Ingo Schultz: "Ballermann" über 400 Meter - DER SPIEGEL
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Ingo Schultz "Ballermann" über 400 Meter

Er ist die deutsche Entdeckung der Leichtathletik-WM: Ingo Schultz, Student der Bundeswehr-Universität Hamburg stürmte in Edmonton überraschend ins Finale über 400 Meter.
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Edmonton - Ingo Schultz fiel seinem Trainer um den Hals und stieß atemlos hervor: "Das war ein Killer-Ding." Mit 44,66 Sekunden hatte sich der 26-Jährige gerade auf den dritten Platz der "ewigen deutschen Bestenliste" über 400 Meter katapuliert und damit als erster Deutscher seit 14 Jahren wieder ein WM-Finale über die Stadionrunde erreicht. In der Nacht zum Dienstag (2.30 Uhr MEZ) findet der Endlauf statt.

Doch woher kommt der Junge überhaupt, und was ist das Geheimnis des neuen Stern am Himmel der deutschen Leichtathletik? "Ich taktiere nicht, sondern schalte den Kopf vor dem Start einfach aus. Dann heißt es raus aus den Blöcken und Vollgas geben", erklärt Schultz seine mentale Stärke, die ihm im Kreis der Nationalmannschaft das Attribut "No brain, no pain" eingebracht hat. Mit einer Länge von 2,01 Meter bringt der für die LG Olympia Dortmund startende Hanseate optimale körperliche Voraussetzungen mit.

Ziel erreicht


"Man träumt ja schon von guten Zeiten, aber dass es so hoch hinaus geht, hatte ich nicht gedacht", staunte Schultz über sich selbst. Nur Europarekordler Thomas Schönlebe bei seinem WM-Sieg 1987 in Rom mit 44,33 Sekunden und Erwin Skamrahl (44,50) waren unter Deutschlands besten 400-Meter-Läufern je schneller als der deutsche Vizemeister. "Als ich die 44 vor dem Komma sah, war mein Ziel für dieses Jahr erreicht. Jetzt will ich eine Medaille", gab sich Schultz euphorisch nach dem Halbfinalsieg von Edmonton. Bereits bei seinem Vorlaufsieg ("Ich bin halt voll angeballert und habe dann durchgehalten") hatte der neue deutsche 400-Meter-Star seine persönliche Bestzeit um 16 Hundertstel auf 45,11 Sekunden verbessert.

"Ingo läuft so schnell, wie man mit dem Laufstil gar nicht laufen kann", sagt Trainer Jürgen Krempin. Der Lehrbeauftragte der Bundeswehr-Uni Hamburg bescheinigt seinem Schützling, der wegen eines Infekts nur Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften wurde, sogar noch beträchtliche Reserven: "In der Koordination und im Ausdauerbereich lässt sich noch viel verbessern. Schließlich ist Ingo erst seit gut drei Jahren dabei."

400-Meter-Debüt in Turnschuhen


Die Karriere-Anfänge taugen zur Legende. Den ersten Leichtathletik-Wettkampf bestritt Schultz 1997 über die mehr als hundertfachefache Distanz seiner heutigen Spezialstrecke: In 3:37 schaffte der damals 21-Jährige die 42,195-Kilometer-Distanz beim Hamburg-Marathon, auf den er sich im Rahmen des Bundeswehr-Sports vorbereitet hatte. Danach probierte er es in der Uni-Arbeitsgemeinschaft von Jürgen Krempin mit Kugelstoßen. Kurz darauf beim Schnuppertraining von der TSG Bergedorf rannte Schultz in Turnschuhen die Stadionrunde schneller als ein Dutzend gelernter 400-Meter-Läufer in Spikes. Das Talent des Spätstarters war entdeckt.

Skepsis herrschte bei Trainer und Athlet vor dem Finale. "Er läuft erstmals in drei Tagen drei Rennen, da weiß man nicht, wie er das verkraftet", so Krempin. Doch egal wie das Finale ausgeht, der "Spätzünder" hat ein lange vermisstes Erfolgskapitel auf der einstigen "deutschen Strecke" geschrieben und große Viertelmeiler wie Rudolf Harbig, Carl Kaufmann, Harald Schmid oder Hartmut Weber ein Stück weiter in den Hintergrund gedrängt.