschwunden. So einer wird erst einmal skeptisch beäugt, wenn er wieder in der Bundesliga auftaucht - erst recht, wenn er eine Geschichte mitbringt, die nicht hübsch aufpoliert ist.
Beuchler ist ein Kind der ebenso großen wie wilden Zeit der SG Wallau/Massenheim, in der die Tage oft spät begannen, weil die Nächte lang gewesen waren. Die Idee, dass Nachtleben, Bier und Zigaretten dem sportlichen Erfolg schaden könnten, belächelten Männer wie Martin Schwalb, Mikael Källman und Stephan Schöne damals. Sie wussten es besser, denn sie waren ja 1992 und 1993 Deutscher Meister, dazu DHB- und Europapokalsieger geworden.
"Anderen hat man die Party verziehen - mir nicht"
"Wenn man mit 21 Jahren Deutscher Meister wird und hat Leute wie Schwalb und Källman um sich, und einen Grund zum Feiern, dann geht man gern mit", sagt Beuchler: "Mit meiner Zeit in Wallau sind viele nicht klargekommen. Schwalb und Källman hat man die Partys verziehen - mir nicht. Das hat mir lange nachgehangen."
Beuchler kam schon als Jugendlicher im Wallauer Star-Ensemble an, als er im Dezember 1990 im Meisterschaftsspiel bei Tusem Essen als Ersatzkreisläufer sechs Tore erzielte. 14 Mal spielte er für die deutsche Junioren-Nationalmannschaft, aber der Sprung ins A-Team gelang ihm nie. Sein Pech war die große Konkurrenz aus den bereits etablierten Kreisläufern Klaus-Dieter Petersen und Christian Schwarzer - und sein Ruf als lebenslustiger Geselle.
Beuchler studierte in Spanien Sport- und Touristikmanagement
"Viele haben unterschätzt oder nicht verstanden, dass ich immer Top-Leistung gebracht habe", sagt Beuchler: "Ich habe als Spieler professionell gelebt. Die Titel mit Wallau, Nettelstedt und Portland kamen nicht von ungefähr."
2001 verließ er die Bundesliga, zog in die spanische Liga Asobal zu Portland San Antonio und wurde dort zum geschätzten Gastarbeiter. Das Bemerkenswerte an seiner Zeit in Spanien waren nicht allein die Erfolge wie das Finale der Champions League 2003 gegen Montpellier. Beuchler kämpfte sich auch abseits des Spielfelds durch. Er studierte Sport- und Touristikmanagement und erwarb als Trainer die spanische A-Lizenz, deren Umfang das deutsche Pendant zeitlich und inhaltlich weit übertrifft. Dass die Prüfung mündlich und schriftlich ebenfalls in spanischer Sprache abzulegen war, erhöhte den Schwierigkeitsgrad.
Über Schwerin kam Beuchler nach Lemgo, wo er nun den Kader kräftig umbaut. Für die kommende Saison verpflichtete er die U21-Weltmeister Hendrik Pekeler (20 Jahre) und Patrick Zieker (18) sowie Timm Schneider (23). Bald soll Lemgo so mit einer Mannschaft aus jungen Deutschen wieder ein Anwärter auf einen Platz im Europapokal sein. Das ist beim TBV die neue Definition von Erfolg.
Das muss man betonen, denn es gab im Lipperland lange Zeit ganz andere Maßstäbe: 2003 überrollte Lemgo als "TBV Deutschland" die Bundesliga, gewann die Deutsche Meisterschaft und stellte mit Stars wie Christian Schwarzer, Markus Baur, Volker Zerbe, Daniel Stephan und Florian Kehrmann das Gros der Nationalmannschaft. Am Versuch, sich mit teuren Spielern auch danach dauerhaft in der nationalen Spitze zu etablieren, wäre Lemgo später fast zugrunde gegangen. Mit Beuchler ist der Sinn für das Bodenständige zurückgekehrt.
Der Trainer sagt: "Ich war bereits als Spieler sehr erfolgsorientiert, und das will ich auch als Trainer sein." Deshalb verhängt er bei englischen Wochen strikte Alkoholverbote und erklärt die Speisekarte zur Chefsache. Zu seinem Programm lässt er keine Alternative. "Ich bin in Lemgo vom ersten Tag an als Dirk Beuchler aufgetreten", sagt er: "Und ich lasse mich nie verbiegen."