Interview mit Jutta Kleinschmidt: "Ich hoffe auf das Podium" - DER SPIEGEL
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Interview mit Jutta Kleinschmidt "Ich hoffe auf das Podium"

2001 siegte Jutta Kleinschmidt bei der Rallye Dakar in einem Mitsubishi – 2007 wird sie in einem BMW an den Start gehen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht Sie über unfaire Aktionen der Konkurrenz, den stillosen Abgang bei VW und einen spektakulären Unfall im Kleinwagen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie eigentlich nach vier Jahren als VW-Werkspilotin nun zu einem BMW-Privatteam gewechselt?

Jutta Kleinschmidt: Ganz einfach: Volkswagen hat den Vertrag nicht verlängert.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie haben nicht darauf bestanden, dass er verlängert wird, oder?

Kleinschmidt: Da überschätzen Sie meinen Einfluss. Ich wäre gern bei VW geblieben, aber der Motorsportchef Kris Nissen hat sich dagegen entschieden. Es gab gar keine Verhandlungen, es gab kein Angebot von VW. Wir haben einfach nur einen Brief bekommen mit der Information, dass man auf eine weitere Zusammenarbeit keinen Wert legt.

SPIEGEL ONLINE: War ein dritter Platz bei der Rallye Dakar in vier Jahren zuwenig für VW?

Kleinschmidt: Ich glaube, wir haben alles erreicht, was möglich war. Es liegt übrigens auch nicht daran, dass ich zuviel Geld verlangt hätte, denn dann wäre ich heute nicht bei einem Privatteam

SPIEGEL ONLINE: Woran hat es Ihrer Meinung nach denn dann gelegen?

Kleinschmidt: Ich weiß es, wie gesagt, nicht.

SPIEGEL ONLINE: Als Star fährt man also lieber BMW?

Kleinschmidt: Ich wollte mit einem deutschen Hersteller verbunden bleiben und die Möglichkeit haben, bei der Teamstruktur und der Entwicklung des Fahrzeugs mitzuwirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie nach dem Fahrzeugwechsel Ihre Chancen bei der Dakar-Rallye?

Kleinschmidt: Wir wollen ein Auto am Start haben, mit dem man bei der Dakar vorn mitfahren kann.

SPIEGEL ONLINE: Ganz vorn oder so ein bisschen vorn?

Kleinschmidt: Es sind 20 bis 25 Autos am Start, die ganz nach vorne fahren können. Und wenn man das so sieht, dann wäre es schon ein Erfolg, unter die ersten fünf zu kommen. Aber ich persönlich hoffe auf das Podium.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein zu ehrgeiziges Ziel angesichts der kurzen Vorbereitung?

Kleinschmidt: Es ist nicht so wie damals bei VW, als alles neu aufgebaut werden musste. Ich bin in ein fertiges Team gekommen, ich habe mich gut eingelebt, aber wir hatten schon aus Etatgründen nicht die Möglichkeit, viele Rallyes zu fahren. Also haben wir mehr in die Entwicklung des Wagens investiert und waren nur in Dubai am Start.

SPIEGEL ONLINE: Zahlt sich dieser etwas andere Weg aus?

Kleinschmidt: Das ist sicher nicht ideal. Ich sehe das aber nicht negativ: Manchmal eröffnet ein vermeintlicher Rückschlag neue Wege. Als ich damals von Jean-Louis Schlesser weggegangen bin, weil ich keinen neuen Sponsor hatte, habe ich bei Mitsubishi unterschrieben und 2001 die Dakar gewonnen. Damit hatte ich auch nicht unbedingt gerechnet.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der größte Unterschied in den Strukturen zwischen einem Werks- und einem Privatteam?

Kleinschmidt: Man muss sehr effizient arbeiten und kann sich keine Spielereien am Rande erlauben. Man muss sehr genau darüber nachdenken, wofür man das Geld ausgeben will. Jeder Einzelne ist extrem belastet. Unsere Mechaniker müssen einfach mehr arbeiten als die in einem Werksteam. Es gibt nur zwei Mechaniker pro Auto statt vier bei einem Werksteam. Dafür dürfen die Mechaniker viel mehr mitreden. Das kenne ich von den großen Teams bisher nicht so. Und Sven Quandt als Teamchef ist extrem nahe bei der Mannschaft, er lebt diesen Sport, ist selbst oft die Dakar gefahren. Bei einem Werksteam ist manches unpersönlicher.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht so, dass einer der wichtigsten Techniker von der Konkurrenz abgeworben worden ist?

Kleinschmidt: Das ist blöd, denn das war mein persönlicher Car-Chief, das heißt, der hat mein Auto aufgebaut. Der war natürlich sehr schwer zu ersetzen. Wir haben Glück, dass wir guten Ersatz gefunden haben.

SPIEGEL ONLINE: Gehört es mittlerweile auch im Rallyesport zum Konkurrenzkampf, dass bewährte Kräfte weggekauft werden, um den Gegner zu ärgern?

Kleinschmidt: Was soll ich dazu sagen? Normalerweise gab es in unserer Sportart so was nicht, aber bei Teams, die neu reinkommen, muss man mit so was anscheinend rechnen. In Ordnung finde ich das natürlich nicht, wenn ein Team, das ohnehin schon viele Leute hat, uns auch noch die wenigen wegschnappt, die wir uns mühselig reingeholt haben. Aber wenn man mehr Geld bieten kann, tja …

SPIEGEL ONLINE: War das eine gezielte Aktion, um Sie zu schwächen?

Kleinschmidt: Das könnte jedenfalls ein Grund sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie fahren nun fast 20 Jahre bei der Dakar-Rallye mit, einer der gefährlichsten Rennsportveranstaltungen der Welt, sind immer unbeschadet durchgekommen – und haben in diesem Jahr ausgerechnet im gepflegten ZDF-„Fernsehgarten“ eine spektakulären Unfall gebaut. Wie konnte das passieren?

Kleinschmidt: Ach, Sie übertreiben maßlos, das war nicht spektakulär. Da sind wir mal auf die Seite gekippt und wissen bis heute nicht so genau, warum das passiert ist. War zum Glück auch erst nach der Sendung. Aber da habe ich viel spektakulärere Unfälle hinter mir. Ich habe mich mal auf dem Nürburgring mit einem kleinen Fiat Cinquecento bei 165 Stundenkilometern vorwärts überschlagen, weil ich mich ein kleiner Seat von hinten angeschoben hat – da habe ich währenddessen schon gedacht: Oops, ob das jetzt gut geht?

SPIEGEL ONLINE: Und bei einer Siegerehrung sind Sie mitsamt Wagen mal fast vom Podest gefallen, oder?

Kleinschmidt: (lacht). Ja, das stimmt, bei der Dakar war einmal das Siegespodest auf der einen Seite ein bisschen kürzer, da haben die so eine Treppe gemacht, die hat man aus dem Wagen nicht gesehen. Aber ich bin nur mit einem Rad runtergefahren – und dank Allrad konnte ich mich retten. Wenn wir schon bei den Peinlichkeiten sind: Ich bin auch mal mit dem Motorrad beim Start von der Rampe geflogen. Da war ich etwas spät dran, weil die Maschine nicht angesprungen war, bin etwas zügig hochgefahren, die Rampe war leicht vereist, tja, und beim Anbremsen bin ich schön der Länge nach übers Podium geschlittert. Aber machen Sie sich keine Sorgen: Wenn ich erst mal auf der Piste bin, halte ich mich ganz gut. Und aufs Podium will ich trotzdem.

Interview: Jörg Schallenberg