Helmut Digel: "Zahnpasta reicht nicht" - DER SPIEGEL
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Helmut Digel "Zahnpasta reicht nicht"

Am kommenden Mittwoch entscheidet der Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) darüber, ob Dieter Baumann und andere Doping-Überführte an den olympischen Spielen teilnehmen dürfen. Im Gremium sitzt auch DLV-Präsident Prof. Dr. Helmut Digel, 56. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Leiter des Institutes für Sportwissenschaften der Universität Tübingen.
Von Hubertus von Hörsten
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Dieter Baumann wurde kürzlich vom DLV-Rechtsausschuss frei gesprochen. Hand auf’s Herz, Herr Digel, ist es ein Erfolg oder eine Niederlage für den Sport?

Digel: Um es klar zu sagen: Es gibt keine Sonderbehandlung und es wird auch keine Sonderbehandlung für Dieter Baumann geben. Deshalb habe ich selbst mit meinem Antrag auf Regeländerung erreicht, dass auch der Fall Baumann von der IAAF zu überprüfen ist. Einen Tag nach bekannt werden der positiven Probe habe ich in einem Offenen Brief darauf hingewiesen, dass Dieter Baumann genauso zu behandeln ist wie alle übrigen Athleten des DLV. Genau dies ist in den vergangenen sieben Monaten der Fall gewesen: Dieter Baumann wurde von der Anti-Doping-Kommission suspendiert, vom Präsidium wurde dies bestätigt, und wie in anderen Fällen wurde dann in einem Einzelverfahren vom Rechtsausschuss die Frage von Schuld und Unschuld erörtert. Es ist gewiss keine Niederlage für den Sport, wenn in einem ordentlichen Verbandsgerichtsverfahren zugunsten eines Athleten entschieden wird. Wer eine andere Auffassung öffentlich vertritt, der hat ganz offensichtlich nicht die Prinzipien eines Rechtsstaates verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt keine Beweise, außer zwei positiven Urinproben mit zehnfach überschrittenem Nandrolonwert. Und einen Dieter Baumann der seit einem dreiviertel Jahr mit Beteuerungen und Verschwörungstheorien gegen seine Sperrung kämpft.

Digel: Das Urteil ist auf der Homepage des DLV  nachzulesen: Jeder kann sich also sein eigenes Urteil über dieses Urteil bilden. Es ist allerdings falsch, wenn sie davon ausgehen, dass die Verschwörungstheorien allein von Dieter Baumann stammen. Es war vielmehr der IOC-Labordirektor, Professor Wilhelm Schenzer, der die Möglichkeit einer Verschwörung mit seinen Untersuchungen eröffnete. Allein deshalb ist der Fall Dieter Baumann nicht nur ein bloßer Doping-Fall, es geht dabei ohne Zweifel um ein Verbrechen, das entweder gegenüber Dieter Baumann begangen wurde oder gegenüber der deutschen Leichtathletk.

SPIEGEL ONLINE: Das Baumann-Urteil hat nun auch einen Expertenstreit los getreten: Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat das synthetische Hormon Nandrolon als „unbedenklich" eingestuft, wenn es oral eingenommen wird. Wie gefährlich ist Nandrolon?

Digel: Bislang gibt es eindeutige Aussagen, warum Nandrolon auf der Dopingliste ist. Ich kenne keine Befunde, die diese Aussagen in Frage stellen. Manche wissenschaftliche Diskussion hat sich in den vergangenen Monaten als eine pseudowissenschaftliche erwiesen, zumindest wurden Prinzipien und Gütemaßstäbe, wie sie für empirische Forschung gelten müssen, oft nur teilweise oder auch gar nicht berücksichtigt.

SPIEGEL ONLINE: In Italien ist Doping unlängst zur Staatssache erklärt worden: Wer gedopt ist oder wer anderen unerlaubte Mittel verabreicht soll für bis zu sechs Jahre hinter Gitter.

Digel: Wer gegen Doping kämpft, muss sich durch Konsequenz und Glaubwürdigkeit auszeichnen. Dabei gibt es nicht nur einen erfolgreichen deutschen Weg. Es ist vielmehr dringend notwendig, dass man bereit ist, von anderen zu lernen, um so ständig das Doping-Kontroll-System, die Sanktionen, vor allem aber die Aufklärung und Abschreckung zu optimieren. Ein Anti-Doping-Gesetz kann dabei durchaus eine notwendige Konsequenz sein. Soviel ist heute sicher, dass das Arzneimittelgesetz nicht jene Wirkungen erzielt, die man sich von ihm erwartet hatte. Es besteht in Deutschland hinreichender Anfangsverdacht auf Dopingbetrug, doch nirgendwo ist zu erkennen, dass dazu Staatsanwaltschaften ermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich nun des Dopings überführte Sportler auf den Fall Baumann berufen?

Digel: Diese Möglichkeit besteht, doch hat dies keineswegs zur Folge, dass nunmehr nur noch Freisprüche zu erwarten sind. Jeder Doping-Fall, jede positive Probe ist im Einzelfall zu überprüfen und muss von einem unabhängigen Verbandsgericht entschieden werden. Es ist lächerlich, zu glauben, dass lediglich eine Zahnpasta mitzubringen ist, um einen Freispruch zu bekommen. Wer das meint, handelt verantwortungslos und hat offensichtlich nicht begriffen, um was es in dem Kampf gegen Doping geht. Die neuesten Nandrolon-Fälle in England, Doug Walker und Mark Richardson, sind jedenfalls ebenso wenig mit dem Fall Baumann zu vergleichen, wie auch der oft genannte Fall Uta Pippig. Sie sind alle als Einzelfälle zu überprüfen und bei jeder Überprüfung muss die Frage nach der Schuld oder Unschuld gestellt werden. Gäbe es nur Schuldsprüche, so könnte man sich die entsprechenden Rechtsverfahren sparen.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Ergebnissen rechnen Sie am Mittwoch in Monte Carlo?

Digel: In der Sondersitzung des IAAF-Council werden mehrere Fälle zu verhandeln sein, die sich jeweils durch eine spezifische Problematik auszeichnen. Der Fall Merlin Ottey ist letztendlich entschieden. Meines Erachtens kann in dieser Angelegenheit, trotz der diskutierten Fehler, dieses Urteil nur noch akzeptiert werden. In den Fällen, in denen es um die Frage nach Nahrungsergänzungsmitteln geht, in denen die entsprechenden Substanzen nicht hinreichend deklariert sind, muss die Frage nach der Schuld erörtert werden. Im niederländischen Fall Troy Douglas ist eine spezielle Problematik durch die Entscheidung eines nationalen Gerichts entstanden. Gleiches gilt für Doug Walker. Der Fall Dieter Baumann ist hinlänglich bekannt und zeichnet sich durch eine eigenständige Qualität aus. Ich gehe aber sicher davon aus, dass die IAAF vor der Olympiade den Fall klärt. Allerdings wird es schwierig sein, in all diesen Fällen tragfähige Entscheidungen zu finden. Doch wird es für die IAAF keine Alternative zu dem eingeschlagenen Weg im Kampf gegen Doping geben.