Interview mit Daniela Rath "Ich wollte immer Weltrekord springen"
SPIEGEL ONLINE:
Frau Rath, zuletzt lief es für Sie ja nicht so gut. Beim Meeting in Eberstadt haben Sie nur 1,92 Meter geschafft. Was erwarten Sie von der WM?
Daniela Rath: Bei den Weltmeisterschaften werden die Karten noch einmal neu gemischt. Ich denke, die Form ist noch da, und bei der WM gehe ich mit einer ganz anderen Motivation in den Wettbewerb als bei anderen Veranstaltungen. Die Sprünge waren auch nicht schlecht, es fehlte nur an der Abstimmung, vor allem im Anlauf.
SPIEGEL ONLINE: Sind zwei Meter drin?
Rath: (lacht) Wenn wieder so schönes Wetter ist wie in Florenz, bestimmt. Im Ernst: Wenn die Qualifikation gut läuft, ist es möglich - das wäre natürlich ein Traum für mich. Aber es wird ein sehr enger Wettkampf, da sind elf Springerinnen dabei, die schon zwei Meter und mehr gesprungen sind.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht, dass Sie die zwei Meter beim Europacup in Florenz gesprungen sind?
Rath: Ich wusste schon, dass ich diese Höhe drauf habe, aber ich war überrascht, dass ich sie so früh in der Saison geschafft habe. Und ich war überrascht, wie einfach ich sie gesprungen bin - und gleich im ersten Versuch.
SPIEGEL ONLINE: Wie hoch können Sie denn kommen?
Rath: Ich wollte immer Weltrekord springen. Ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffe. Das ist mein großes Ziel - aber es kann noch ein paar Jahre dauern. Das nächste Ziel wäre eher der deutsche Rekord, der im Freien bei 2,05 Meter liegt. Die müssten eigentlich machbar sein.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Karriere ist sehr wechselhaft verlaufen. Sie galten schon Mitte der neunziger Jahre als größte deutsche Hochsprung-Hoffnung. Warum hat es so lange gedauert, bis sich diese Hoffnungen erfüllt haben?
Rath: Stimmt, ich bin schon mit 19 Jahren 1,94 Meter gesprungen. Aber dann war ich immer wieder verletzt, habe zu früh wieder angefangen - und so ging es immer weiter. Ich habe immer nur mit Schmerzen trainiert. Ich war einfach zu ehrgeizig. 1999 habe ich mir dann beide Kahnbeine gebrochen. Die Ärzte haben gesagt, das wird bestimmt zwei Jahre dauern, und ich wollte es einfach nicht wahr haben. Dann sind die Knochen schlecht verheilt, die Löcher von den Schrauben sind schlecht zugewachsen - ich konnte ein Jahr lang nicht mal mehr joggen. Die Ärzte haben mir dann vom Leistungssport abgeraten, weil ich meine Knochen sonst ganz ruinieren würde. Dann habe ich gedacht, ich lasse das mal lieber. Ich wollte auch nicht immer nur mit so starken Schmerzen trainieren.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie dann doch wieder angefangen?
Rath: Im März 2002 habe ich die Hallen-Europameisterschaften aus Wien im Fernsehen gesehen, da hat mich der Ehrgeiz wieder richtig gepackt. Dann habe ich wieder mit dem Training angefangen. Als ich in die Halle kam, wollte das keiner von den anderen Athleten so richtig glauben. Zu Beginn waren da auch immer noch die Schmerzen - und die sind erst verschwunden, als ich den Arzt gewechselt und mich einer Lasertherapie unterzogen habe. Seitdem bin ich absolut schmerzfrei. Das war für mich ein völlig neues Gefühl, ohne Schmerzen zu springen. Das gibt unheimlich Kraft. Für mich ist es fast so, als wenn meine Laufbahn jetzt erst richtig beginnt. Mit 26 habe ich ja noch ein paar Jahre vor mir.
SPIEGEL ONLINE: Während ihrer Karrierepause zeigten Sie sich enttäuscht vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Warum?
Rath: Das ist eben so im Leistungssport. Wenn man keine Leistung mehr bringt, dann wird man sitzen gelassen. Mein Verein Bayer Leverkusen hat mich immerhin noch ein Jahr weiter unterstützt. Beim Verband wird man dagegen sehr schnell aus dem Kader gestrichen, wenn die Leistung nicht stimmt. Das heißt dann: Keine Sporthilfe mehr, keine Unterstützung mehr. Man wird schnell fallen gelassen. Dann steht man da und weiß nicht, was man machen soll. Ich bin direkt von der Schule rein in den Leistungssport und kannte nichts anderes. Gerade für Nachwuchsathleten ist es schwer, ihre Leistung konstant zu halten. Wenn einem dann noch die finanzielle Unterstützung gestrichen wird, dann wird es ganz schwierig, wieder nach oben zu kommen.
SPIEGEL ONLINE: Seit wann werden Sie wieder unterstützt?
Rath: Seit der letzten Hallensaison, in der ich 1,90 Meter gesprungen bin, wieder vom Verein - und seit Florenz auch wieder von der Sporthilfe. Es hat schon lange gedauert. Nachdem ich wieder mit dem Leistungssport angefangen habe, habe ich eine Zeit hart kämpfen müssen. Andererseits: Es macht einen psychisch ungemein stark, wenn man weiß, man hat es alleine geschafft.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es denn überhaupt geschafft?
Rath: Ich habe schon lange nebenbei als Fitness-Trainerin gearbeitet, außerdem haben mir mein Freund und meine Mutter schon sehr geholfen. Aber ich musste manchmal sehr die Zähne zusammenbeißen. Viel leisten konnte ich mir in der Zeit nicht gerade.
Die Fragen stellte Jörg Schallenberg