Hockey-Halbfinalist Spanien: Der deutsche Angstgegner - DER SPIEGEL
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Hockey-Halbfinalist Spanien Der deutsche Angstgegner

Für Deutschland geht es am Abend um den Einzug ins Finale der Hockey-WM - ausgerechnet gegen Spanien. Mit den Iberern verbindet das DHB-Team nur schlechte Erinnerungen, zuletzt verlor die Mannschaft im Halbfinale der EM. Deshalb wurde extra ein Wort auf den Index gesetzt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An das letzte Halbfinale gegen Spanien erinnert sich Matthias Witthaus nicht gern. Vor einem Jahr trafen beide Teams in der Vorschlussrunde der EM in Leipzig aufeinander. Deutschland lag schnell 0:2 zurück, Christopher Zeller per Ecke und Sturmpartner Witthaus selbst mit einem Stecher glichen in der dramatischen Partie aus. Als die Verlängerung nahte, tricksten die Spanier bei ihrer letzten Strafecke Sekunden vor Schluss, Pol Amat donnerte die Kugel ins Tor, zerschnitt mit seinem Schlenzer die deutschen Titelträume und untermauerte damit den Ruf der Spanier als Angstgegner der Deutschen.

Spanische Nationalspieler Amat (l.), Freixa: Sehr gern gegen Deutschland

Spanische Nationalspieler Amat (l.), Freixa: Sehr gern gegen Deutschland

Foto: DPA

Ob es nun ein Triumph der Verdrängungspsychologie ist oder einfach nur demonstratives Selbstbewusstsein, das Unwort "Angstgegner" mitsamt seinen negativen Einflüssen ist vor dem nächsten Halbfinale im Kreis der deutschen Mannschaft tabu. "Wir haben früher mehr Respekt gehabt", sagt Witthaus, "wenn es drauf ankam, haben wir eigentlich zuletzt immer gewonnen, ob nun bei Olympia 2004 oder im EM-Finale 2003. Deshalb kann man sicherlich nicht von einem Angstgegner sprechen."

"Es wird eine ganz enge Kiste"

Dabei klammerte Witthaus nicht nur die Niederlage bei der EM vor einem Jahr aus, sondern auch die letzten beiden Aufeinandertreffen der Teams bei einer Weltmeisterschaft. Vor vier Jahren in Malaysia wurde Deutschland zwar erstmals Weltmeister, kassierte aber im Gruppenspiel gegen Spanien die einzige Niederlage des Turniers. Bei der WM 1998 kam es noch dicker: Deutschland hatte Gastgeber Niederlande in der Gruppenphase 5:1 deklassiert und startete als Favorit ins Halbfinale, nach 70 Minuten blinkte auf der Anzeigetafel ein 3:0 für die Spanier auf. Dennoch will auch Philipp Zeller nichts von einem Angstgegner hören: "Es wird eine ganz enge Kiste, wie zuletzt eigentlich immer, aber wir können sie schlagen."

Auf spanischer Seite sieht man das ein wenig anders, und ausgerechnet der letzte Niederländer mit Titelchancen könnte den Deutschen den Weg ins Finale versperren. Maurits Hendriks gewann mit seinem Heimatland bei Olympia 2000 die Goldmedaille, trainiert seit vier Jahren die Spanier und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er auf den nächsten Gegner angesprochen wird. "Mir ist es eigentlich egal, gegen wen wir antreten", sagt er, "aber ich weiß, dass es meine Jungs lieben, gegen Deutschland zu spielen und vor allem gegen Deutschland zu gewinnen."

Seitdem Hendriks das Kommando bei den Spaniern übernommen hat, tummelt sich das Team in der Weltspitze. "Mein Kollege hat hervorragende Arbeit geleistet", sagt der deutsche Bundestrainer Bernhard Peters. Das Pressing-System der Spanier gilt als bestes der Welt, ihre Konterstärke ist gefürchtet, vor allem zeichnet das Team in den Tagen von Mönchengladbach eine Eigenschaft aus, mit dem auch die deutsche Mannschaft den Gruppensieg errang: Es ist immer in der Lage, in den entscheidenden Phasen das Tempo anzuziehen und Tore zu machen.

Zucker für den Torjäger

Wie Tore erzielt werden, das weiß vor allem das Stürmertrio Pol Amat, Eduard Tubau und Santiago Freixa. Das Duell zwischen Freixa auf der einen und Christopher Zeller auf der anderen Seite könnte das entscheidende der Begegnung werden. Beide sind jung, unbekümmert und trotzdem vor dem Tor extrem abgebrüht. Freixa scheint sich mit drei Toren im abschließenden Gruppenspiel rechtzeitig für die Partie gegen Deutschland warm geschossen zu haben. "Ich weiß, dass es ihm eigentlich egal ist, wer die Tore macht", sagt sein Trainer, "aber ein paar Treffer sind natürlich der Zucker für einen Torjäger."

An eine deshalb besonders süße Zeit erinnert sich Matthias Witthaus deshalb gern zurück. In der Vorbereitung auf Olympia 2004 spielte er eine Saison in Spanien, neben ihm im Sturm agierte Freixa. "Das Jahr mit ihm war unglaublich", sagt Witthaus, "wir haben 65 Tore in 22 Spielen gemacht." Sein ehemaliger Vereinskamerad sei ein Spieler, der mit seiner Willensstärke "unheimlich viel bewege" und außerdem zu der immer seltener werdenden Spezies von Angreifern gehöre, die viele Feldtore erziele. "Leider ist es ja so, dass immer mehr Treffer durch kurze Ecken erzielt werden, so bitter das auch ist", sagt Witthaus.

Ausgerechnet die Spanier weisen bislang bei den Strafecken im Turnier eine schwache Quote aus, dazu haben die Deutschen noch keinen Gegentreffer aus dieser Standardsituation kassiert. Sollten also die Deutschen doch leicht favorisiert in die Partie gehen? Beide Trainer versuchen, vor der Partie die richtige Mischung aus Respekt und Selbstbewusstsein zu finden, um nicht in Übermut oder Angst abzukippen. "Spanien hat eine starke Mannschaft", sagt Peters, "aber wir können sie schlagen" Hendriks outet sich gar als "Fan der deutschen Mannschaft". Sie habe "viele großartige Spieler".

Respekt vor dem Gegner ist gut und schön, aber die beiden Trainer wissen auch: Wer heute Abend zuviel davon zeigt, hat nach der Partie einen neuen Angstgegner.