Interview mit Henning Harnisch "Die Zeit der Demut ist vorbei"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Harnisch, vor zehn Jahren sind Sie mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister geworden. Wie blicken Sie heute auf diesen Triumph zurück?
Henning Harnisch: Zehn Jahre später denkt man schon etwas anders über so einen Erfolg, zumal wir Spieler uns vor einem Monat nach langer
Zeit zum ersten Mal wieder getroffen haben. Das war wie bei einem
Klassentreffen, und es wurde einem dabei noch einmal der sportliche Wert
des EM-Titels vermittelt. Wir hätten uns ja wohl kaum wieder gesehen,
wenn wir nicht Europameister geworden wären. Aber es ist keineswegs so,
dass ich heute einmal die Woche an die EM 1993 denke.
SPIEGEL ONLINE: Ist dieser Titel der schönste Sieg Ihrer Karriere
gewesen?
Harnisch: Man kann auf jeden Fall sagen, dass es ein Sieg war, der völlig unerwartet kam. Damals hatte der deutsche Basketball den Ruf eines absoluten Außenseiters. Vor 1993 war die beste Platzierung bei einer EM
ein fünfter Platz. Nie im Leben hat damals jemand daran gedacht, dass
Deutschland einmal in den nächsten 20 Jahren Europameister werden würde.
Ein Medaillenrang war schon außerhalb des Horizonts. So gesehen, war der
EM-Titel doch einer der schönsten.
SPIEGEL ONLINE: Was waren die Gründe für diesen Triumph?
Harnisch: Da sind viele Sachen zusammen gekommen. Ein wichtiger
Faktor war das Glück. Das sagt sich zwar leicht, aber es gab einige
Spiele, die wir genauso gut hätten verlieren können. Viertelfinale,
Halbfinale und Endspiel zum Beispiel. Auf der anderen Seite hat auch die
historische Konstellation für uns gesprochen. Jugoslawien war nicht
dabei, Litauen konnte sich nicht qualifizieren, Kroatien hatte seinen
besten Spieler verloren (Drazen Petrovic kam kurz vor dem Turnier bei einem Autounfall ums Leben, d. Red.). Darüber will heute zwar keiner mehr sprechen, aber das war so. Sportlich waren wir eine Mannschaft, die im Sommer vorher bei den Olympischen Spielen in Barcelona gerade den Durchbruch geschafft hat. Bei Olympia spielte Detlef Schrempf noch mit, bei der EM kamen wir sogar ohne ihn aus. Wir hatten uns über die Jahre eingespielt und sämtliche negative Erlebnisse gemeinsam überwunden. Durch solche Erfahrungen wächst man als Mannschaft. Dazu kam, dass wir mit Svetislav Pesic einen sehr, sehr guten Trainer hatten, der uns von Beginn an das Gefühl vermittelt hat - auch wenn wir zunächst nur verloren haben -,
dass wir eigentlich woanders stehen könnten. Diese Entwicklung hat
einige Jahre gedauert, sich bei der EM 1993 aber ausgezahlt. Ohne Pesic
wären wir garantiert nicht so weit gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Was war das Besondere an dieser Mannschaft?
Harnisch: Unsere Ausgeglichenheit. Es gab sieben, acht Spieler,
die nach jedem Spiel ungefähr die gleiche Anzahl von Punkten hatten. Bei
der EM hatte zudem Christian Welp eine außerordentliche Form und traf
fast aus allen Lagen. Aber das war eher die Ausnahme. Eigentlich waren
wir acht Leute, die Punkte machten.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Charakter hat die heutige DBB-Auswahl im
Vergleich?
Harnisch: Diese Mannschaft wirkt ebenfalls sehr tief. Auch da gibt es mindestens acht
Spieler, die ein sehr, sehr hohes Niveau haben. Außerdem ist das Team
inzwischen an einem Punkt, an dem sie sich anderen Mannschaften
gegenüber nicht mehr demütig verhalten müsste. Das Selbstbewusstsein ist
gestiegen. Erfahrungen und Siege sind dazugekommen.
SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie die größten Unterschiede zu
damals?
Harnisch: Da gibt es zwei. Der eine ist, dass 1993 überhaupt niemand mit uns gerechnet hatte. Es gab von außen kaum Erwartung. Wir selbst hatten uns das Viertelfinale vorgenommen. Der einzige Druck, den
wir damals spürten, war, dass wir zuhause gespielt haben. Deswegen war es auch furchtbar, dass wir das erste Spiel verloren haben. Das Problem für die heutige Mannschaft ist, dass sie, nachdem sie bereits zwei große Turniere erfolgreich bestritten hat, inzwischen mit ganz anderen Augen gesehen wird. In den letzten Wochen bin ich immer wieder gefragt worden, "kommen die unter die ersten drei" oder "werden
die Europameister". Solche Fragen wurden bei uns überhaupt nicht
gestellt. Der zweite Unterschied zu uns ist, dass wir 1993 nicht so
einen Spieler wie Dirk Nowitzki hatten. Wir hatten zwar mit Schrempf
manchmal auch einen NBA-Spieler dabei, aber nicht so einen
Ausnahmespieler wie Nowitzki, der sich dazu noch gerne in den Dienst der
Mannschaft stellt.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem EM-Titel von 1993 ist das deutsche
Basketball eher in ein Loch gefallen. Besteht nach dem Höhenflug der
vergangenen Jahre eine ähnliche Gefahr?
Harnisch: Ich glaube nicht. Sportlich waren wir damals eine
Mannschaft, die ihren Höhepunkt erreicht hat. Einen Sommer später, bei der
WM in Toronto, haben wir mit derselben Mannschaft noch einmal
zusammengespielt, aber dort die Spiele knapp verloren, die wir ein Jahr
vorher knapp gewonnen haben. Als Team waren wir am Ende unsere
Entwicklung angekommen, da ist es völlig normal, dass eine Mannschaft
auseinander fällt und eine Umbruchphase folgt. Inzwischen hat sich
wieder ein neues Nationalteam gefunden, das gerne zusammenspielt und
wachsen will.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Chancen der DBB-Auswahl für das
Turnier in Schweden?
Harnisch: Ich wünsche mir, dass man bei all den Prognosen nicht
nur die Frage nach der Medaille stellt. Außerdem würde ich mich freuen,
wenn man weiterhin so schöne Bilder von der Mannschaft sieht, wie das
bei der EM in der Türkei oder der WM in Indianapolis war. Natürlich soll
der Erfolg auch da sein. Aber es ist auch interessant zu beobachten, wie gut
diese Mannschaft harmoniert. Das war bei den letzten beiden großen
Turnieren der Fall und für Schweden würde ich mir das ebenfalls
wünschen.
Das Interview führte Andreas Lampert