Interview mit Alexander Popp "Das Geld wird knapp"
SPIEGEL:
Herr Popp, lastet auf Ihrem sensationellen Auftritt im vorigen Jahr in Wimbledon ein Fluch?
Popp: Dieser Verdacht drängt sich allmählich auf.
SPIEGEL: Sie waren beim wichtigsten Tennisturnier der Welt als Nobody bis ins Viertelfinale gestürmt, so weit wie kein anderer deutscher Spieler. Seither haftet Ihnen in der Szene der Ruf als Nine-Day-Wonder an, weil Sie danach so gut wie nicht mehr gewonnen haben. Dazu passt nun die jüngste Nachricht: Popp sagt Wimbledon kurzfristig ab.
Popp: Für mich ist das eine Katastrophe. Anfang des Jahres haben die Ärzte bei mir Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert. Drei Monate durfte ich keinen Schläger in die Hand nehmen. Seit April habe ich wieder Turniere gespielt, aber vergangene Woche musste ich einsehen: Mir fehlen die körperlichen Grundlagen. Es geht nicht.
SPIEGEL: Offensichtlich sind Sie mit Ihrem Ehrgeiz zu weit gegangen. Sie haben im Spätherbst wochenlang Antibiotika genommen, statt den Krankheitssymptomen auf den Grund zu gehen. War Ihnen eine gute Platzierung in der Weltrangliste wichtiger als Ihre Gesundheit?
Popp: Das sagt sich so leicht. Das System kennt keine Gnade mit Langzeitverletzten, die nicht gerade zu den Top 20 gehören. Wer seine Punkte aus dem Vorjahr kampflos einbüßt, verschwindet in der Rangliste im Niemandsland und kriegt irgendwann ein finanzielles Problem. Die Topstars machen sich daraus nichts. Wer zehn Millionen kassiert, bekommt die elfte auch noch hinterhergeschmissen.
SPIEGEL: Für einige Tage im letzten Sommer schien es so, als würden Sie in absehbarer Zeit auch zur Upper Class des Tennis gehören.
Popp: Ich habe davon nie geredet. In der Öffentlichkeit hat sich ein Zerrbild von mir verfestigt. Egal, wo ich hinkomme: Überall werde ich auf diese unglaublichen anderthalb Wochen angesprochen. Das karikiert meine Karriere.
SPIEGEL: War Wimbledon für Sie etwa ein Turnier wie jedes andere?
Popp: Für mich war es das Größte, seit ich Tennis spiele. Mit meinem Trainer saß ich nach den Matches in der Hotel-Lobby. Wir haben Tee getrunken und uns totgelacht.
SPIEGEL: Worüber?
Popp: Ich war ohne die geringsten Erwartungen nach London gereist, und dann das: Michael Chang rausgehauen, Gustavo Kuerten raus, Marc Rosset raus, dann wartete Patrick Rafter. Wir konnten es einfach nicht fassen. Es waren surreale Momente.
SPIEGEL: Waren Sie auf den medialen Trommelwirbel vorbereitet, der um Sie entfacht wurde?
Popp: Der Sport lebt von Klischees, und ich passte prima in eine Geschichte, die immer wieder zieht: Ich war der Unbekannte, der die Etablierten zum Stolpern bringt.
SPIEGEL: Mehr noch, Sie haben tiefe Sehnsüchte nach einem neuen deutschen Helden geweckt.
Popp: Verstehe: Poppeye aus Mannheim, der neue Boris. Die Zeitungen waren voll von diesen Schlagzeilen. Ich weiß selbst am besten, wo meine körperlichen und spielerischen Grenzen liegen, und deshalb waren diese Parallelen für mich von Anfang an absurd. Becker war unvergleichlich gut. Er drang in eine neue Dimension vor und ist, wie Newton in der Physik, im Tennis seitdem eine Maßeinheit.
SPIEGEL: Wollte das noch irgendjemand hören?
Popp: Es gab einen Punkt, an dem die Reporter keine Antworten mehr benötigten. Sie hatten ihre Storys schon im Kasten und brauchten mich nur noch zum Vorzeigen. Deshalb habe ich bis auf wenige Ausnahmen alle Interviewanfragen abgelehnt. Vor allem: keine Talkshows. Ich wollte nicht den großen Max markieren, weil ich wusste, dass es ganz schnell auch wieder in die andere Richtung läuft.
SPIEGEL: Fühlten Sie sich von den Medien vorgeführt?
Popp: Nein. Irgendwie war ich amüsiert. Die Geschichten hatten nichts mehr mit mir zu tun. Die hatten sich verselbständigt. Es war nicht der Tennisspieler Alexander Popp, auf den alle scharf waren, es war der Privatmensch Popp, den der Mythos Wimbledon zur Figur gemacht hatte. Es gab allerdings auch Momente, wo ich sagte: so auf keinen Fall.
SPIEGEL: Welche?
Popp: Am Sonntagmorgen nach meinem Sieg gegen Kuerten stand der Reporter einer Boulevardzeitung bei den Nachbarn meiner Eltern und bei meinem Bruder in Heidelberg vor der Tür. Er suchte Fotos, und zwar solche, bei denen ich mal keinen Tennisschläger in der Hand halte.
SPIEGEL: Hat er sie bekommen?
Popp: Mein Bruder war so überrascht, dass er welche herausrückte. Aber sie wurden nie veröffentlicht. Er forderte sie zurück, und er bekam sie auch wieder.
SPIEGEL: Hat der schnelle Ruhm Sie argwöhnisch gemacht?
Popp: Einerseits musste ich meine Privatsphäre schützen. Andererseits waren mir Menschen suspekt, die mit irgendwelchen großen Versprechungen auf mich zukamen. Jetzt zeigt sich, dass ich richtig lag. Nach und nach haben sich die Trittbrettfahrer enttarnt. Mich freut das irgendwie: Ich kann sie abhaken.
SPIEGEL: Haben sich durch den kurzen Einblick in die Glitzerwelt des Tenniszirkus Ihre Ansprüche verschoben?
Popp: Es war nicht der Glamour. Es war das Gefühl: Ich bin verdammt nah dran an den Besten der Welt jetzt will ich es endgültig packen.
SPIEGEL: Das ist erst einmal passé. Durch die Absage in Wimbledon fallen Sie in der Weltrangliste auf den Stand von vor zwei Jahren zurück, irgendwo um Position 200.
Popp: Mir bleibt keine Wahl. Ich muss diese Saison vergessen und mich für die nächste in Form bringen. Es kann sein, dass es schief geht.
SPIEGEL: Warum?
Popp: Das Geld wird knapp. Außer der Unterstützung durch einen Sponsor, der auch jetzt noch zu mir hält, kommt gerade nicht viel rein. In Wimbledon habe ich in zehn Tagen mehr verdient als in zwei Jahren zuvor: knapp 200 000 Mark. Ich habe das nicht im Neuen Markt versenkt, sondern konservativ angelegt. Noch habe ich Rücklagen. Aber demnächst werde ich mein Zimmer wieder bezahlen müssen. Freies Logis im Luxushotel genießen nur die Teilnehmer des Hauptfeldes.
SPIEGEL: Wie wollen Sie dem Schattenreich des Profitennis wieder entkommen?
Popp: Ich werde mich durch Challenger-Turniere oder Qualifikationsturniere wieder herankämpfen müssen. Diese Wettbewerbe sind eine Tortur. Jeder, der da hinfährt, träumt davon, den Durchbruch zu schaffen die einen, weil sie gierig sind, das mal zu erleben, die anderen wie ich, weil sie schon mal da oben waren.