Interview mit Dieter Thoma: "Die Blase drückt" - DER SPIEGEL
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Interview mit Dieter Thoma "Die Blase drückt"

Vor dem Beginn der Winterspiele sind die Erwartungen an die deutschen Skispringer riesig. SPIEGEL ONLINE sprach mit Olympiasieger Dieter Thoma über die Chancen der DSV-Athleten und den Druck, der speziell auf Sven Hannawald lastet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Thoma, für viele ist schon jetzt klar, dass Sven Hannawald der Olympiastar schlechthin werden wird. Wie häufig holt der Skisprung-Überflieger dieses Winters Gold?

Dieter Thoma: Erwarten kann man viel, aber die Voraussetzungen sind tatsächlich gut. Hanni (Sven Hannawald; die Red.) ist derzeit in einer sensationellen Form. Er hat sogar beim Springen am Samstag auf der Normalschanze, die ihm eigentlich nicht so liegt, eine Medaillenchance. Im Mannschaftsspringen schätze ich die Österreicher und die Finnen am stärksten ein. Bei Olympischen Winterspielen und Weltmeisterschaften ist aber auch häufig die Tagesform und das Glück mit dem Wind entscheidend. Zum richtigen Zeitpunkt topfit zu sein, ist das Schwierige an der ganzen Sache.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist der Druck, der auf Hannawald lastet?

Thoma: Es wäre natürlich schon eine Enttäuschung, wenn er keine Medaille holen würde. So eine Möglichkeit bekommt man nicht oft, Olympische Spiele sind eben nur alle vier Jahre. Er kann diese Saison wirklich alles erreichen. Jeder erwartet etwas von ihm. Die nervliche Belastung ist enorm. Sven versucht, mit seinem Spruch "Ich mach mein Zeug" den immer größer werdenden Druck von sich zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Wird Hannawald seine Nerven im Griff haben?

Thoma: Er hat bei der Vierschanzentournee bewiesen, dass er dem großen Druck standgehalten hat. Das war vor heimischer Kulisse, was es noch ein bisschen extremer macht. Wenn er mit einer solchen Situation klarkommt, kann er das auch in Salt Lake, wo zudem das Interesse an der Person Hannawald vielleicht nicht ganz so groß sein wird wie in Deutschland. Die Stabilität zeichnet ihn dieses Jahr aus, er ist derzeit absolute Weltspitze.

SPIEGEL ONLINE: Um Hannawald muss man sich also nicht sorgen. Was aber ist mit Martin Schmitt? Kann er an die letzten guten Leistungen anknüpfen.

Thoma: Auf der Großschanze kann er um Medaillen mitspringen. Martin kann aus einer günstigen Position agieren: Er kann attackieren, weil er nicht der Topfavorit ist. Er erwartet viel von sich selbst und will es all jenen noch einmal zeigen, die ihn nicht mehr auf der Rechnung haben. Martin hat für das Skispringen in Deutschland sehr viel getan. Er war drei Jahre das Aushängeschild und hat den Sport nach oben gebracht. Man darf die Sportler, die dem deutschen Sport Gutes getan haben, nicht vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie jetzt über Schmitt oder von sich selbst?

Thoma: Ich weiß nur, wie es ist, wenn man abgeschrieben wird. Das habe ich sehr oft erlebt. Martin ist ein fairer Sportsmann. Das konnte man daran sehen, wie er mit der neuen Situation umgegangen ist. Es ist schon hart, wenn man drei Jahre die Weltspitze dominiert, aber die Vierschanzentournee nicht gewinnen kann. Und dann kommt der Hannawald, der immer in Schmitts Schatten stand, und siegt gleich in allen vier Springen.

SPIEGEL ONLINE: Hannawald hat Schmitt seitdem auch als Wortführer im deutschen Team abgelöst.

Thoma: Hannawald ist nur von den Platzierungen her ganz eindeutig die Nummer eins. Dass die zuvor klare Hierarchie durcheinander gewirbelt wurde, hat Schmitt bestimmt nicht so gefallen. Jeder Spitzensportler möchte dahin zurück, wo er einmal war. Leistungsfördernd ist, dass sich Schmitt und Hannawald gegenseitig anheizen und sich nicht blockieren. Man demotiviert sich nicht, sondern misst sich an der Leistung des anderen. Das ist ein positiver Stress schon im Training.

SPIEGEL ONLINE: Welche Belastung herrscht für einen Skispringer bei den Wettkämpfen?

Thoma: Angst hat man eigentlich keine, selbst wenn ganz kräftiger Wind weht. Aber man hat einen sehr starken Respekt, weil man nicht weiß, was einen in der Luft erwartet. Im Wettkampf ist aber auch viel Routine und Erfahrung dabei, man macht das schließlich fast jeden Tag. Nur das Drumherum bei Olympia muss man verdrängen - die 30.000 Zuschauer im Stadion und die Millionen vor den Bildschirmen. Man muss nur den Tag sehen, die Schanze. Mit der muss man sich anfreunden und sie dann bezwingen. Ein guter Sprung ist oft die Erlösung.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen viele Springer dann einen so fahrigen Eindruck, wenn sie auf dem Bakken sitzen, wo ein Sprung doch angeblich eine ganz nüchterne Angelegenheit ist?

Thoma: Natürlich hat man trotz bester Vorbereitung vor dem Sprung stärkeres Herzklopfen als sonst. Und wenn man richtig nervös ist und schon ein Magengrummeln hat, drückt das auch auf die Blase. Das ist bei allen Springern so und war auch bei mir immer der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Sportmediziner sprechen von einer so genannten Angst-Diurese und diagnostizieren bei den Skispringern erhöhten Harndrang auf Grund nervlicher Anspannung.

Thoma: So kann man das natürlich auch nennen.

Das Interview führte Clemens Gerlach

Hinweis: Noch vor der offiziellen Eröffnungszeremonie findet heute Nachmittag (ab 17 Uhr) in Salt Lake das Qualifikationsspringen für den Wettbewerb von der 90-Meter-Schanze statt.

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