HSV-Triumph gegen Kiel: Kompromisslose Helden - DER SPIEGEL
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HSV-Triumph gegen Kiel Kompromisslose Helden

Erleichterung im großen Stil: Zum ersten Mal seit sieben Jahren haben die Handballer des HSV den Rekordmeister aus Kiel in eigener Halle bezwungen. Doch gewonnen ist noch lange nichts - auch wenn die Ekstase nach dem Schlusspfiff dies vermuten lassen könnte.
Von Frieder Schilling
HSV-Profi Kraus: Gebissen wie der Teufel
HSV-Profi Kraus: Gebissen wie der Teufel

HSV-Profi Kraus: Gebissen wie der Teufel

Foto: dapd
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Marcin Lijewski erlebte einen dieser Momente, von dem viele Menschen träumen. Egal ob Freizeitsportler, ambitionierter Amateur oder gar Profi. Es ist der Traum eines jeden: Die entscheidende Aktion wenige Sekunden vor Schluss. Der Geniestreich, der den Sieg bringt und das Publikum ausrasten lässt. Handballprofi Lijewski war ein solch seltener Augenblick vergönnt. 13 Sekunden vor Ende der Partie gegen den THW Kiel erzielte der Linkshänder den 26:25-Siegtreffer im Spiel der bislang punktgleichen Bundesliga-Topteams. Was denkt man in solch einem Glücksmoment, während um einen herum 13.000 Zuschauer fast durchdrehen? "Nur schnell zurück in die Abwehr", so der polnische Nationalspieler.

Doch dort kam der 33-Jährige nicht mehr an. "Den letzten Wurf der Kieler habe ich gar nicht mehr gesehen", sagte er. "Da habe ich schon mit meinem Bruder gefeiert." Dieser, Krzysztof, hatte verletzungsbedingt nicht mitwirken können, den Wahnsinn nach dem Schlusssirene aber ließ er sich nicht entgehen. Es gab keinen HSV-Akteur, der nicht jubelnd über das Feld hüpfte. Matthias Flohr sprintete an der Seitenlinie entlang, wie einst Torhüter Henning Fritz nach dem Sieg im WM-Halbfinale 2007 gegen Frankreich. Trainer Martin Schwalb vollführte Freudensprünge, Spieler fielen sich um den Hals und gemeinsam auf den Hallenboden.

Es war geschafft. Der erste Heimsieg des HSV gegen den großen Rivalen aus Kiel seit 2003 - und gleichzeitig der Sprung an die Tabellenspitze. Er wolle nicht von Trauma sprechen, sagte Rechtsaußen Stefan Schröder später, "aber wenn man sieben Jahre auf einen Heimsieg warten muss, fällt einem schon ein Stein vom Herzen". Seine Mannschaft habe an diesem Abend eine "Kompromisslosigkeit" gezeigt, die im vergangen Jahr fehlte, so Schröder. "Wir haben unser Ding konsequent weitergespielt, in der zweiten Halbzeit wenig technische Fehler gemacht und die der Kieler eiskalt ausgenutzt."

"Ihr seid Helden"

Minutenlang feierten die Sieger mit dem begeisterten Publikum. Tausende Schilder mit der Aufschrift "Ihr seid Helden" wurden von den Hamburger Anhängern in die Luft gestreckt.

Dabei hatte Kiel lange Zeit cooler und abgeklärter gewirkt, lag meist in Führung, zu Beginn der zweiten Halbzeit gar mit vier Toren (17:13). "Dementsprechend war die Stimmung in der Kabine", sagte Trainer Schwalb. Doch das Team habe sich geschworen, "das Herz in beide Hände zu nehmen". Der ebenfalls verletzte Pascal Hens sagte, man habe in den zweiten 30 Minuten "gebissen wie die Teufel".

THW-Coach Alfred Gislason zeigte sich "trotz der Niederlage stolz auf meine Mannschaft". Sie sei an "Kleinigkeiten gescheitert". Der Blick auf den Statistikbogen offenbarte die entscheidende Kleinigkeit: die schwache Siebemeterquote der Kieler: Nur vier von acht Versuchen waren erfolgreich. HSV-Keeper Bitter, der das Publikum immer wieder zu mehr Unterstützung aufforderte, konnte drei Strafwürfe von Momir Ilic parieren, Filip Jicha setze gar einen neben den Kasten.

Glückwunsch an die "Mannschaft der Stunde"

Der Tscheche war trotz dieses Missgeschicks mit letztlich sieben Treffern der stärkste Akteur der Kieler. Wie so oft. Jicha ist ein Handballer mit einem beeindruckenden Repertoire. Der Rechtshänder besitzt eine ungeheure Athletik, stürzt sich immer wieder in die Abwehr, steht fast die gesamten 60 Minuten auf der Platte. Er kann auf Halblinks und der Mitte gleichermaßen spielen, hat das Auge für den Kreis, trifft oft die richtige Entscheidung, und wenn es keine spielerische Lösung gibt, hämmert er den Ball eben aus zwölf Metern unter die Latte.

Eine Vorentscheidung im Kampf um den Titel sei der Sieg gegen den THW aber natürlich noch nicht, sagten HSV-Spieler und Funktionäre unisono. Man müsse unbedingt auf dem Boden bleiben. Siegtorschütze Lijewski war mit der Feststellung, dies sei ein "Vier-Punkte-Spiel" gewesen, noch am forschesten. Und auch die erstaunlich gefasst wirkenden Kieler betonten allesamt, die Saison sei ja noch lang, erst zwölf der 34 Spieltage absolviert.

THW-Manager Uli Derad schickte immerhin einen kleinen Glückwunsch Richtung HSV. Dieser sei nach dem Ergebnis vom Dienstag die "Mannschaft der Stunde".

Auch er weiß, bislang stand am Ende des Zweikampfs noch immer der THW ganz oben.

Bislang.

HSV Handball - THW Kiel 26:25 (12:16)
Torschützen HSV:
Lackovic 6, M. Lijewski 6, Kraus 4/3, Vori 3, Jansen 2, Lindberg 2, Schröder 2, B. Gille 1
Torschützen THW: Ilic 7/3, Jicha 7/1, Ahlm 5, Klein 2, Palmarsson 2, Dragicevic 1, Sprenger 1
Zuschauer: 13.296 (ausverkauft)
Strafminuten: 2 / 6

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