Interview: "Der Bundestrainer hat ein Kommunikationsproblem" - DER SPIEGEL
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Interview "Der Bundestrainer hat ein Kommunikationsproblem"

Der Club an der Alster ist am Wochenende Favorit in der Herren-Endrunde um die Deutsche Hockey-Meisterschaft in Mainz. Mit SPIEGEL ONLINE spricht Erfolgscoach Joachim Mahn über Hamburgs Vormachtstellung in Hockey-Deutschland und die Defizite von Nationaltrainer Paul Lissek.
Von Till Schwertfeger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Sie haben innerhalb von drei Jahren aus einem Abstiegskandidaten das beste Team Europas geformt. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?


Joachim Mahn: Ich habe früher auch mal ganz gut Hockey gespielt und weiß, dass man nur durch kolossalen Einsatz Erfolg haben kann. Der Wille ist entscheidender als das, was man kann. Wir haben es häufiger geschafft, bei wichtigen Ereignissen über uns hinauszuwachsen.


SPIEGEL ONLINE: Liegt es daran, dass Sie mit Ihrem Team im wahrsten Sinne des Wortes schon einmal einen Gipfel erklommen haben?


Mahn: Wir haben tatsächlich einmal gemeinsam die Benediktenwand bei Lengries erklommen. Es war enorm wichtig, außerhalb des Hockey etwas gemeinsam zu unternehmen. Das Bergsteigen hat natürlich auch einen symbolischen Touch. Jeder Einzelne musste sich überwinden. Wenn man gemeinsam eine nicht gerade unkribblige Situation überwunden hat und danach oben auf dem Berg sitzt und ein paar Bierchen trinkt, dann hat man eine ganze Menge für den Teamgeist erreicht.


SPIEGEL ONLINE: Obwohl Alster das deutsche Double und den Europapokal der Landesmeister gewonnen hat, nominierte Bundestrainer Paul Lissek keinen Ihrer Spieler für Olympia. Wie ist das zu erklären?


Mahn: Jeder Einzelne aus unserer Truppe hat seine eigene Geschichte mit Lissek. Der will nur Spieler haben, die immer genau das machen, was er will. Angepasste Spieler also. In meinen Augen ist deshalb nicht die beste Mannschaft nach Sydney gefahren. Ein oder zwei erfahrene Spieler von uns hätten dem Nationalteam ganz gut getan. Ich denke da nur an Jape Tewes...


SPIEGEL ONLINE: Hat es vielleicht mit Ihrem persönlichen Verhältnis zu tun? Der Trainer Lissek hat den Spieler Mahn damals aus der U21 geworfen...


Mahn: Nein. Das war vollkommen korrekt. Ich war ein Chaot. Daran liegt es nicht. Was Lissek aber anzukreiden ist: Er hat ein unheimliches Kommunikationsproblem. Er ist nicht in der Lage, sich mit den Bundesligatrainern zusammenzuhocken und Hand in Hand zu arbeiten. Der macht sein eigenes Ding. Und dann hämmert er auf der angeblich miserablen Arbeit, die wir leisten, herum. Das kann es nicht sein.


SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Herren belegten bei Olympia Platz fünf. Wo wäre der Club an der Alster in Sydney gelandet?


Mahn: In der Form vom Europacup wären wir mindestens Fünfter geworden. Aber mindestens, mit Verlaub gesagt.


SPIEGEL ONLINE: Obwohl die Vorbereitung auf Sydney so intensiv wie noch nie war, haben weder die Damen noch die Herren eine Medaille geholt. Wie konnte das passieren?


Mahn: Manchmal ist weniger mehr. Bei den Damen scheint die Stimmung ganz komisch gewesen zu sein, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann. Vorm Fernseher habe ich gedacht: Die haben doch in der Vorbereitung nicht ein Jahr ihres Lebens geopfert und hängen sich jetzt gar nicht richtig rein. Bei den Herren war ich erschüttert von den Standardsituationen. Lissek war eigentlich immer einer, der da immer unheimlich viel erfunden hat. Aber seine Ideenlosigkeit hat ihn mittlerweile anscheinend auch in diesem Bereich übermannt, obwohl man ihn fachlich normalerweise überhaupt nicht angreifen kann.


SPIEGEL ONLINE: Für die Sponsorensuche ist das enttäuschende Abschneiden tödlich...


Mahn: Aber nur für den Deutschen Hockey-Bund. Wir als Verein sind in keiner Weise abhängig vom DHB. Für die Nationalmannschaften brechen wahrscheinlich schwierigere Zeiten an. Aber wir selbst müssen andere Wege gehen, um Hockey präsenter zu machen. Das erreicht man nicht über die Nationalteams.


SPIEGEL ONLINE: Aber die Nationalmannschaften sind doch das Aushängeschild.


Mahn: Aber nur alle vier Jahre bei Olympischen Spielen. Es ist deshalb wichtiger, dass die Bundesliga stärker in den Medien in Erscheinung tritt.


SPIEGEL ONLINE: Gibt es dafür Konzepte?


Mahn: Momentan tut sich einiges. Wir haben zwar keine Task Force, aber alle Bundesligatrainer treffen sich demnächst in Köln, um ihre Ideen zusammenzutragen. Wir wollen künftig mit einer Stimme sprechen, um aus Hockey mehr zu machen. Ich sehe es aber so, dass die Bundesliga gestärkt werden muss. Wir werden uns keine Gedanken darüber machen, dass der DHB vielleicht weniger Geld einnimmt. Das wäre doch die logische Konsequenz, wenn man Mist gebaut hat.


SPIEGEL ONLINE: Noch in diesem Monat sollen Damentrainer Berti Rauth und Herrencoach Paul Lissek ihre jeweilige Sydney-Analyse vorlegen. Was erwarten Sie sich davon?


Mahn: Es gibt sicherlich genügend Möglichkeiten, alles schönzureden. Aber noch einmal mein Hauptkritikpunkt: Keiner würde Lissek anballern, wenn er vorher mit den Bundesligatrainern zusammengearbeitet hätte. Aber er ist zur Zusammenarbeit einfach nicht in der Lage.


SPIEGEL ONLINE: Büdi Blunck, Olympiasieger von 1992, hat Sie als Bundestrainer ins Gespräch gebracht. Sie könnten zehnmal mehr rauskitzeln als Rauth. Möchten Sie Bundestrainer werden?


Mahn: Die Aufgabe bei Alster ist zwar auch sehr reizvoll, aber ich würde überlegen. Warum nicht? Ein paar Sachen könnte ich auf jeden Fall verändern.


SPIEGEL ONLINE: Zur bevorstehenden Deutschen Meisterschaft. Zum zweiten Mal in Folge kommen mit Alster, Harvestehude und Uhlenhorst drei der vier Endrundenteams aus Hamburg. Wieso ist Hamburg die Hockey-Hochburg Deutschlands?


Mahn: In Hamburg wird am intensivsten und professionellsten gearbeitet. Die berufliche Förderung spielt eine große Rolle, in Hamburg gibt es Perspektiven. Das ist der gewaltige Vorteil.


SPIEGEL ONLINE: Wird das auf lange Sicht so bleiben?


Mahn: Nein. In Stuttgart ist es jetzt schon ähnlich, die machen sehr viel. Ich bin mir sicher, dass die Stuttgarter Kickers bald eine Macht sind.


SPIEGEL ONLINE: Alster, Harvestehude, Uhlenhorst oder Gladbach - wer holt am Wochenende den Meistertitel?


Mahn: Ich wünsche, wir. Aber das wird ein ganz enges Ding. Da entscheidet die Tagesform.