Interview mit Jan Ullrich "Wir kämpfen weiter"
Haben Sie nach den beiden Niederlagen gegen Lance Armstrong in den Alpen noch Hoffnung auf den Tour-Sieg?
Jan Ullrich:
Der Rückstand ist nicht so unmöglich groß, dass ich jetzt aufgeben müsste. Die Tour ist erst in Paris zu Ende, und es kommen noch die drei schweren Pyrenäen-Etappen. Noch liege ich ganz gut im Gesamtklassement und fühle mich gut. Wir resignieren nicht, wir kämpfen weiter.
Wären Sie nicht auch mit Platz zwei zufrieden?
Ullrich: Mit dem zweiten Platz könnte man auch zufrieden sein, aber ich bin zur Tour de France gekommen, um sie zu gewinnen.
Was lässt Sie hoffen, Ihr Ziel noch erreichen?
Ullrich: Was Armstrong in den Alpen geboten hat, war phänomenal. Aber meine Rückstände haben sich in Grenzen gehalten. Und Armstrong hat letztes Jahr auch mal Schwächen gezeigt. Es besteht in den Pyrenäen noch die Möglichkeit, Armstrong einzuholen. Ich werde auf alle Fälle alles dafür tun.
Wie wollen Sie Armstrong denn noch einholen?
Ullrich: Die einzige Chance, die ich sehe, ist, dass man Armstrong nicht immer bis zum letzten Berg schleppt. Dann nämlich zieht er an und fährt allen davon. Man muss angreifen, wenn es über die Länge geht: Wenn verschiedene Attacken kommen, muss er jedes Mal mit. Das würde ihn wahrscheinlich schwächen. Seine Mannschaft ist nicht so stark wie in den letzten Jahren. Sie kann ihn nicht bis zum letzen Berg bringen.
Waren Sie verärgert über Armstrongs Bluff beim Anstieg nach L'Alpe d'Huez?
Ullrich: Das ärgert mich nicht. Armstrong hat gut taktiert und konnte froh sein, dass wir Tempo gefahren sind. Aber wenn überhaupt keiner angreift, gewinnt er mit einem Bein die Tour. Deshalb habe zumindest ich mit meiner Mannschaft versucht, das Rennen schnell zu machen und am letzten Berg anzugreifen, um Armstrong das Leben schwer zu machen. Dass er so gut drauf ist, damit hätte ich auch nicht gerechnet. Aber das war halt leider so. Wir dürfen uns jedoch davon nicht beeindrucken lassen und müssen weiterkämpfen.
Was ist in Ihnen vorgegangen, als Armstrong nach L'Alpe d'Huez plötzlich davonfuhr?
Ullrich: Ich habe einfach nur gedacht, ich muss jetzt mein Tempo weiterfahren, ich darf nicht übersäuern. Denn der Berg ist sehr schwer und sehr lang. Ich habe gehofft, dass sich der Vorsprung, den er rausfährt, vielleicht in Grenzen hält. So war es ja auch. Es ist okay gewesen. Als er antrat, habe ich gedacht, er hat oben zehn Minuten Vorsprung.
Werden sich die Mannschaften der Verfolger zusammentun, um Armstrong zu attackieren?
Ullrich: Die Angriffe werden kommen. Keiner gibt hier auf, denn alle wollen einen Podiumsplatz erkämpfen. Doch eine Verschwörung gegen Armstrong gibt es nicht. Telekom war bisher die einzige Mannschaft, die versucht hat, ein bisschen was gegen Lance zu machen. Wenn alle Mannschaften nach L'Alpe d'Huez bei der Führungsarbeit geholfen hätten, hätten wir nicht so viel auf Armstrong verloren. Auf der Verfolgung von Armstrong zum Beispiel hat Galdeano kein Tempo für seinen Mannschaftskollegen Beloki gemacht. Ich weiß nicht, was das soll. Man müsste doch zumindest ein bisschen zusammenarbeiten. Wenn das nicht klappt, ist das ein Vorteil für Armstrong.
Alle reden nur von Armstrong. Dabei hat Francois Simon im Gelben Trikot mehr als 13 Minuten Vorsprung vor Armstrong. Kann er die Tour gewinnen?
Ullrich: Simon kämpft natürlich. Er hat noch einen guten Vorsprung, aber er hat in den Alpen 15 Minuten verloren. Und es werden noch mehr werden; denn die Etappen in den Pyrenäen sind noch schwerer und alle drei direkt hintereinander. Deshalb mache ich mir keine Sorgen. Ich gehe davon aus, dass da so schnell radgefahren und angegriffen wird, dass Simon trotz des großen Vorsprungs in Paris nicht auf dem Podest stehen wird.
Armstrong fordert, dass die anderen Mannschaften arbeiten müssen, um die beiden Führenden, Simon und Kiwilew, einzuholen.
Ullrich: Die einzige Mannschaft, die dafür etwas getan hat, war Telekom. Wo waren denn bislang US Postal oder Once? In diesem Jahr hat allerdings auch keiner die Mannschaft, wie Armstrong sie im letzten Jahr hatte, um komplett von vorn zu fahren. Deshalb wird es für Armstrong auch schwer werden, das Gelbe Trikot zu verteidigen, wenn er es hat. Er selbst ist gut drauf. Aber meine Mannschaft ist sehr, sehr gut. Und auch Beloki wird noch versuchen, etwas zu machen.
Wie verbringen Sie den Ruhetag vor den Pyrenäen-Etappen?
Ullrich: Ich bin in Chamrousse mit Puls 200 vom Rad gestiegen und habe viel Säure in den Muskeln, die rausgefahren werden muss. Nach dem Transfer in die Pyrenäen fahren wir deshalb anderthalb bis zwei Stunden Rad.
Aufgezeichnet von Till Schwertfeger