Interview mit Henrik Dettmann "Nowitzki wird brutal attackiert werden"
SPIEGEL ONLINE:
Glauben Sie an Sprichwörter, Herr Dettmann?
Henrik Dettmann: Ich glaube an die Realität. Wieso fragen Sie?
SPIEGEL ONLINE: Weil laut Volksmund einer misslungenen Generalprobe die geglückte Hauptaufführung folgt. Bei den zwei EM-Vorbereitungsturnieren belegte ihr Team jeweils den letzten Platz. Drei Stammkräfte, darunter Ihr Kapitän Henrik Rödl, fallen verletzt aus, und Dirk Nowitzki ist erst vor kurzem zur Mannschaft gestoßen.
Dettmann: Das war wirklich eine Vorbereitung, die sich keiner wünscht. Aber es nützt kein Lamentieren.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an eine erfolgreiche Europameisterschaft für Ihr Team?
Dettmann: Unsere Mannschaft hat sehr viel Talent, aber wir haben noch kein absolutes europäisches Top-Format. Wir dürfen uns nicht mit den Großen wie Jugoslawien, Frankreich, Litauen oder Russland vergleichen. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist viel zu hoch. Das ist ungerecht gegenüber meinem jungen Team, das ein Durchschnittsalter von gerade mal 24,5 Jahren hat...
SPIEGEL ONLINE: ...und das mindestens Platz fünf erreichen muss, um sich für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in den USA zu qualifizieren.
Dettmann: Ja, ja. Immer diese Zahlen: Das ist es, was die Leute verstehen. Platz fünf wäre sicherlich ein Traum. Bei der starken Konkurrenz dürften wir jedoch kaum eine Chance haben, über die Zwischenrunde hinauszukommen. Aber wer weiß, wenn alles rund läuft, klappt es vielleicht doch mit dem Traum.
SPIEGEL ONLINE: Im Falle eines Scheiterns würden Sie der Meinung Ihres Co-Trainers Rolando Blackman neue Nahrung geben. Der hat jüngst gesagt, Ihr Team habe lediglich das Niveau einer besseren College-Mannschaft. Finden Sie eine solche Äußerung aus den eigenen Reihen nicht despektierlich?
Dettmann: Rolando ist Amerikaner, und die halten das obere College-Niveau per se für Weltklasse. Sie haben eine andere Perspektive als wir Europäer.
SPIEGEL ONLINE: Also sind Sie anderer Auffassung?
Dettmann: In Europa würden wir jedem College-Team ordentlich den Hintern versohlen, in den USA würde ein Match jedoch schon schwerer werden.
SPIEGEL ONLINE: Für viel Wirbel hat im Vorfeld der EM die Einbürgerung des NBA-Centers Shawn Bradley und die damit zusammenhängende Ausmusterung des verdienten Aufbauspielers Vladimir Bogojevic gesorgt. Es heißt, Sie hätten lieber auf Bogojevic gesetzt, mussten sich aber dem Druck des Deutschen Basketball-Bundes beugen. Stimmt das?
Dettmann: Jeder hat seine eigene Philosophie, die verschiedene Energiewellen auslöst. Wir sind alle Teil eines größeren Systems, und in manchen Fällen muss man sich dem Strom anpassen.
SPIEGEL ONLINE: Klingt, als sei es tatsächlich nicht Ihre eigene freie Entscheidung gewesen.
Dettmann: Doch, denn letztendlich bestimmt der Trainerstab, wer spielt. Wir sitzen nach wie vor an den Schalthebeln. Sport muss von Trainern, nicht von Funktionären bestimmt werden.
SPIEGEL ONLINE: Folglich ist auch nichts dran an der Verschwörungstheorie, es sei der mächtige Holger Geschwindner, der als persönlicher Trainer und Mentor von Dirk Nowitzki und erklärter Anhänger von Shawn Bradley insgeheim die Nationalauswahl aufstellt?
Dettmann: Unser Trainerstab ist es, der die Entscheidungen fällt. Wir wissen positive Hinweise zu würdigen, aber ich lege zwei Finger auf die Bibel, dass ich meine Prinzipien nicht verbiege.
SPIEGEL ONLINE: Dirk Nowitzki ist der Starspieler dieser EM, wie sieht seine Rolle im deutschen Team aus?
Dettmann: Dirk ist der beste europäische NBA-Spieler, und natürlich werden wir viel über ihn spielen. Aber er wird von den Gegnern hart, bisweilen brutal attackiert werden, wie sich in der Vorbereitung abgezeichnet hat. Das hatte etwas von der Hack-a-Shaq-Taktik, wonach in der NBA alle auf Shaquille O'Neal einkloppen, um ihn irgendwie zu stoppen. Hoffentlich lassen die Referees es bei der EM nicht so weit kommen.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Alternativen aus, wenn es dem Gegner gelingt, Dirk Nowitzki aus dem Spiel zu nehmen?
Dettmann: Falls sich alle Aufmerksamkeit nur auf Dirk richtet, eröffnet das Freiräume für die anderen. Wir haben alle unsere Spieler aufgefordert, mit viel Selbstvertrauen aufzutreten. Die Entwicklung stimmt uns positiv. Vor allem mit den Auftritten der Nachwuchskräfte Mithat Demirel und Nino Garris sind wir sehr zufrieden. Aber auch ein Ademola Okulaja wird seine Stärken ausspielen können. Letztendlich muss sich jedoch das gesamte Team in den Vordergrund drängen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angriffssysteme speziell für Shawn Bradley konzipiert?
Dettmann: Es ist nicht klug, das Spiel auf jemanden auszurichten, der kaum mit der Mannschaft trainiert hat.
SPIEGEL ONLINE: Wer ist für Sie der Topfavorit des Turniers?
Dettmann: Jugoslawien hat mich bisher am meisten beeindruckt. Es scheint, sie seien die Besten.
SPIEGEL ONLINE: Jugoslawien ist einer Ihrer Gruppengegner. Trainiert wird die Mannschaft von Svetislav Pesic, der 1993 mit Deutschland sensationell Europameister wurde und seitdem als eine Art Heiland des deutschen Basketballs gefeiert wird. Wirft der Ruhm des Vorgängers einen Schatten auf Ihre Tätigkeit?
Dettmann: Bei allem, was er geleistet hat, würde ich nicht sagen, dass Svetislav Pesic einen Schatten, sondern ein Licht wirft. Ich habe sehr viel Respekt vor Svetislav und betrachte ihn als einen Freund, der mir schon sehr viel geholfen hat.
SPIEGEL ONLINE: Eine pikante Note erhält die Partie gegen Jugoslawien zudem, weil es zum Vater-Sohn-Duell zwischen Svetislav und Marko Pesic, ihrem Leistungsträger auf der Flügelposition, kommen wird.
Dettmann: Das verleiht dem Ganzen doch ein wenig Spaß. Hoffentlich bekommt Marko eine Sekunde vor Schluss bei Gleichstand zwei Freiwürfe zugesprochen. Einen trifft er dann für uns, einen für seinen Vater. Am Ende gewinnen wir mit zwei Punkten.
Das Interview führte Tobias Pox