Interview mit Michael Stich "Ich bin bereit"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Stich, wie sehr haben Sie am vergangenen Wochenende mit dem deutschen Daviscup-Team beim 3:2 gegen Rumänien mitgezittert?
Michael Stich: Sagen wir mal so: Ich hab s mir im Fernsehen angeschaut und habe einen Eindruck bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck haben Sie bekommen?
Stich: Tommy ist anscheinend immer gut, wenn er Aufmerksamkeit und Anerkennung erhält. Deshalb spielt er sehr erfolgreich für Deutschland. Nicolas hingegen hat mit dem Mannschaftswettbewerb so seine Probleme. Während Tommy die Punkte holt, tut Nicolas sich immer noch schwer mit dem Daviscup. Ich habe keine Ahnung warum.
SPIEGEL ONLINE: Nach seiner Niederlage gegen den Rumänen Pavel hat Kiefer bloß gelächelt und gesagt, er sei dabei, seine alte Form wiederzufinden. Ist solch eine Haltung typisch für die verwöhnte neue Spielergeneration?
Stich: Das kann man so nicht sagen. Nicolas fühlt sich im Daviscup einfach unsicher. Er weiß nicht mehr, was er richtig und was er falsch macht. Ihm wird aber auch nicht gerade besonders viel geholfen.
SPIEGEL ONLINE: Wer könnte ihm helfen?
Stich: Der DTB und Kiefers direktes Umfeld. Er muss lernen, dass es im Daviscup nicht um ihn, sondern um die Mannschaft geht. Wenn er verliert, muss er sich hinstellen und zugeben: Ich habe nicht so toll gespielt und ärgere mich zu Tode, dass ich für die Mannschaft den Punkt nicht geholt habe. Dass er das nicht tut, ist das Resultat seiner Unsicherheit - gerade auch gegenüber den Medien.
SPIEGEL ONLINE: Haas und Kiefer sind mittlerweile 22 und 23 Jahre alt. Schaffen sie noch den großen Durchbruch?
Stich: Beide lassen auf der Tour noch das zielgerichtete Arbeiten vermissen. Tommy hat überhaupt keine Konstanz, ist häufig verletzt. Er hat zwar auch immer wieder seine Highlights, aber dann kommt Monate lang gar nichts. Das ist schade, denn um ganz nach oben zu gelangen, dazu bedarf es Konstanz.
SPIEGEL ONLINE: Ist Haas Problem darin begründet, dass er ständig auf der Suche nach einem neuen Trainer ist?
Stich: Ich glaube, dass es für Tommy mit der Zeit immer schwieriger wird, einen Coach zu finden. Er bewegt sich von A nach B und dann von C nach D in einer Geschwindigkeit, der keiner folgen kann. Er muss sich darüber klar werden, was das Ziel seiner Karriere ist. Nur dann kann es jemanden geben, der mit ihm vernünftig zusammenarbeitet. Aber ich denke, dieses Ziel hat Tommy noch nicht gefunden.
SPIEGEL ONLINE: Woran muss Kiefer vor allem arbeiten?
Stich: Mit dem ganz jungen Kiefer habe ich in Monte Carlo mal Doppel gespielt. Neben seiner Athletik hat ihn damals sein unbekümmertes, aggressives Spiel ausgezeichnet vergleichbar mit der Spielweise von Andre Agassi. Mit seiner Vorhand lehrte er seine Gegner das Fürchten. Mittlerweile scheut er das Risiko, zieht sich aus eigener Unsicherheit einen Meter hinter die Grundlinie zurück. Als Gegner braucht man nicht wirklich mehr davor Angst zu haben, dass er einem wehtut. Er verliert jetzt Spiele, nur weil er nicht den Mut aufbringt, mehr zu riskieren.
SPIEGEL ONLINE: Nach den Rücktritten von Boris Becker, Steffi Graf und Ihnen hat das deutsche Tennis an Popularität verloren. Wie kann man da mittelfristig gegensteuern?
Stich: Da ist der Verband gefragt. Der Weg, der unter DTB-Präsident Claus Stauder eingeschlagen wurde, nämlich die Nachwuchsarbeit in externe Teams auszugliedern, war eine Sackgasse. Das Mercedes-Junior-Team von Boris Becker hat in Wirklichkeit nichts gebracht. Auch das Porsche-Team von Steffi Graf hat kaum für positive Schlagzeilen gesorgt. Das ist schade für das deutsche Tennis, schade für Boris und Steffi.
SPIEGEL ONLINE: Hätten Michael Stichs Vorschläge mehr Erfolg gehabt?
Stich: Nein, das kann man sicher so nicht sagen. Aber es gibt in Deutschland drei ehemalige Weltklassespieler, und man kann nichts falsch machen, wenn man sich das Know-how von allen zunutze macht. Es gibt nicht nur einen richtigen Weg.
SPIEGEL ONLINE: Was hat der DTB in den sportlich und wirtschaftlich erfolgreichen Jahren falsch gemacht?
Stich: Man hätte die Einnahmen erheblich besser nutzen können. Präsident Stauder hat damals nicht an die Zukunft gedacht. Er ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass man in den Jugendarbeit nicht mehr investiert hat. Ich wünsche dem neuen Präsidenten von Waldenfels, dass er das auffangen kann und den richtigen Weg einschlägt.
SPIEGEL ONLINE: Ist von Waldenfels der richtige Mann dafür?
Stich: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich ihn nicht persönlich kenne. Ich weiß, dass er sehr viele Jahre ehrenamtlich im bayrischen Tennisverband gearbeitet hat. Aber es gibt Erfahrungen, die man als Funktionär sammelt, und Erfahrungen, die ehemalige Spieler haben, die noch nicht so lange vom Sport entfernt sind. Diese verschiedenen Erfahrungen sollte man miteinander verbinden. Diesen Weg schlägt von Waldenfels jetzt anscheinend ein. Er sucht das Gespräch mit Steffi Graf und Boris Becker.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht enttäuscht darüber, dass von Waldenfels nicht auch auf Sie zugeht, schließlich haben Sie Interesse für den vakanten Posten des Turnierdirektors am Hamburger Rothenbaum angemeldet?
Stich: Ich habe nur auf Medienberichte reagiert. Ich habe gesagt, dass mir das Rothenbaum-Turnier sehr am Herzen liegt und ich den Posten des Turnierdirektors interessant finde. Ich bin bereit, mich darüber zu unterhalten. Bewerbungen allerdings reicht man nur ein, wenn man nichts anderes zu tun hat. Ich habe jedoch ausreichend zu tun. Wenn der DTB Interesse an meiner Expertise hat, muss er sich die von mir holen. Es ist aber auch vollkommen okay für mich, wenn sich der DTB lieber an andere frühere Topspieler wendet. Auf wen der DTB-Präsident zugeht, ist seinem Urteilsvermögen zu überlassen.
SPIEGEL ONLINE: Angeblich gibt es aber mittlerweile einen DTB-Geheimplan, der ihren alten Rivalen Boris Becker als Rothenbaum-Direktor vorsieht. Was denken Sie darüber?
Stich: Bei so genannten Geheimplänen muss ich immer schmunzeln. Der DTB will sicherlich die beste Lösung für das Turnier erzielen. Es liegt nicht an mir, das von außen zu beurteilen. Am Ende aber muss er sich an den Ergebnissen messen lassen.