Houston Rockets Bissige Underdogs
Rockets-Guard Brooks: Furchtlos zum Korb
Foto: David J. Phillip/ APFlucht - anders lässt sich nicht beschreiben, was die Zuschauer an diesem trüben Novemberabend aus der Arena in Salt Lake City trieb. Utah-Jazz-Coach Jerry Sloan wäre wohl am liebsten mitgetürmt. Denn was die Houston Rockets hier mit seinem Team veranstalteten, muss den 67-Jährigen, Freund harter Worte und ebensolcher Verteidigung, schwer erschüttert haben.
Immer wieder zogen die Rockets-Spieler durch die Jazz-Defensive, feierten Dunks und Korbleger im Minutentakt. Noch bevor das Ergebnis - eine 96:113-Heimniederlage - feststand, hatte ein guter Teil der Jazz-Fans das Weite gesucht.
Gute Laune herrschte dagegen auf der Gäste-Bank. "Die Gruppe, die im vierten Viertel auf dem Platz stand, hat den Unterschied gemacht. Das war phantastisch", freute sich Rockets-Trainer Rick Adelman nach der Partie.
Spektakulärer als das Resultat war jedoch das Personal, das Adelman während der spielentscheidenden Phase aufs Parkett schickte: Die Forwards Shane Battier und Luis Scola zusammen mit Aufbauspieler Kyle Lowry und den Rookies David Andersen und Chase Budinger - eine Fünf, die auf den ersten Blick gerade einmal reichen sollte, um den Startern eine kurze Atempause zu gönnen.
Stattdessen fasste das Quintett in knapp sechs Minuten zusammen, was die Rockets während ihres überraschend soliden Saisonstarts ausmacht: selbstloses Spiel, Kampf und vor allem Tempo.
Wir blicken exakt ein Jahr zurück: Im vierten Spiel der Saison 2008/09 unterlagen die Rockets den Boston Celtics vor eigenem Publikum, aus der damaligen Startformation stand gegen Utah nur noch Scola im Kader. Es fehlten: Point Guard Rafer Alston - über Orlando mittlerweile nach New Jersey verschifft; Forward Ron Artest - als Free Agent zu den Lakers gewechselt; Forward Tracy McGrady - nach schwerer Knieoperation immer noch auf der Verletztenliste; Center Yao Ming - mit einem Fußbruch die gesamte Saison außer Gefecht, Karrierefortsetzung ungewiss. Damit standen vier der fünf besten Punktesammler der abgelaufenen Spielzeit nicht zur Verfügung.
39,5 Millionen Dollar auf Eis
Vor allem die lange Zwangspause des Duos McGrady/Ming bestimmt den Charakter der Rockets 2009/10. 14 All-Star-Nominierungen, zwei NBA-Scoring-Titel (McGrady 2003 und 2004) und mehr als die Hälfte des Mannschaftsetats teilen diese beiden untereinander auf. 39,5 Millionen Dollar verdienen sie zusammen, McGrady führt die Liga mit einem Jahresgehalt von 23,2 Millionen an.
Mit Blick auf die Personalsituation verlor dann auch Teambesitzer Leslie Alexander, anders als noch in den vergangenen Jahren, vor der Saison kein Wort über mögliche Titelchancen seines Clubs. Der Prozess des graduellen Neuaufbaus schien eingeläutet.
Trotzreaktion gegen die Lakers
Statt jedoch in den Niederungen der Tabelle mühsam eine neue Identität für sein Team herauszuarbeiten, ist es Adelman gelungen, die "Wir gegen den Rest der Welt"-Mentalität der Conference-Halbfinalserie im Mai bis November zu konservieren. Damals lieferten seine Rockets den scheinbar übermächtigen Los Angeles Lakers einen harten Kampf und schieden erst nach sieben Spielen aus.
Dabei provozierte besonders der Fußbruch von Center Ming eine Trotzreaktion im Kader, zwei Spiele gewannen die Mannschaft auch ohne nominellen Superstar. Die Trumpfkarten im Duell mit Goliath: Herz, Hingabe, heiße Händchen - genau wie aktuell im Spätherbst/Winter 2009. Nicht zuletzt betonte General Manager Daryl Morey gegenüber ESPN, bei Neuverpflichtungen neben den Fähigkeiten mit dem Ball auch immer stärker auf "Soft-Skills" wie Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Einsatzwille zu achten.
Mit Kampfeslust und Euphorie sind Siege gegen die Lakers (im Staples Center), Portland und Utah jedoch kaum zu erklären. Ein genauerer Blick auf die Statistiken erlaubt Rückschlüsse auf die Taktik des Adelman'schen Coaching-Teams. Bei den Assists sichert sich das Team Platz sechs mit 22,8 Vorlagen pro Partie (Ligaschnitt 20,7), ebenso bei den erzielten Punkten (103,7).
Würfe nur aus nächster Nähe oder von ganz weit draußen
Bemerkenswert gerät die Auswahl der Schüsse, sortiert nach Position auf dem Feld. Rang vier belegen die Rockets bei den Wurfversuchen in unmittelbarer Korbnähe. Mit zunehmender Distanz jedoch sinkt die Anzahl der genommenen Würfe rapide, von der Mitteldistanz bis unmittelbar zur Dreipunktelinie riskieren nur die Orlando Magic weniger Schüsse. Hinter der Dreierlinie blinkt dann wieder das grüne Licht für die Rockets-Profis, sie gönnen sich die viertmeisten Versuche von jenseits der 7,24 Meter.
Bei allem Erfolgspotential birgt eine solche Strategie auch einige Risiken. "Wir werden viele Dreier treffen und an manchen Abenden gut aussehen. An anderen werden die Würfe nicht fallen, und wir werden einen schlechten Eindruck machen. Auf lange Sicht haben wir aber genug Talent, um mit diesem System erfolgreich zu sein", weiß etwa Shane Battier, einer der Schützen im Team, um die Gefahren dieser Spielausrichtung.
Riskante Distanz-Strategie
Als gegen die Dallas Mavericks Ende November gerade einmal ein Viertel der Dreier das Ziel fand, war dies einer der entscheidenden Faktoren bei der 99:130-Heimniederlage. Ein 26:0-Lauf der Mavericks im zweiten Viertel offenbarte dazu erhebliche Defizite in der zuvor so gelobten Team-Defensive der Rockets. "Manchmal braucht es einen Faustschlag, um aufzuwachen. Ich hoffe, das war heute der Fall", sagte Adelman nach dem Spiel.
Während seines überraschend guten Saisonstars profitierte das Team auch von der Weiterentwicklung seines Aufbauspielers Aaron Brooks. 5,7 Assists verteilt der 1,83-Meter-Mann pro Partie, fast doppelt so viele wie 2008/09.
Er hilft, das Tempo hoch zu halten, im Konzept der Rockets essentiell: "Wir müssen schnell spielen. Wir können es uns nicht leisten, ein Halbfeldspiel zuzulassen. Dafür sind wir schlicht nicht groß genug", erklärte Small Forward Battier nach der Utah-Partie. "Das ist unser Mittel gegen zu körperliches Spiel. Wenn wir uns in der Zone mit denen anlegen, haben wir kaum eine Chance. Sie sind einfach größer als wir."
Wie lange hält der Lauf der Rockets?
Tatsächlich liegt die erste Fünf mit einer Durchschnittsgröße von gerade einmal 1,98 Meter deutlich unter dem Ligamittel. Wandert Chuck Hayes mit seinen nur 198 Zentimetern auf die Centerposition, sind Nachteile beinahe garantiert. Aus der Not wird somit eine Tugend, und das tempointensive, passfreudige Spiel brachte gegen die Jazz nicht weniger als acht Rockets mit zweistelliger Punkteausbeute auf den Spielberichtsbogen.
Als letzter Faktor komplettiert schließlich eine kompetente Ersatzbank das Arsenal der Rockets. Mit Forward Landry (15,7 Punkte im Schnitt) steht ein früher Kandidat für den Titel des besten Sechsten Mannes im Kader, dazu bringen Budinger (8,1), Lowry (7,8) und Andersen (5,9) konstant gute Leistungen. Gegen die Mavericks setzte es am 10. November zwar eine 103:121-Niederlage, an den Ersatzspielern lag es jedoch kaum: 57 Punkte steuerten Landry und Co. bei, nur 46 kamen von den Startern.
Dass der starke Saisonauftakt jedoch wenig mehr ist als ebendies, nämlich nur ein Anfang, dürfte klar sein. Bei aller Begeisterung, auch mit Blick auf die harten Gegner des ersten Monats: Es ist eine Sache, im November frisch und ausgeruht gute Leistungen zu bringen.
Besteht die Siegesserie den Alltags-Test?
Es ist jedoch eine völlig andere Sache, diese Euphorie auch über die "Hundstage" im Januar zu bewahren, wenn schwächelnde Rookies, Verletzungssorgen und zermürbende Auswärtstrips hinzukommen. Ex-Laker Trevor Ariza bemüht sich zwar, die Rolle des Mannes für die entscheidenden Minuten auszufüllen, scheint dieser Aufgabe aber nicht immer gewachsen. Mitte Dezember wagte dazu Tracy McGrady ein Comeback, bekommt aber vorerst nur wenige Minuten von Coach Adelman. Kommt der designierte Top-Scorer jedoch besser in Form, könnte seine Anwesenheit die Teamchemie negativ beeinflussen.
Skeptiker prophezeien schon jetzt den drohenden Einbruch - bisher jedoch straft sie die Mannschaft Lügen. Mit einer Bilanz von aktuell 16 Siegen bei elf Niederlagen halten sich die Rockets im Playoff-Rennen im Westen. Sollten sie diesen verteidigen und ihren vorbildlichen Mannschaftsgeist in der Schlussrunde noch potentieren - ihr erster Gegner sollte sich warm anziehen.