Interview mit Jens Voigt: "Ich glaube, Ullrich wird gewinnen" - DER SPIEGEL
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Interview mit Jens Voigt "Ich glaube, Ullrich wird gewinnen"

Jens Voigt ist als Zweiter der Gesamtwertung derzeit bester deutscher Profi bei der Tour de France. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 29-Jährige über sein Kämpferherz, Jan Ullrich und einen möglichen Wechsel zum Team Telekom.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Voigt, wer Sie fahren sieht, könnte meinen, die Wertung "Coeur de Lion" ("Löwenherz") für den größten Kämpfer wäre extra für Sie eingerichtet worden.


Jens Voigt: Ich will hier unbedingt eine Etappe gewinnen. Weil ich mich aber nicht im Massensprint durchsetzen kann wie Erik Zabel, muss ich in einer kleinen Gruppe am Ziel ankommen. Also muss ich attackieren.


SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch privat so angriffslustig?


Voigt: Meine Freundin Stefanie sagt, ich sei ein ganz normaler, ruhiger Mensch. Ich bin harmoniebedürftig, mag mich nicht gerne streiten. Ich bin zwar auch energiegeladen, aber aggressiv wie auf dem Rennrad bin ich privat überhaupt nicht.


SPIEGEL ONLINE: Im vorigen Jahr haben Sie mehrfach einen Etappensieg ganz knapp verpasst und wurden als tragischer Held bekannt.


Voigt: Es wurde auch viel vom moralischen Sieger geschrieben. Ich wäre lieber ein richtiger Sieger. Deshalb werde ich so lange auf das Glück einzuprügeln, bis es sich auf meine Seite neigt. Je häufiger ich probiere, eine Etappe zu gewinnen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es einmal klappt.


SPIEGEL ONLINE: Derzeit sind Sie in der Gesamtwertung bester Deutscher. Macht Sie das stolz?


Voigt: Okay, es ist ganz gut fürs Ego, vor Jan Ullrich platziert zu sein. Aber eigentlich ist es Humbug. Wir sind erst fünf Etappen gefahren. Abgerechnet wird in Paris.


SPIEGEL ONLINE: Wo werden Sie am Ende landen?


Voigt: Ich weiß, dass ich die Tour de France nicht gewinnen kann. Deshalb fahre ich nicht aufs Klassement. Ein 15. Platz zum Beispiel wäre zwar eine riesige Leistung, aber keinen Menschen interessiert das. Das ist eine Schande. Es ist also praktisch unerheblich, ob man auf Platz 30, 50 oder 100 landet. Aber wenn man eine Etappe gewinnt, bleibt man in Erinnerung.


SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie 1998 vorübergehend das Bergtrikot getragen hatten, standen Sie vor dem Wechsel zum Team Telekom. Könnte das bald wieder ein Thema sein?


Voigt: Mein Vertrag bei Crédit Agricole läuft zum Jahresende aus. Telekom ist wie US Postal, Mapei und Once ein Team, das sich von den anderen absetzt. Es ist perfekt organisiert. Als deutscher Profi ist es interessant für mich, dort zu fahren. Aber auf meiner Position hat Telekom schon drei Fahrer: Klöden, Winokurow und Livingston. Das sind Leute, die für Ullrich als Helfer eingestellt wurden und selbst kleine Rundfahrten gewinnen können. Momentan hat Telekom nicht wirklich Bedarf. Aber vielleicht wechselt ja einer von denen.


SPIEGEL ONLINE: Jörg Jaksche hat zu Once gewechselt, weil er fand, bei Telekom keine Freiheiten mehr zu haben.


Voigt: Dafür hat man andere Vorteile: Man bekommt ein wunderschönes Auto und Telefone gestellt, außerdem erfährt man jede Menge Presseaufmerksamkeit. Klar, man muss bei den Klassikern für Erik Zabel arbeiten und bei der Tour de France für Jan Ullrich. Aber sonst darf jeder im Team Telekom auch mal als Chef fahren. Man muss natürlich vor allem Teamspieler sein. Das war für Jaksche wohl nicht das Richtige.


SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die großen Tour-Favoriten Lance Armstrong und Jan Ullrich ein?


Voigt: Armstrong scheint weniger zu stark sein als im Jahr zuvor. Er wirkt nervös, spricht im Rennen kaum noch mit den anderen Fahrern. Sobald er nur um Position 30 liegt, fordert er sein Team auf, nach vorne zu fahren. Er ist nicht so souverän wie früher.


SPIEGEL ONLINE: Und Ullrich?


Voigt: Ullrich wirkt fit und scheint entschlossen, auf Biegen und Brechen zu siegen. Er ist konzentriert und auf jeder Etappe gut positioniert. Ullrich sieht stark aus. Ich glaube, er wird die Tour gewinnen.